Sandra Simnacher muss sich immer wieder in Geduld üben. Die Krankenschwester in der medizinischen Ambulanz für Obdachlose sieht zwar in der Tagesstätte am Lutherplatz oft Menschen, die gesundheitliche Probleme haben, doch bis diese damit in die Ambulanz kommen, könne viel Zeit vergehen, sagt sie.

Auf das Angebot aufmerksam zu machen, und zu motivieren, mit ihr die Sache zu besprechen, auch das gehört zur Arbeit von Sandra Simnacher. Diese trägt der AGJ-Fachverband für Prävention und Rehabilitation der Erzdiözese Freiburg aus Spenden und Zuschüssen.

Angebot ist auf Spenden angewiesen

Rund 8000 Euro im Jahr benötigt die Einrichtung allein aus Spendenmitteln. Die Krankenschwester begleitet und berät rund 1600 Mal im Jahr wohnsitzlose Kranke.

„Wir bereiten den Boden, damit medizinische Leistungen wieder in Anspruch genommen werden können“, sagt Sandra Simnacher. Vielfach seien dazu erst einmal Gespräche mit der Krankenkasse nötig. Denn bei Menschen ohne Meldeadresse ergäben sich immer wieder Lücken bei der Krankenversicherung.

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Dies stehe im Zusammenhang mit bürokratischen Prozessen, die nicht zugeschnitten seien auf Bürger, die sich zwischen mehreren Landkreisen bewegen, und keinen festen Wohnsitz haben. Oftmals gelte eine Versicherung nur einen Monat und müsse dann wieder erneuert werden.

Unsicherheiten über die Krankenversicherung

Oftmals greife sie erst rückwirkend. Jörg Fröhlich, der Leiter der Tagesstätte am Lutherplatz, und die Krankenschwester Sandra Simnacher in der medizinischen Ambulanz dort würden sich eine Versicherungssicherheit über eine längere Zeit wünschen.

Auch Unsicherheiten über die Versicherung hielten Obdachlose davon ab, eine Praxis aufzusuchen, berichten sie. Zu Sandra Simnacher in die Ambulanz aber können sie immer kommen. Sie klärt dann ab, ob sie direkt helfen kann oder weitergehende Behandlungen beim Arzt nötig sind.

Sie hilft dabei, die Kostenübernahme durch eine Kasse zu klären und auf den Besuch beim Arzt oder in einem Krankenhaus vorzubereiten. Sie lagert für Patienten verschriebene Medikamente und unterstützt dabei, an die Einnahme zu denken.

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Seit kurzem setzt sie auch Akupressur ein. Mit der Methode, bei der bestimmte Punkte durch Druck stimuliert werden, könne sie Schmerzen lindern, ebenso Unruhe, die beim Verzicht eines Suchtmittels entsteht, oder Ängstlichkeit.

Probleme, Hilfe anzunehmen

Patienten mit psychischen Störungen hätten besondere Schwierigkeiten, Hilfen anzunehmen, beobachten Sandra Simnacher und Jörg Fröhlich. Die Angst und das Misstrauen seien oft krankheitsbedingt besonders groß.

Manchmal wollten diese Menschen nicht einmal einen Antrag auf Hilfe ausfüllen. Diese Obdachlosen lebten völlig mittellos auf der Straße und seien tatsächlich auf Almosen angewiesen. Staatliche Gelder bekämen sie nur auf Antrag.

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Manchmal seien sie, so erklären die Fachleute am Lutherplatz, gezwungen, zuzusehen, wie jemand im Elend verharre. Der Gesetzgeber räume ein hohes Recht auf Selbstbestimmung ein. „Wir sind aber da, wenn sich was bewegt“, sagt Jörg Fröhlich.

Erfolge zeichnen sich ab

Sandra Simnacher berichtet von einem besonderes dramatischen Fall, der ein gutes Ende nahm. Es sei um einen Mann gegangen, der depressiv, alkoholisiert und verwarlost in Konstanz im Freien lebte, aber nicht einsehen konnte, dass er Probleme hatte. Nach einem Besuch vor Ort sei für sie klar gewesen, dass hier ein Eingreifen zum Schutz der Person notwendig war.

In Zusammenarbeit mit einem Psychiater, dem Ordnungs- und dem Gesundheitsamt sei eine Einweisung in die Psychiatrie veranlasst worden. Es sei der Wendepunkt im Leben des Betroffenen gewesen. Nach einem Entzug vom Alkohol und weiteren Behandlungen lebe der Mann trocken. Inzwischen habe er eine Partnerin und eine Wohnung.

In der Tagesstätte können sich Betroffene aufhalten, bekommen günstiges Essen und warme Getränke. Nach Erhebungen der AGJ steigt die Zahl der Obdachlosen in ihren Einrichtungen.

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Fachverband betreut mehr Obdachlose als im Jahr 2018

Bei der Zählung zum Stichtag 27. September betreute der Fachverband in Konstanz in diesem Jahr 163 Menschen ohne festen Wohnsitz und damit 35 mehr als im Vorjahr. 36 lebten tatsächlich auf der Straße, wie Jörg Fröhlich berichtet.

Die Lage auf dem Konstanzer Wohnungsmarkt sei für Obdachlose so verheerend, dass die AGJ dazu übergegangen sei, Wohnsitzlosen aus anderen Regionen klar zu sagen, dass die Chance auf ein Zimmer bei Null liege.

Der Verlust des Arbeitsplatzes, das Ende von Saisonarbeit, Trennungen und immer öfter psychische Erkrankungen spielten bei Obdachlosigkeit häufig eine Rolle.

Alle Folgen der Serie „Wir helfen mit“ finden Sie gesammelt auf dieser Seite.

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