Konstanz wächst mit 85.000 Einwohnern weiter, immer mehr Menschen wollen in die Stadt am See ziehen – aber die Bauflächen sind knapp. Ausdehnen kann sich die Stadt kaum mehr, mit dem Hafner wird wohl eine der letzten großen Außenflächen bebaut.

Andere große deutsche Städte bauen schon längst in die Höhe oder stocken Gebäude auf. Aber passt das auch zu Konstanz?

Beginnen wir zunächst mit der Definition.

In Deutschland gilt ein Gebäude ab 22 Meter Höhe baurechtlich als Hochhaus. Damit fielen schon das Konzil (wenn man die Höhe bis zum Dachfirst rechnet) und das Hohe Haus in der Zollernstraße in diese Kategorie. 

Bild: Rau, Jörg-Peter

Doch es gibt bereits Projekte in Konstanz, die über diese Grenze hinausgehen

Am Flugplatz Konstanz etwa dürfen bald Gebäude entstehen, die rund 30 Meter hoch sein werden – obwohl der Konstanzer Gemeinderat zuvor mal die Grenze auf 22 Meter Höhe bei Neubauten festgelegt hatte.

Im 62 Meter hohen Telekomhochhaus in Petershausen will die BPD Immobilienentwicklung GmbH Eigentumswohnungen realisieren.

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Die Bewohner der obersten Penthouse-Wohnungen werden dann immerhin diesen Ausblick haben:

Petershauser Jahnstraße Fahhradstraße Blick vom 11. Stock des Telekom Gebäudes
Petershauser Jahnstraße Fahhradstraße Blick vom 11. Stock des Telekom Gebäudes | Bild: Pfanner, Sandra

Die Siegerentwürfe aus dem städtebaulichen Wettbewerb für das Areal Brückenkopf-Nord sehen auch schon sehr großstädtisch aus. Im Wettbewerb wurde eine Höhe von 50 Meter als städtebaulich verträglich festgelegt, kommentiert die städtische Pressestelle. Das Quartier solle überwiegend gewerblich genutzt werden, und in der Nähe befindet sich der Businesspark mit Gebäudehöhen von bis zu 42 Meter.

Aber auch zwei Wohnhochhäuser sowie rechts daneben ein Parkhaus mit Hotel kennzeichnen den Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros h4a:

Bild: Scherrer, Aurelia

Der Entwurf zeigt auch, wie eine Wohnung in einem der beiden Hochhäuser aussehen könnte – mit Blick über die Altstadt und den See:

Bild: Architekturbüro h4a Stuttgart

Wie der Baum auf den Balkon kommt, müsste freilich noch praxistauglich geklärt werden – aber noch ist das alles ja ohnehin nur ein architektonischer Entwurf, der gerade überarbeitet wird.

Unterdessen ist das Projekt Siemensareal schon einen Schritt weiter. Für das neue große Wohngebiet auf dem ehemaligen Siemensareal gab es den Entwurf für Hochhäuser mit zwölf Etagen.

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Das sagen die Hochhaus-Kritiker

"Als ich hierhergezogen bin, hätte ich niemals gedacht, neben einem Hochhaus zu wohnen", sagt Daniela Grünich. Die Erzieherin hat eine Wohnung im Erdgeschoss an der Bücklestraße und sieht die Pläne für das neue Wohngebiet Siemensareal kritisch:

„Man orientiert sich ausschließlich an den Industriebauten und übertrifft diese sogar noch an Höhe. Aber bei einer historischen Stadt wie Konstanz sollte man auch nach einem Gesamtkonzept fragen und sich nicht nur an den bereits vorhandenen Bausünden orientieren.“
Daniela Grünich

Der Konstanzer Ralph Braun – er wohnt in Fürstenberg – pflichtet ihr bei: "Wir sehen auch jenseits von Hochhäusern Möglichkeiten, Wohnraum zu gewinnen und Grünflächen zu erhalten." Ferienwohnungen dem Wohnungsmarkt zuführen etwa. Oder Flachdächer besser nutzen, als Garten beispielsweise. Oder Parkplätze: "Versiegelte Flächen wie ebenerdige Parkplätze nehmen extrem viel Platz in Konstanz ein". Braun kommt deshalb zu dem Schluss:

„Warum nicht Autos stapeln statt Menschen?“

Für ihn und Daniela Grünich ist klar: "Konstanz muss erst andere Maßnahmen ergreifen, bevor bei Wohnungen in die Höhe gebaut wird."

Der Konstanzer SPD-Stadtrat Alfred Reichle kommentierte den 12-Stockwerke-Entwurf auf dem Siemensareal ebenfalls kritisch:

"Je höher die Gebäude, desto weniger Nachbarschaft. Es ist nicht der richtige Weg, überall solche Blöcke hinzustellen. Wir sind keine Großstadt."
"Je höher die Gebäude, desto weniger Nachbarschaft. Es ist nicht der richtige Weg, überall solche Blöcke hinzustellen. Wir sind keine Großstadt." | Bild: Planstatt für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung Johann Senner.

Der Konstanzer Martin Hummel, wohnhaft in Allmannsdorf, ist da anderer Meinung.

"Hochhäuser können eine Stadt bereichern", sagt er. Er verstehe zwar gut, "wie angesichts der ideenlosen Hochhäuser aus den 70ern in Konstanz mancher Schnappatmung bekommt, denkt er an neue Hochbauten." Längst aber gebe es "architektonische und inhaltliche Lösungen, die durch kreative Umsetzung und gesellschaftliche Durchmischung mehr Nachbarschaft und Nutzen für die Allgemeinheit erzeugen als zersiedelte Trabantenvorstädte mit putzigen Zwei- und Dreigeschössern."

Diese Form der Nachverdichtung, so Martin Hummel, erhalte weit mehr wertvolle Grünflächen als Häuser mit Gartenidyllen:"Denn jeder in Privatgärtchen versiegelte Quadratmeter geht nicht dem Einzelnen, sondern der Allgemeinheit unwiderbringlich verloren."

Das Wohnen im Hochhaus hatte lange keinen guten Ruf

In der Tat sind Wohnhochhäuser in Deutschland früher überwiegend in Großsiedlungen auf der berüchtigten grünen Wiese entstanden. Das Ideal war – und ist teilweise bis heute – das Einfamilienhaus. Doch schon in der Debatte um das große neue Wohngebiet Hafner in Wollmatingen hielten die Stadt und die Planer von Anfang an fest: Einfamilienhäuser werde es dort nicht geben – die Zeiten seien vorbei.

Aber passen Hochhäuser nach Konstanz? Das meinen Stadtplaner dazu

"Eine flächige Bebauung mit Hochhäusern, so wie wir das aus asiatischen Wachstumsstädten kennen, ist meiner Meinung nach in einer Stadt wie Konstanz ausgeschlossen, auch in stadtteilgroßen Neubauquartieren wie dem Hafner", sagt der Konstanzer Architektur-Professor Leonhard Schenk.
"Eine flächige Bebauung mit Hochhäusern, so wie wir das aus asiatischen Wachstumsstädten kennen, ist meiner Meinung nach in einer Stadt wie Konstanz ausgeschlossen, auch in stadtteilgroßen Neubauquartieren wie dem Hafner", sagt der Konstanzer Architektur-Professor Leonhard Schenk. | Bild: HTWG

Schenk verweist auf den dänischen Stadtplaner Jan Geel, der vor Kurzem in einem Interview sagte:

„Um das Leben in einer Stadt zu ersticken, gibt es kein effizienteres Mittel als Autos und Wolkenkratzer. In den ersten vier bis fünf Stockwerken eines Hochhauses fühlen wir uns noch als Teil der Stadt, darüber hinaus werden wir zu einem abgehobenen Teil des Flugverkehrs.“

Eine absolute Absage an Hochhäuser erteilt Schenk aber nicht: Rechtsrheinisch könne er sich an geeigneten Stellen "einige weitere bauliche Akzente in der Höhe" vorstellen. "Diese müssten jedoch maßvoll ausfallen und dürften wichtige Blick- und Sichtbeziehungen nicht verstellen. Ich glaube, dass das bestehende Telekom-Hochhaus die maximal denkbare Höhe schon ganz gut ausreizt."

Ein Blick auf neue Konzepte für moderne Wohnhochhäuser

In unserer Vorstellung sind Hochhäuser triste Betonklötze am Rande der Stadt, die sich oft genug zu sozialen Brennpunkten entwickelten.

Doch längst folgt das Hochhaus in anderen Städten wie etwa Wien einem neuen Konzept. Es entsteht im Zentrum, wird von renommierten Architekten entworfen und hochwertig gebaut. 49 Stockwerke etwa wird das 160 Meter hohe Hochhaus der "Danube Flats" haben. Nach der Baugenehmigung soll im April mit dem Bau der rund 600 Eigentumswohnungen direkt an der Neuen Donau begonnen werden.

Allerdings haben die neuen, hochwertigen Bauten auch ihren Preis.

Statik, Brandschutz, Klima-, Sicherheits- oder Aufzugstechnik treiben bei Hochhäusern die Kosten in die Höhe. Hinzu kommt in unserer Stadt am See, dass der bauliche Untergrund an vielen Stellen schlecht ist.

All das macht den Hochhausbau teurer, wenn auch längst nicht in dem Maße, wie oft behauptet wird. Die Zeitschrift „Bauwelt“ beziffert in ihrem Themenheft „Zukunft Wohnhochhaus?“ den durchschnittlichen Mehraufwand mit zehn bis fünfzehn Prozent.

Die Frage bleibt aber, wie viel dann die Wohnungen kosten werden.

Vor allem dann, wenn Investoren dahinter stehen und schon die niedrigeren Wohnhäuser für die Konstanzer Wohnungssuchenden kaum bezahlbar scheinen.

Blickt man in andere Städte, sind aktuellen Beispiele von kostengünstig gebauten Hochhäusern, die bezahlbaren Wohnraum in den benötigten Größenordnungen schaffen können, schwer zu finden.

Alle Wohnungen etwa in den "Danube Flats" in Wien verfügen über eine Terrasse. Außerdem sind eine Bar mit Outdoor-Pool, Gemeinschaftsküchen, Gastronomiebetriebe, ein Fitnessbereich, private Kinosäle sowie ein Concierge-Service vorgesehen.

"High-End-Wohnen" nennen das die Immobiliengesellschaft Soravia. Immerhin: Zwischen 30 und 45 der rund 600 Apartements sollen geförderte Mietwohnungen werden.

Können also auch Hochhäuser das Wohnungsmangel-Problem nicht lösen?

"Wohnhochhäuser können einen Beitrag zur Lösung des Wohnungsmangels leisten, in unseren Breiten allerdings nur einen sehr kleinen", antwortet der Architektur-Professor Leonhard Schenk. Wer günstigen Wohnraum zur Miete oder im Eigentum fördern möchte, müsse zu anderen Bauformen greifen.