Heute vor 30 Jahren stand die Stadt Wehr im Scheinwerferlicht der Kulturwelt: Stargeigerin Anne-Sophie Mutter bekam die Ehrenbürgerwürde ihrer Heimatstadt verliehen. Selten wurde die Stadt von so vielen Prominenten besucht; Fernsehen, Radio und große Magazine waren vor Ort, um über den Weltstar zu berichten, der in seine kleine Heimatstadt zurückkehrt. Politiker, Kulturschaffende, Botschafter, Mäzene und Freunde gaben sich die Ehre. Ministerpräsident Lothar Späth, der Komponist Witold Lutoslawski, der Cellist Mstislav Rostropovich, Deutsche Bank-Sprecher Alfred Herrhausen, Kunstmäzen Paul Sacher, Bildhauer Jean Tinguely zählten zu den 290 Ehrengästen des Festakts.

Landesvater in Wehr: Hans-Jürgen Danzmann, Karl-Wilhelm Mutter, Ministerpräsident Lothar Späth, Inka Schaffmaier und Klaus Denzinger.
Landesvater in Wehr: Hans-Jürgen Danzmann, Karl-Wilhelm Mutter, Ministerpräsident Lothar Späth, Inka Schaffmaier und Klaus Denzinger. | Bild: Bild: SK-Archiv

Es war ein rauschendes Fest, wie der SÜDKURIER damals schrieb. Weil es noch keinen geeigneten Raum für die Ehrung gab – die Stadthalle wurde erst anderthalb Jahre später fertig -, wurde sie in das Gästehaus der Ciba-Geigy an der Öflinger Straße verlegt. Die Laudatio auf Anne-Sophie Mutter hielt nicht der Wehrer Bürgermeister, sondern der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth. Zu ihm hatte Anne-Sophie Mutter stets ein sehr enges Verhältnis. Schon früh hatte er das junge Mädchen gefördert, nachdem ihn sein Wirtschaftsminister Rudolf Eberle auf das unglaubliche Talent aufmerksam gemacht hatte.

Der Ministerpräsident hatte dafür gesorgt, dass Land der jungen Geigerin ihre erste Stradivari finanzierte. Ein Politikum! Als diese Förderung in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, nahm die Familie Mutter einen Kredit auf und zahlt das Geld dem Land zurück. Der Freundschaft zwischen Anne-Sophie Mutter und Lothar Späth tat dies aber keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil.

Beliebter Gast: Ciba-Geigy-Sprecher Hans-Jürgen Danzmann empfing Anne-Sophie Mutter vor dem Gästehaus an der Öflinger Straße. Bilder: <br />SK-Archiv, Walter Hilf
Beliebter Gast: Ciba-Geigy-Sprecher Hans-Jürgen Danzmann empfing Anne-Sophie Mutter vor dem Gästehaus an der Öflinger Straße. Bilder:
SK-Archiv, Walter Hilf | Bild: SK-Archiv

Dass eine 25-Jährige die Wehrer Ehrenbürgerwürde verliehen bekam, war äußerst ungewöhnlich. Anne-Sophie Mutter war erst die siebte Person, der diese höchste Ehrung der Stadt zuteil wurde – und mit deutlichem Abstand war sie die jüngste. Dies war Anlass für eine Diskussion im Gemeinderat, umstritten war die Auszeichnung aber keineswegs, wie sich der damalige Bürgermeister Klaus Denzinger erinnert. Die 25-jährige hatte längst die obersten Stufen ihrer Karriere erreicht. Schon in ihrer frühen Jugend bekam sie den Stempel „Wunderkind“ aufgedrückt, mit der Entdeckung durch Herbert von Karajan standen ihr alle Konzertsäle der Welt offen. „Die Stadt hatte Mitte der 80er-Jahre kein besonders enges Verhältnis zur Familie Mutter“, erinnert sich Denzinger, der 1986 Wehrer Bürgermeister geworden war. Die einzige enge Verbindung sei die zu Kunstpfarrer Paul Gräb und seine Frau Hanna gewesen. „Wenn im Fernsehen über Anne-Sophie Mutter berichtet wurde, hieß es: ‚Geboren in Rheinfelden’. Der Heimatort Wehr wurde nie genannt“, so Denzinger. Von diesem Tag an sollte sich das ändern. Zur Eröffnung der Stadthalle 1990 schenkte sie der Stadt einen Steinway-Flügel und spielte ein Benefizkonzert zugunsten des Altenheims. Diesem Konzert folgten in regelmäßigen Abständen weitere, deren Erlös dann an die Öflinger Diakonie beziehungsweise entsprechende Stiftungen ging.

Ein Star zum Anfassen: Sehr locker gab sich Anne-Sophie Mutter nach dem offiziellen Festakt bei der öffentlichen Autogrammstunde im Garten ihres Elternhauses.
Ein Star zum Anfassen: Sehr locker gab sich Anne-Sophie Mutter nach dem offiziellen Festakt bei der öffentlichen Autogrammstunde im Garten ihres Elternhauses. | Bild: Bild: SK-Archiv

Anne-Sophie Mutter wurde am 27. August 1988 noch eine weitere Ehre zuteil: Der Lärchenweg in dem ihr Elternhaus steht, wurde an diesem Tag in „Anne-Sophie-Mutter-Weg“ umbenannt. In den Garten des Hauses lud sie am Nachmittag die Wehrer Bevölkerung. Hier gab sie Autogramme, bis es kein Foto mehr ohne ihre Signatur gab. Volksnah, locker und ohne Allüren stand sie den Wehrern für Fotos und Fragen zur Verfügung.

Strahlten um die Wette: Ministerpräsident Lothar Späth, Anne-Sophie Mutter mit Urkunde und Bürgermeister Klaus Denzinger.
Strahlten um die Wette: Ministerpräsident Lothar Späth, Anne-Sophie Mutter mit Urkunde und Bürgermeister Klaus Denzinger. | Bild: Walter Hilf

Und wie ist ihr Verhältnis zur Heimatstadt? „In Wehr habe ich eigentlich nie gelebt“, sagte sie im SÜDKURIER-Gespräch einen Tag vor der Ehrung. Geboren ist sie in Rheinfelden, den Großteil ihrer Kindheit und Jugend verbrachte sie im Hölzle, lediglich zu den ersten Klavier und Geigestunden im Hause von Erna Honigberger, sei sie ins Talk gebracht worden. Und dennoch verbindet sie eine enge Verbindung zur Heimat, wie sie bei ihrer Dankesrede im Ciba-Geigy-Gästehaus sagte: „Wenn ich auch meine Spuren ziehe rund um den Erdball, so habe ich doch nie die Liebe zu diesem Land und zu dieser Stadt verloren.“