An einem regnerischen Samstag im Mai 1995 wurde der Singener Paradiesbaum, ein satirisches Kunstwerk des Bildhauers Peter Lenk aus Bodman-Ludwigshafen, mit seinen vielen verschiedenen Figuren enthüllt. Seitdem zieht er Tag für Tag interessierte Blicke auf sich – doch er ist nicht nur ein Blickfang, Lenk hat ihm auch eine sozialkritische Bedeutung zugeschrieben. Was verbirgt sich eigentlich hinter der Stele in der Scheffelstraße?

Ein Denkanstoß für Passanten

Christoph Bauer, Leiter des Kunstmuseums Singen, weiß einiges über die Bedeutung des Paradiesbaums. Er sagt, die Stele mit den darauf platzierten Figuren enthalte viele Anspielungen. Denn Lenk wolle den Menschen mit seiner Kunst einen Spiegel vorhalten. Es sei moralisierend und satirisch.

Seit mehr als 20 Jahren steht der Paradiesbaum von Peter Lenk an der Kreuzung zwischen Scheffel- und Hegaustraße in Singen.
Seit mehr als 20 Jahren steht der Paradiesbaum von Peter Lenk an der Kreuzung zwischen Scheffel- und Hegaustraße in Singen. | Bild: Tesche, Sabine

Im Gespräch erklärt Christoph Bauer die Skulptur, die Peter Lenk Eva nennt. Sie trage elegante Schuhe, da das Kunstwerk in der Scheffelstraße stehe, in der damals viele gestandene Einzelhändler – und darunter vor allem Schuhgeschäfte – vertreten waren.

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Eine weitere Figur, die den Baum ziert, ist ein alter Mann mit Bärenkopf. Christoph Bauer erklärt, dass dies eine Anspielung auf den Singener Bären sei, das Wahrzeichen der Stadt.

Die Cloud: Kritik am neuen Zeitgeist

2015 versammelten sich viele Singener erneut am Paradiesbaum, da Lenk noch eine Erweiterung hinzugefügt hatte: Laut dem Singener Museumsleiter solle der aus mehreren Köpfen und Schläuchen bestehende Zusatz, den Lenk als Cloud betitelt, mächtige Persönlichkeiten satirisch darstellen. Außerdem sei es eine Kritik an den großen Mengen an persönlichen Daten, die mittlerweile über das Internet gesammelt wurden.

Peter Lenk, hat seiner Stele in der Singener Innenstadt im Jahr 2015 noch eine Erweiterung hinzugefügt. Am Tag der Enthüllung von Lenks ...
Peter Lenk, hat seiner Stele in der Singener Innenstadt im Jahr 2015 noch eine Erweiterung hinzugefügt. Am Tag der Enthüllung von Lenks Zusatz zum Paradiesbaum haben sich viele gespannte Singener in der Scheffelstraße versammelt, wie das Archivbild zeigt. | Bild: Tesche, Sabine

In der Mitte ist Barack Obama, der unter anderem Angela Merkel bei einem Telefonat abhört und dabei über sie und ihre Gesprächspartner lacht. Die Fertigstellung des Paradiesbaums sei eine Kritik am Internet, unter anderem weil der digitale Handel dem Einzelhandel das Leben erschwere, so Christoph Bauer. Und damit ist die Stele in der Singener Fußgängerzone gerade in der heutigen Zeit durchaus sinnvoll platziert.

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Die Enthüllung der Stele

Der SÜDKURIER schrieb schon vor mehr als 25 Jahren über die Enthüllung des Paradiesbaums. Ursprünglich sei ein Brunnen geplant gewesen, was aber verkehrs- und lärmtechnisch nicht umgesetzt werden konnte. Die zwölf Meter hohe und 40 Tonnen schwere Stele an der Kreuzung zwischen Scheffel- und Hegaustraße sei damals von der Scheffelstraßengemeinschaft initiiert worden. Diese habe den Paradiesbaum an den Singener Kunstverein übergeben, der sich laut Christoph Bauer heute noch darum kümmert.

Bei der Enthüllung 1995 erklärte der damalige Kulturamtsleiter Alfred Frey, dass der Paradiesbaum eine Kritik am Fitnesswahn und am Konsumzwang sei. Doch im Gegenzug dazu sei er auch eine Einladung zum friedlichen Zusammenleben, da auf der Stele Menschen von unterschiedlicher Nationalität und Hautfarbe aufeinandertreffen.

Was Passanten vom Paradiesbaum halten

Florian Trunk hält den Paradiesbaum von Peter Lenk für ein gelungenes Kunstwerk, da ihm die Sozialkritik dahinter gefällt.
Florian Trunk hält den Paradiesbaum von Peter Lenk für ein gelungenes Kunstwerk, da ihm die Sozialkritik dahinter gefällt. | Bild: Paulina Daiber

Was halten die Fußgänger in der Scheffelstraße eigentlich von Lenks Stele? Die Meinungen sind geteilt. Florian Trunk aus Singen sagt: „Ich finde den Paradiesbaum sehr gut gelungen. Mir gefällt das Karikative und die Sozialkritik.“ Auch zu der Erweiterung, die 2015 hinzukam, äußert er sich: „Es ist ein modernes Element an dem Kunstwerk.“ Außerdem finde er es gut, dass Lenk mit seiner Kunst den Leuten einen Spiegel vorhalte.

Silvia und Joachim Meißner finden den Paradiesbaum wegen seines grauen Materials nicht wirklich ansprechend. Erst nach längerem ...
Silvia und Joachim Meißner finden den Paradiesbaum wegen seines grauen Materials nicht wirklich ansprechend. Erst nach längerem Hinschauen erkenne man, was hinter dem Kunstwerk steckt. | Bild: Paulina Daiber

Zwei Touristen aus Köln sind ganz anderer Meinung. Silvia und Joachim Meißner sehen den Paradiesbaum zum ersten Mal, da sie im Urlaub in der Bodenseeregion unterwegs sind.

„Im ersten Augenblick wäre ich wirklich einfach nur an der Stele vorbeigegangen und nicht stehengeblieben, um sie mir näher anzuschauen. Die Farbe und das Design sind für mich kein Blickfang“, so Silvia Meißner. Ähnlich geht es auch Joachim Meißner: „Das Kunstwerk wirkt erst etwas kalt. Aber wenn man sich genug Zeit dafür nimmt, kann man mehr in der Kunst erkennen“, meint er.

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Der Paradiesbaum von Peter Lenk macht den Anfang einer Serie über Kunst im öffentlichen Raum. In unregelmäßigen Abständen präsentieren wir darin Kunstwerke, die in Singen buchstäblich auf der Straße stehen.