Keine zwei Wochen ist es her, dass die Verwaltung bei Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) und den Stadträten Alarm geschlagen hat. Auch der SÜDKURIER hat über die Lage von Obdach- und Wohnsitzlosen berichtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Winter naht und in Konstanz droht die Lage unter den Wohnsitz- und Obdachlosen zu eskalieren. Die Notunterkunft am Haidelmoosweg ist jetzt schon zu voll. Weil der Tagestreff am Lutherplatz wegen Corona nur noch 15 Besucher zulässt, hat sie ganztägig geöffnet: Streitereien und Polizeieinsätze nehmen zu und falls eine Covid-Infektion auftreten sollte, irgendwo, gibt es keinen Platz für Quarantäne. Ganze Bauten müssten im Covid-Fall abgeriegelt werden.

SÜDKURIER: Was ist passiert, seitdem Sie Alarm geschlagen hatten?

Markus Schubert, Leiter der Sozialen Dienste: „Unsere Botschaft ist angekommen. Als Reaktion auf die Berichte haben uns viele Konstanzer ihre Hilfe angeboten. Privatpersonen haben uns auf leer stehende Gebäude oder freie Areale aufmerksam gemacht. Vermieter haben uns Wohnungen und Ferienwohnungen angeboten. Es war wirklich eine Welle der Hilfsbereitschaft.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Bettina Parschat, Bürgeramt: „Drei Ferienwohnungen werden wir nutzen, um Platz für Quarantänebereiche zu schaffen. Wenn jemand temporär Wohnraum zu vergeben hat, kann er sich gerne beim Bürgeramt melden. Wir spüren Rückendeckung aus allen Fraktionen des Gemeinderats und verwaltungsintern. Das Hochbauamt hat uns sehr unterstützt und die räumlichen Kapazitäten der Stadt abgecheckt.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Dabei sind Sie auf eine etwas ungewöhnliche Lösung gestoßen.

Katrin Roth, Hochbauamt: „Ich bin im Hochbauamt mit zuständig für städtische Gebäude. Wir haben also den städtischen Bestand an Grundstücken, Hallen, Wohnungen durchsucht, leider war so kurzfristig keine Immobilie als Ausweichmöglichkeit für die Notunterbringung verfügbar. Allerdings haben wir ein Grundstück mit einer Halle inklusive Küche, WCs und Duschen im Industriegebiet.

Beim Brainstorming kamen wir auf die Idee: Wohnwägen

Ich habe online gesucht und bin auf den Händler in Sigmaringen gestoßen, der Wägen verkauft, die noch intakt, aber nicht mehr straßentauglich sind. Wir haben sechs Stück abgeholt. Nun sind wir dabei, die Wohnwägen und das Gelände fit zu machen. Elektriker müssen kommen, die Wägen müssen ausgemistet werden, wir brauchen Heizungen, Security, die Feuerwehr muss sich das anschauen. Sehr viel in sehr kurzer Zeit, aber ich denke, für den Winter ist es eine Lösung.“

Bild: Eva Marie Stegmann

Markus Schubert: „Erst habe ich gedacht: ‚Oh Gott.‘ Wir hatten im Mühlenweg einst eine Wohnwagensiedlung, die uns aber einige Probleme bereitet hatte. Als vor fünf Jahren die letzten Wohnwagen abgebaut waren, machte ich drei Kreuze: Aber es wäre diesmal etwas ganz anderes: Im Grundsatz eine Lösung für eine befristete Zeit und mit klaren Regeln!“

Wie geht es nun weiter?

Bettina Parschat: „Im ersten Schritt bringen wir sechs Menschen aus der Notunterkunft Haidelmoosweg unter – mit der Option, die Wägen doppelt zu belegen. Und wir wollen beim Haidelmoosweg zurück zu der Tandemstrategie mit der AGJ, um dadurch wieder stärker für Struktur im Alltag durch einen Tagestreff und Übernachtung sorgen zu können.“

Das könnte Sie auch interessieren

Schubert: „Im Palmenhaus soll am 1. Dezember zeitlich befristet über den Winter ein neuer Tagestreff starten. Dies ist in einem Nebengebäude vom Cafe Mondial. Die AGJ, die den Tagestreff am Lutherplatz betreut, übernimmt die Sozialarbeit mit einer halben Stelle.“

Also Ende gut, alles gut?

Schubert: „Wir haben jetzt zumindest das Notpflaster für den Winter, für die Pandemie. Das andere ist das strukturelle Problem in Konstanz, dem die Stadt mit dem Handlungsprogramm Wohnen begegnet.“

Ursula Leser, Fachstelle für Wohnungsangelegenheiten: „Die Mehrheit der Wohnsitzlosen, nämlich 200 von 270, lebt nicht in Notunterkünften, sondern in Übergangswohnungen. Unser Ziel ist es, sie zurück in den ersten Wohnungsmarkt mit eigenem Mietvertrag zu bekommen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Schubert: „Wenn man sich in manchen Städten eine Wohnung anschaut, hat man vielleicht drei Interessenten, in Konstanz sind es wie in den anderen Schwarmstädten 30. Dann konkurriert die Alleinerziehende aus der Hafenstraße mit Bewerbern mit einem guten Doppeleinkommen oder einer Familie, die in der Schweiz arbeitet. Sie hat keine Chance.“

Was kann man dagegen tun?

Schubert: „Wir müssen schauen, dass sich das Problem nicht weiter zuspitzt. Wir als Stadt nehmen hier Einfluss, indem wir mit dem Handlungsprogramm Wohnen ganz gezielt auch Wohnraum für diese Menschen schaffen. Wir brauchen die großen Gesellschaften wie die Wobak mit im Boot, die regelmäßig Wohnungen liefert, wie aktuell mit der Baumaßnahme im Pfeiferhölzle. Und dann müssen wir auch schauen, wie wir bei den Vermietern Anreize schaffen können.“

Ursula Leser: „Beim Projekt Wohnraumakquise versuchen wir die Vermieter zu motivieren, indem wir eine Win-Win-Situation schaffen. Wer an sozial Schwache vermietet, bekommt eine Prämie oder eine renovierte Wohnung auf Kosten der Stadt. Auch Probewohnen ist möglich. Einfach, damit diese Menschen eine Chance bekommen.“

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €