Horst Theodor Schließer erinnert sich noch genau an seinen Radausflug vor ein paar Wochen. Mit seiner Frau Ingrid, einer ehemaligen Krankenschwester, kommt er auf dem Bodenseeradweg zwischen Hegne und Lindenbühl am alten Bahnwärterhäuschen vorbei. Und plötzlich ist es vorbei mit der unbeschwerten Stimmung.

„Dort in der Kurve fahren ja manche Radler recht flott“, erzählt Schließer. „An besagtem Tag fanden wir eine Gruppe von Männern vor, die um einen Herren herumstand, der offensichtlich gestürzt war. Wir boten Hilfe an, verständigten die 112 und erlebten, wie die nicht betroffenen Herren sofort erleichtert weiterzogen.“ Kurz nach dem Absetzen des Notrufs kam auch schon der Rettungsdienst und versorgte den Verletzten.

Das könnte Sie auch interessieren

Von Fragen irritiert

Alles gut gelaufen, könnte man meinen, doch Horst Theodor Schließer ist nicht zufrieden: „Ich war höchst irritiert über die vielen Fragen, die mir nach dem Wählen der 112 in dieser Situation gestellt wurden. Natürlich möchte man ja alles korrekt beantworten, aber besonders die Frage nach dem Grad der Schmerzen hat mich verwundert.“ Schließer schüttelt den Kopf: „Woher soll ich das denn wissen? Man möchte ja sichergehen, dass der Person rasch geholfen wird – und nichts verkehrt machen.“

Seine Frau ergänzt: „Das sind immer ganz besondere Situationen für alle Betroffenen, ganz besonders aber auch für die Person, die dann die Verantwortung übernimmt und anruft.“ Sie selbst sei da als Krankenschwester relativ unerschrocken, aber für die meisten Menschen sei es schon schwierig, in einer derartigen Lage einen kühlen Kopf zu bewahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Dementsprechend aufgeregt und aufgelöst erleben die Disponenten, bei denen der Notruf 112 ankommt, auch die Anrufer. José da Silva, Prokurist und stellvertretender Geschäftsführer beim DRK Landkreis Konstanz, kennt diese Situationen: „Ich habe lange Jahre als Rettungssanitäter und Disponent gearbeitet, das sind verantwortungsvolle Berufe. Man ist stark auf die Mithilfe der Anrufer angewiesen und benötigt klare Antworten auf die fünf W-Fragen, um die richtige Entscheidung zu treffen.“

José da Silva, stellvertretender Geschäftsführer beim DRK Landkreis Konstanz.
José da Silva, stellvertretender Geschäftsführer beim DRK Landkreis Konstanz. | Bild: Roland Roos/DRK

Mit den W-Fragen meint er Wo, Wann, Wer, Wie viele und das Warten auf Rückfragen. „Besonders der letzte Punkt ist enorm wichtig, denn damit versucht der Disponent herauszufiltern, wie dringend der Notdienst agieren muss und in welcher Form“, erklärt da Silva. „Dabei stellen wir unter anderem auch die Frage nach der Schmerzskala.“

Die Skala reicht von 0 wie keine bis 10 wie stärkste vorstellbare Schmerzen. Die Frage sollte unbedingt dem Verletzten gestellt und vom Helfer keineswegs selbst abgeschätzt werden. Gibt der keine Antwort, dann sollte man das dem Disponenten so sagen.

Das könnte Sie auch interessieren

„Wir kommen natürlich immer, wenn man uns anruft“, so da Silva, „die Frage nach der Schmerzskala dient lediglich dazu, einzuordnen, ob ein Rettungswagen mit ausgebildetem Notfallsanitäter plus Arzt auf den Weg geschickt wird oder ob ein Krankenwagen mit einem Rettungssanitäter ausreicht. Zudem müssen wir entscheiden, ob der Einsatzwagen mit oder ohne Sirene fährt.“

Entscheidend für den Einsatz

Aus genau diesem Grund sitzen auch ausgebildete Notfallsanitäter an der Stelle der Disponenten. Sie haben zusätzlich eine feuerwehrtechnische Ausbildung, da seit ein paar Jahren bei der Nummer 112 alle Notrufe, auch die der Feuerwehr, zusammenlaufen.

„Natürlich verstehen wir, dass sich die Menschen, die einen Notruf absetzen, in einer angespannten Situation befinden“, so da Silva. „Auf der anderen Seite ist es zwingend notwendig, dass wir diese Fragen stellen! Wir müssen ja herausfinden, wie dringend und in welcher Form reagiert werden muss.“

Das Rettungszentrum des DRK mit der Landkreis-Leitstelle am Stadtrand von Radolfzell.
Das Rettungszentrum des DRK mit der Landkreis-Leitstelle am Stadtrand von Radolfzell. | Bild: Oliver Hanser

Leider sei in den vergangenen Jahren tatsächlich die Tendenz zu beobachten, dass die Menschen im Zweifel zu oft anrufen. „Unser Leben ist in sehr vielen Bereichen immer schnelllebiger geworden. Alles, was man braucht, muss am besten sofort erledigt werden. Bedauerlicherweise erleben wir diese Entwicklung auch in unserer Branche“, sagt da Silva. „Um herauszufiltern, was es wirklich braucht und ob es sich tatsächlich um einen Notfall handelt, benötigen wir all diese detaillierten Informationen.“

Horst Theodor Schließer hat bei seinem Telefonat alles richtig gemacht. „Der Verletzte meinte, ich solle fünf auf der Schmerzskala sagen, das habe ich so weitergegeben. Aber man fragt sich natürlich, was die Zahl für Konsequenzen hat“, so Schließer nachdenklich. Die nächsten Radausflüge werden bei dem Ehepaar nun aber hoffentlich ohne derartige Zwischenfälle ablaufen.

Das könnte Sie auch interessieren