Einst floß die Stille Musel ganz ohne eine Kurve schnurgerade durch die Donaueschinger Felder. 20 Jahre zurück: Da lebte noch nicht einmal ein Fischlein in dem begradigten Bach. Der Solgehalt war zu hoch. Dieses Problem ist mittlerweile gelöst und einige Fischarten fühlen sich wieder wohl in dem Gewässer. Doch es sind längst nicht so viele, wie es eigentlich sein sollte. „Es ist wie bei einem Wohnzimmer, bei dem das Sofa und die restliche Möblierung fehlen“, erklärt Michael Koch, Leiter des Amts für Wasser- und Bodenschutz des Kreises. Nicht nur, dass bestimmte Fischarten fehlen würden. Auch die Gewässergüte sei ein Problem. Beispielsweise fehlen im Sommer Beschattungen, die normalerweise durch den Bewuchs am Rand entstehen. So wird das Wasser zu warm.

Diese Probleme müssen bis spätestens 2025 beseitigt werden: Denn das baden-württembergische Wassergesetz und die europäischen Wasserrahmenrichtlinien schreiben vor, dass an solchen Gewässern wie der Stillen Musel die „Voraussetzungen für eine natürliche Entwicklung geschaffen werden.“ In manchen Bereichen genügt es, wenn man den Bach einfach sich selbst überlässt oder der Natur ein bisschen nachhilft. Doch es gibt auch diese Fälle, in denen in der Vergangenheit der Bach in ein schnurgerades Bett gezwungen wurde. Die Fehler der Vergangenheit müssen nun wieder behoben werden. Gründe gibt es viele: Der Naturschutz ist nur einer. Eine Rolle spielt auch das Hochwasser, denn dort, wo einst die Menschenhand eingegriffen hat, fehlen meist auch Retentionsflächen, auf denen sich das Wasser ausbreiten kann.

Es sind ehrgeizige Pläne, die die Kommunen umsetzen müssen. Denn schließlich gibt es viele Gewässer zweiter Ordnung, die in ihrer Verantwortung liegen. Der ursprüngliche Zeitplan – eigentlich war geplant, dass bis 2015 alles umgesetzt ist – konnte nicht eingehalten werden, deshalb gibt es eine Verlängerung. Auch auf Landesebene hat man eingesehen, dass die Kommunen die Aufgabe nicht ohne Hilfe schultern können. Denn es ist doch ein erheblicher finanzieller Aufwand. Deshalb fördert das Land solche Projekte mit 85 Prozent. So sind im Haushalt für die Stille Musel im Bereich Weiherhof und dem früheren Fischerhof 195 000 Euro eingeplant.

Das Projekt an der Stillen Musel gilt als Musterbeispiel, wie Naturschutz, Wasserwirtschaft und Landwirtschaft unter einen Hut gebracht werden können. Denn nicht nur die Stille Musel soll sich nach Abschluss der Maßnahme wieder natürlich durch die Felder schlängeln, auch auf die angrenzenden Felder soll die Renaturierung Auswirkungen haben. Denn an der Stillen Musel fühlt sich der Biber wohl und hat dort seinen Bau errichtet. Der Nachteil: Das Wasser staut sich und über die Drainagen, die eigentlich zur Entwässerung dienen, drückt das Wasser auf die Felder. „Wir hatten die vergangenen Jahre massive Probleme. Verschiedene Maßnahmen haben nichts geholfen und so hoffen wir auf die große Lösung“, sagt Bernhard Bolkart. Sein Bruder Stefan hat die Felder vom Fürstenhaus gepachtet und gemeinsam bewirtschaften sie die Flächen. Nun wurde ein Rohr parallel zur Stillen Musel verlegt, so dass die Entwässerung der Felder erst hinter dem Biberbau in den Bach fließt. Der Vorteil: Hinter der Behausung des Bibers ist der Wasserstand tiefer, so dass kein Wasser mehr in die Drainagen drängen kann.

Vier Jahre Planungen waren für die Maßnahme erforderlich: Und dann machte bei der Umsetzung gleich das Wetter einen Strich durch die Rechnung. „Es waren eigentlich die besten Voraussetzungen“, sagt Umweltplaner Jürgen Vögtlin, der für die Maßnahme verantwortlich ist. Das Problem war schlichtweg, dass die Musel zugefroren war. „Wir konnten deshalb nicht abfischen“, erklärt der Planer. So musste gewartet werden, bis das Eis wieder getaut war. Erst dann konnte der Angelvereinigung Donaueschingen-Pfohren ans Werk gehen. Neun Mann waren im Einsatz, um die Fische aus dem Wasser zu holen. Ungefähr 2000 Stück waren es. Die Fische haben in der Donau wieder ein Zuhause gefunden. Nun sorgt eine Blockade dafür, dass keine Fische mehr in die Baustelle schwimmen. Wenn alles fertig ist, sollen dann auch wieder Tiere eingesetzt werden.

Viele Projekte sind bereits realisiert

Gemäß dem baden-württembergischen Wassergesetz und der europäischen Wasserrahmenrichtlinie müssen an Gewässern bis spätestens 2025 die „Voraussetzungen für eine natürliche Entwicklung“ geschaffen werden. Dazu gibt es den Gewässerentwicklungsplan, der seit Längerem schrittweise umgesetzt wird.

  • Bereits umgesetzte Projekte: Am Wolfsbach in Wolterdingen wurde umfassend der Bereich von der Brücke beim Anglerheim bis zur Landstraße umgestaltet. In Pfohren sind am Bulzengraben Weichenbauwerk und Neubeschickung des Grabens umgesetzt und am Gutterquellgraben gab es verschiedene Umgestaltungen unterhalb der Gutterquelle. Auch der Marbengraben in Pfohren wurde südlich der Riedseen und im Bereich der Firma Mall umgestaltet. An der Stillen Musel ist bereits der Abschnitt von der Kreisstraße bis zur Mündung realisiert.
  • Derzeit laufende Projekte: Aktuell wird die Stille Musel im Bereich Weiherhof und am früheren Fischerhof umgestaltet und auch am Wolfsbach in Wolterdingen wird der Abschnitt vom Anglerheim bis zum Weiher realisiert.
  • Zukünftige Projekte: Noch realisiert werden müssen der Dorfbach in Aasen, der Tössebach und der Rainlesbach in Neudingen, der Pfohrbach (Golfplatz und unterhalb) sowie das Kesslerbächle zwischen Hubertshofen und Wolterdingen.

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.