Fest installierte Notrufsäulen im Zeitalter von Handys? Diese Frage mag sich mancher verwundert stellen, der eine der zehn neuen, rot-weiß-gelben Alarmierungseinrichtungen am Konstanzer Ufer entdeckt. Doch Andreas Mihm, Projektleiter bei der Björn-Steiger-Stiftung, nennt mehrere einleuchtende Gründe.

Gerade bei schönem Badewetter habe nicht jeder sein Handy griffbereit. Oder gerade im kritischen Moment ist der Akku leer. An der Grenze kommt es überdies recht oft vor, dass das Handy in einem Mobilfunknetz des Nachbarlandes eingebucht ist.

Ein Notruf über 112 würde dann zwar nicht ins Leere laufen, aber bei der Weitervermittlung eines Unfalls würde unnötig viel Zeit vergehen.

Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn machts vor: SOS-Knopf drücken und dann die Klappe mit den Restube-Rettungsbojen öffnen.
Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn machts vor: SOS-Knopf drücken und dann die Klappe mit den Restube-Rettungsbojen öffnen. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Der von der Säule abgesetzte Notruf – ebenfalls über Mobilfunk – landet ohne Umwege bei der Rettungsleitstelle in Radolfzell. Anhand der Kennung weiß der dortige Mitarbeiter den exakten Standort und kann das geeignete Rettungsmittel gezielt entsenden.

Dabei können die auch als SOS-Säulen bezeichneten Einrichtungen noch etwas mehr. Hinter einer Klappe verborgen sind zwei Rettungsbojen, sogenannte Restubes. So ein Restube (das Wort leitet sich vom englischen „tube“ ab, also Röhre oder Röllchen) ist klein, leicht und kann weit geworfen werden, erklärt Erfinder Christopher Fuhrhop. „Weiter als sie es mit einem Rettungsring könnten“, ergänzt er.

Christopher Fuhrhop hat das Restube erfunden. Nachdem er beim Kite-Surfen beinahe ums Leben gekommen sei, habe er die Idee entwickelt. Fünf Jahre später konnte er sie für seine Ingenieurs-Abschlussarbeit verwirklichen.
Christopher Fuhrhop hat das Restube erfunden. Nachdem er beim Kite-Surfen beinahe ums Leben gekommen sei, habe er die Idee entwickelt. Fünf Jahre später konnte er sie für seine Ingenieurs-Abschlussarbeit verwirklichen. | Bild: Nikolaj Schutzbach

In dem Moment, in dem das Restube mit Wasser in Berührung kommt, bläst es sich zu einem gelben Schlauch auf, der einen Menschen über Wasser halten kann. „Das ist Erste-Hilfe, ohne dass du dich selbst in Gefahr begeben musst. Ich bezeichne das als aufblasbaren Baumstamm. Du kannst dich darauflegen und die Situation ist sofort deeskaliert“, erklärt Clemens Menge, Vorsitzender der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Konstanz.

„Das Restube ist so stabil, dass sie mit dem Auto drüberfahren können“, sagt Christopher Fuhrhop. „Wir müssen nur darauf Acht geben, dass keine Steinchen auf dem Asphalt liegen“, betont der Erfinder, schnappt sich einen Besen und kehrt die Hindernisse weg. Dann folgt die Demonstration: Clemens Menge lenkt ein Einsatzfahrzeug über die aufgeblasene Boje, die die Vorführung unbeschadet übersteht.

Eine Restube-Rettungsboje ist so stabil, dass sogar ein Auto drüber fahren kann.
Eine Restube-Rettungsboje ist so stabil, dass sogar ein Auto drüber fahren kann. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Das Aufstellen der SOS-Säulen erfolgt als Gemeinschaftsprojekt. Die Björn-Steiger-Stiftung übernimmt die Finanzierung, wofür sie wiederum Spendengelder benötigt. „Jede Säule kostet einschließlich Wartung und Montage rund 5000 Euro“, erläutert Christian Lang von der Björn-Steiger-Stiftung bei der Vorstellung am Seerheinufer beim Bodenseeforum.

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Die Technischen Betriebe der Stadt setzten die Betonsockel auf eigene Rechnung. Die Firma Restube bei Karlsruhe-Durlach lieferte die Rettungsbojen. Die Björn-Steiger-Stiftung geht zurück auf das Gründer-Ehepaar Ute und Siegfried Steiger. Dieses verlor 1969 seinen achtjährigen Sohn Björn bei einem Verkehrsunfall. Damals gab es in Deutschland noch keinen flächendeckenden Rettungsdienst. Das Architekten-Ehepaar legte mit der Stiftung den Grundstein für das heutige Rettungswesen, vom Autobahn-Notruf über die zivile Luftrettung bis hin zum Organtransport.

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Die Restube-Bojen werden seit mehreren Jahren von der DLRG getestet und eingesetzt. Sie lassen sich sogar mit einer Drohne zu einem Schwimmer in Not fliegen. Im vergangenen Jahr habe es damit eine erfolgreiche Rettung gegeben, betont Christopher Fuhrhop. „Da muss niemand reinspringen“, benennt er einen weiteren Vorteil.

Die DLRG übernahm auch die Vorauswahl der Standorte. Die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten, dazu gehört auch die Bädergesellschaft, lief so gut, dass sich die Björn-Steiger-Stiftung bereit erklärt hat, weitere fünf Notrufsäulen zu finanzieren. „Das ist ein Leuchtturm-Projekt“, sagt Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn.

Die Standorte der zehn SOS-Säulen

Die ersten zehn Standorte sind in Betrieb an den Strandbädern Wallhausen, Dingelsdorf (Klausenhorn), Litzelstetten, am Hörnle, und an der Schmugglerbucht sowie am Seerhein bei der Radbrücke, bei der Bischofsvilla, beim Bodenseeforum, bei der Krananlage an der Wasserschutzpolizei und beim Taubenhaus.

Als weitere Standorte vorgeschlagen sind: Schänzle, Seeuferweg, Hoerle-Park, Fließhorn in Dingelsdorf, in Wallhausen am Rutsch am Uferweg, wo die Taucher ins Wasser steigen. Welche es werden, stehe noch nicht fest, sagt der DLRG-Vorsitzende.

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