Das Domfestspiel „Säulen der Hoffnung“ endet mit dem Tod des Fürstabts Martin Gerbert, mit dessen Aufruf an seine Klosterbrüder zur Barmherzigkeit und mit seiner Vision des Zusammenbruchs, der dann 1806 tatsächlich in Gestalt der französischen Soldaten eintrifft, die das Kloster säkularisieren.

Es endet aber auch mit der Reaktion der Jugendlichen auf diesen Gewaltakt der Soldaten, dem Versuch, den von den Soldaten zerstörten Brunnen wieder aufzubauen, und schließlich endet es darüber hinaus mit einem Epilog, in dem die Pianistin Iara Behs-Dietsche eine die Marseillaise umdeutende Eigenkomposition spielt und Marten Krebs ein Gemälde des Berliner Künstlers Siegfried Knittel enthüllt. Ein sehr poetischer Schluss, und zugleich ein sehr nachdenklicher.

Noch während die Soldaten singend abgehen, beginnt die aus Brasilien stammende und heute in der Nähe von St. Blasien beheimatete Pianistin und Komponistin zu spielen. Die Jugendlichen formulieren ihre eigenen Gedanken zu so wichtigen Themen wie Freiheit, Frieden und Toleranz. Dazu spricht und singt der Moderator Krebs, der von der berühmten Schauspielerin Gisela May gern als „Reinkarnation der früheren Entertainer“ bezeichnet wurde, einen Text, kombiniert aus einem Zitat aus Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ und eigenen Worten.

Der Dichter Kleist, dessen Literatur ein grandioser Aufstand gegen die Gleichgültigkeit ist, scheint geradezu prädestiniert für Schlussverse in einem Schauspiel, das die Standhaftigkeit und Wahrhaftigkeit eines Menschen zeigt, der aus den Erfahrungen, die er im Leben gemacht hat, hoffnungsfrohe Lehren zieht. In einem Schauspiel, das nicht zuletzt auch eine Botschaft vermittelt, einem Schauspiel auch, das Geschichtliches mit heutigen Einflüssen in Zusammenhang setzt, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen.

„Das Leben nennt der Derwisch eine Reise“, heißt es bei Kleist, eine kurze, „von zwei Spannen diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter“. Diese Erkenntnis der kargen Lebensrealität des Menschen verbindet Krebs, analog zum Geschehen auf der Bühne rund um Nostradamus und die Pestvögel, mit der heutigen Schnelllebigkeit, mit Kontrolle, Beschattung und Ausspähung. Und wie es in Kleists Text eigentlich darum geht, zu klären, wo die Freiheit des Einzelnen endet und die Unterordnung unter das Gesetz der Gemeinschaft beginnen muss, so appelliert Krebs im Gegenzug an jeden Einzelnen, die durch den technisierten Druck erzeugte Fremdbestimmung aus dem Leben herauszunehmen, damit sie sich nicht ins Unterbewusstsein frisst.

Der Derwisch macht sich nichts aus weltlichen Gütern, ihm geht es vor allem um die Schwelle der Erkenntnis, die zwischen der diesseitigen materiellen Welt und der jenseitigen göttlichen liegt, und Krebs formuliert die Überlegung, dass die Welt nur geliehen ist. Dabei enthüllt er das Bild einer Friedenstaube, die sich in die Lüfte erhebt – ihre Flügel aber brennen. Oder sollte es besser umgekehrt heißem: Er enthüllt das Bild einer Friedenstaube, deren Flügel brennen – aber sie fliegt!? Schließlich hat der Moderator auch von der Unvergänglichkeit gesungen, und schließlich trägt das mit seinem Auftritt gerade zu Ende gehende Schauspiel das Wort „Hoffnung“ in seinem Titel: „Säulen der Hoffnung“.

Info: Es sind für alle Aufführungen der Domfestspiele sowie der Carmina Burana Karten in den Touristinformationen der HTG erhältlich. Dort können Wunschplätze ausgewählt werden. Restkarten an der Abendkasse.