Der Auftrag

Der Untersee, unendliche Wellen, wir schreiben das Jahr 2021: Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, früher bekannt unter Redaktion Radolfzell, und seiner Besatzung. Sie wird 365 Tage lang unterwegs sein, um neue Heimaten zu erforschen, neu Belebtes und erste Zivilisationen zwischen Mettnauspitze und Rickelshausen. Viele Lichtjahre von Singen und Konstanz entfernt, dringt die Enterprise in die dunkle Materie Radolfzells vor, die Menschen in anderen, weiter entwickelten Lebensräumen so noch nicht für sich entdeckt haben: Es sind die Heimattage 2021.

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Bord-Doc Pille Laura Marinovic, Commander Spock Anna-Maria Schneider und Captain Kirk Georg Becker versuchen, Licht ins Mysterium Heimattage der Erdlinge in Radolfzell zu bringen, bevor sie Lieutenant Commander Scott wieder auf den harten Boden der Enterprise beamt.

Die erste Erscheinung

Das Computerlogbuch der Enterprise meldet beim Anflug über den Schienerberg unter dem Eintrag 17012021Querstrich10Uhr30: „Ganz Radolfzell wird von einem Flackern überzogen.“ Die unterschiedlich starke Lichtreflexion hat ihren Ausgangspunkt in einem für diese Zeiten immer noch als repräsentativ zu bezeichnenden Gebäude am Marktplatz. „Es ist nicht das Pfarrhaus, nicht das Münster – es ist das Rathaus“, klärt Spocki Schneider auf. Dort würde ein Oberbürgermeister die Rituale bestimmen. „Er hat über einen uns noch unbekannten Befehl alle elektronischen Lichtfenster in dieser Stadt in Gang gesetzt“, berichtet die Vulkanierin.

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„Erstaunlich“, attestiert Pille Marinovic. „Muss uns das beunruhigen, müssen wir Vorkehrungen treffen, sollen wir unsere Phaser in Alarmbereitschaft versetzen?“, fragt Captain Kirk Becker seine Crew. „Ich denke nicht“, sagt Spocki. „Das erinnert an einen Informationsritus. Der OB erscheint auf jedem dieser Lichtfenster und wünscht in vielen Worten ein gutes neues Jahr.“

Aha, bemerkt Kirk: „Ist der OB ein Klingonen-Herrscher?“ Nein, widerspricht Pille nach einem Blick auf den Diagnose-Tricorder: „Medizinisch betrachtet, ist er Mensch.“ Spock ergänzt: „Er heißt Staab.“ Kirk diktiert ins Logbuch: „Eintrag 17012021Querstrich11Uhr15, Staab spricht noch immer, manche Lichtfenster dunkeln bereits ab.“

Die Fahne flattert

Kurz nachdem fast alle Lichtquellen ausgegangen sind, flattert eine Fahne herrenlos über den Marktplatz. Auf dem Tuch halten ein Hirsch und ein Greif ein Schild mit drei schwarzen Löwen, allen drei Raubkatzen hängt die rote Zunge aus dem Maul, darüber ist die Schrift „Heimattage Baden-Württemberg„ zu entziffern. Spock Schneider zieht auf der Brücke der Enterprise leicht pikiert die linke Augenbraue hoch: „Rein wissenschaftlich betrachtet ist das Phänomen von hier oben aus schwer zu entschlüsseln.“ Pille Marinovic bemerkt: „Löwen sind nicht mein Ressort.“ Captain Kirk Becker befiehlt seinem Maschinenchef Lieutenant Commander Scott: „Scotty wirf den Transporter an und beam uns drei runter, wir schauen das an.“

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Auf dem Boden ruft Pille: „Aufpassen mit dem Kopfsteinpflaster!“ Kirk stolpert beim Greifen nach der Fahne und fällt fast in den Ratoldusbrunnen. Spock wartet ab, bis sich die Fahne um die Figur des Stadtgründers gewickelt hat: „Dachte ich‘s doch.“ Pille hilft beim Abnehmen des Tuchs.

Spock inspiziert das Textil und rezitiert: „Das ist das große Landeswappen, es erinnert an die hochmittelalterliche Epoche zwischen 1079 und 1268. Damals beherrschten die Staufer das Herzogtum Schwaben und bestimmten von hier aus die Geschichte des Deutschen Königreiches. Im goldenen Schild lebt das Wappen des staufischen Herzogtums Schwaben fort. Es zeigt drei schreitende schwarze Löwen. Der goldene Schild wird von einem Hirsch und einem Fabeltier, dem Greif, gestützt. Der Hirsch ist das Wappentier Württembergs und der Greif das Wappentier Badens.“

Laut Ankündigung keine Fakenews: Diese Fahne der Heimattage will Ministerpräsident Kretschmann (im Bild) beim Video-Neujahrsempfang von OB Martin Staab am 17. Januar virtuell an die Stadt Radolfzell übergeben.
Laut Ankündigung keine Fakenews: Diese Fahne der Heimattage will Ministerpräsident Kretschmann (im Bild) beim Video-Neujahrsempfang von OB Martin Staab am 17. Januar virtuell an die Stadt Radolfzell übergeben. | Bild: Achim Keller, dpa

Kirk: „Ist Staab Schwabe?“ Pille: „Medizinisch gesehen ist das kein Kriterium.“ Spock: „Falscher Ansatz. Es geht nicht um den OB. Wo die Landesfahne ist, dürfte der Landesvater nicht weit sein.“ Kirk: „Ist das der mit der grauen Bürstenfrisur und der strengen Brille?“ Spock: „Korrekt.“ Pille: „Da hinten läuft er aus dem Rathaus, mit Maske.“ Kirk diktiert für das Logbuch der Enterprise: „Eintrag 17012021Querstrich5vor12, die Stadt wirkt verlassen, bis auf einen einzelnen davon laufenden Winfried Kretschmann ist niemand zu sehen.“

Kretschmann plaudert

Spock, Pille und Kirk rennen dem Ministerpräsidenten hinterher und stellen ihn kurz vor dem Bahnhof. Kretschmann stutzt nur kurz und spricht die scheinbar Fremden an. Er tut so, als seien die drei Fremden für ihn so alltäglich wie Leute von der Presse: „Aha, die Abordnung von der Enterprise, e bissle gegendert zwar, aber erkennbar. Was wellet Se von mir?“, nuschelt Kretschmann durch seine Maske und schiebt einen Vorwurf hinterher: „Habed Se keine Mund-Nasen-Bedeckung? Habed Se in Ihrem Raumschiff no nie was von Corona gehört? Der, äh, die Schpock isch doch sonscht so schlau?“

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Commander Spock Schneider räuspert sich: „Herr Ministerpräsident, im interstellaren Raum spielt ein kleiner Virus keine große Rolle. Und wir haben ja Pille dabei.“ Der MP wendet sich an Kirk: „Captain, nehmen Sie die Maskenpflicht nicht zu leicht. Der OB hier versteht kein Spaß, der verhängt ratzfatz ein Bußgeld.“ Kirk grinst, Kretschmann warnt: „Dieser OB ist – um in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben – ein echter Klingone. Dem kommet Sie mit ihren Phaser-Pistolen nicht bei, der holt die berittene Polizei.“ Kirk nickt und klappt sein E(nterprise)-Pad auf und spricht: „Eintrag 17012021Querstrichpunkt12 für das Logbuch der Enterprise: Der MP und Commander Spock verstehen sich gut, trotz der sprachlichen Ab-, äh, Besonderheiten des Binnenlandherrschers.“

Der Ministerpräsident packt aus

Der Ministerpräsident holt drei eingeschweißte Mundnasenbedeckungen mit Löwen drauf aus seiner Aktentasche und bietet sie der Enterprise-Crew an. Pille, Spock und Kirk bedienen sich. Spocki fragt bei Kretschmann nach, ob er noch eine in XXL-Version dabei habe: „Ich brauche eine Maske mit langen Bändeln, Sie wissen schon, wegen meinen Ohren.“ Kretschmann grinst: „Hab‘ ich. Die kriegen sonst nur meine Minister, wenn ich Ihnen die Ohren lang gezogen habe. Aber die haben nicht so schöne wie Sie!“ Die Vulkanierin zieht leicht die Augenbraue hoch, dieses Mal ist es die rechte, und bindet sich den Schutz um.

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Kirk räuspert sich und hält dem MP das Tuch mit den Viechern vor die Nase: „Ich möchte ja nur ungern Ihre Unterhaltung mit Spocki stören, aber gehört die Fahne Ihnen?“ Kretschmann stutzt und nickt: „Ja, die ist mir davon geflogen.“ Pille guckt Spocki an, Spocki guckt Kirk an, Kirk guckt fragend den Ministerpräsidenten an: „Davon geflogen?“

Der MP wirkt leicht verlegen, als er erzählt: „Ja eigentlich sollte heute morgen ja die Übergabe der Fahne für die Heimattage in Radolfzell sein. Ich bin pünktlich so kurz nach Elf im Bürgersaal eingetroffen, aber kein Mensch war zu sehen. Da war die Stimme, die anscheinend mit sich selbst redete. Immer wieder flackerte Licht auf. Ich schaute hinter der Leinwand im Bürgersaal nach und auf einmal erschien dort der leibhaftige Klingonenherrscher, also der OB Staab. Er rief ganz laut: Herr Kretschmann, geben Sie mir die Fahne! Da bin ich jesesmäßig erschrocken und hab‘ die Fahne fallen lassen. Nix wie raus aus dem Haus, ausgerechnet heute habe ich meine Bodyguards nicht dabei.“

Letzter Eintrag ins Logbuch

Kirk hält sich den Finger fragend an die neue Mundnasenbedeckung: „Und wie kam die Fahne an den Ratoldusbrunnen?“ Kretschmann zeigt hinauf zu den Fenstern im Bürgersaal: „Die müssen doch in diesen Pandemietagen immer offen bleiben, wegen Luftaustausch und so. Da ist die Fahne mit meinen ganzen Aerosolen weg‘gweht. Das war schon geschpenschtisch im Rathaus. Kein Mensch, dieses Lichtflackern und nur die eine Stimme.“ Spock nickt: „Klingt logisch.“

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Kirk diktiert in sein E-Pad: „Eintrag ins Logbuch der Enterprise 17012021 Querstrich12Uhr30: Der OB hat über einen Tele-Replikator die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt, alle verschanzen sich hinter verschlossenen Türen und Fenstern. Selbst MP Kretschmann flüchtet aus dem Rathaus, eine Aufnahme in die Enterprise lehnt er dennoch ab.“ Spock bedauert das, der MP tröstet: „Ein anderes Mal, heut‘ nehm‘ ich das Raumschiff Ablachtalbahn, das ist nicht das Ofenrohr Richtung See – also die Bahnhofsunterführung, das ist der Zug auf Gleis eins.“

Kretschmann winkt, die Crew nickt, Kirk seufzt: „Letzter Eintrag ins Logbuch der Enterprise: Die Heimattage 2021 sind bis jetzt eine einzige elektronisch aufgeladene Lichtbildübertragung. Ob der OB tatsächlich ein Klingone ist, können wir nicht sagen. Es blieb bei seiner Erscheinung. Mission beendet, Scotty beam uns hoch.“

Mit dieser wenig ernst gemeinten Geschichte aus dem Raumschiff Enterprise wünscht die Redaktion Radolfzell allen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr!