Große, treuherzig dreinschauende Augen mit den längsten Wimpern der Welt, kuschelweiches Fell und ein ruhiger ausgeglichener Charakter auf Augenhöhe – so zieht einen das Alpaka bereits bei der ersten Begegnung in Bann. Je länger man in der Herde verweilt, desto intensiver werden die Annährungsversuche und die Neugier der Tiere, ob nicht irgendwo in meinen Taschen etwas Leckeres versteckt ist.

Alpakas entstammen einem rauen Klima. Dementsprechend macht ihnen der Hotzenwälder Winter nichts aus. Sie tollen sowohl im Sommer als auch im Winter über ihre Weiden. Der Schnee bremst ein wenig ihren Aktionsradius, denn sie mögen keine Nässe im Fell.
Alpakas entstammen einem rauen Klima. Dementsprechend macht ihnen der Hotzenwälder Winter nichts aus. Sie tollen sowohl im Sommer als auch im Winter über ihre Weiden. Der Schnee bremst ein wenig ihren Aktionsradius, denn sie mögen keine Nässe im Fell. | Bild: Annka Mickel

Ich bin zu Besuch bei den Alpakazüchtern des Hotzenwaldes. Gleich der erste Besuch bringt eine Überraschung: Bei den Alpakas von Andreas Kern in Engelschwand hat es in der zurückliegenden Nacht Nachwuchs gegeben. Das ist für den Winter eher ungewöhnlich, denn die Stuten können aufgrund der speziellen Zunge ihre Fohlen nicht trocken lecken. Das sollte die Sonne erledigen. Tagesgeburten in den warmen Monaten sind also eher die Regel. Verschmitzt berichtet Kern, dass der Hengst ausgebüxt ist und sich ungeplant bei den Stuten vergnügt hat.

Alpakas sind Herdentiere

Klein und zart, pechrabenschwarz und sechseinhalb Kilo leicht liegt das Fohlen ganz ruhig mitten in der Herde. Als wir uns nähern, sendet das Muttertier summende und fiepende Laute aus. Sie klingen eher besorgt als drohend. Die anderen Tiere stellen sich scheinbar beschützend dazu. Alpakas sind ausgeprägte Herdentiere. Mindestens drei Tiere sollte man halten, wenn man sich lange an ihnen erfreuen möchte.

Alpakas – hier die Rasse Huacaya mit dem kurzen Fell – sind einfach knuffig. Die Tiere, die mit Lamas verwandt sind, gibt es in vielen verschiedenen Farbschattierungen.
Alpakas – hier die Rasse Huacaya mit dem kurzen Fell – sind einfach knuffig. Die Tiere, die mit Lamas verwandt sind, gibt es in vielen verschiedenen Farbschattierungen. | Bild: Annka Mickel

Ansonsten höre ich unisono von den Züchtern, dass es sehr pflegeleichte und anspruchslose Tiere seien. Im Sommer sind sie Weidegänger auf den Steillagen in Wehrhalden, den Bergwiesen in Engelschwand oder den Feuchtwiesen in Altenschwand. Im Winter begnügen sie sich mit Heu, ergänzt um kleine Mengen Gemüsepellets. In Maßen versteht sich, Alpakas sind aus ihrer natürlichen Umgebung ausschließlich Grasnahrung gewohnt und an raue, karge Bedingungen angepasst. Ihre natürliche Heimat sind die Hochlagen der Anden in Südamerika. Ihr dichtes Fell schützt sie zuverlässig vor Kälte und Wind. Nur Feuchtigkeit mögen sie nicht so sehr.

Wolle für Allergiker geeignet

Genauso wie die Inka vor vielen Jahrtausenden, schätzen die Züchter die hervorragende Wolle der Tiere. Im Hotzenwald findet man daher zwei Rassen des Alpakas: das Suri mit einer besonders langen hochwertigen Faser und das Huacaya mit einer dichteren, dafür gröberen Faser. Und diese Faser hat es in sich. Alle Alpakazüchter schwärmen: Die Wolle sei feiner als Kaschmir und strapazierfähiger als Seide. Zudem hat sie keinen so starken Tiergeruch, da kein Wollfett wie bei Schafen enthalten ist. Das macht die Wolle für Textilien vor allem für Allergiker interessant.

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Diese Faser ist ein Hauch von nichts in der Hand. Ein wollig-weicher Alpaka-Pullover fühlt sich eher wie eine Wolke auf der Hand an. Diese Leichtigkeit entsteht, weil Alpakawolle eine natürliche Hohlfaser ist. Sie kann die Temperatur regeln, gleicht Feuchtigkeit aus und ist dabei noch schmutzabweisend. Ein Multitalent also – das seinen Preis hat. Der Preis für 100 Gramm Alpaka-Garn liegt bei neun bis 15 Euro.

Eins ist klar: Beatrice Freter und ihre Alpakas, hier Huacaya-Stute Lucy, sind ein Herz und eine Seele. Nicht alle aus ihrer Herde sind so verschmust, eigentlich sind es eher vorsichtige Tiere.
Eins ist klar: Beatrice Freter und ihre Alpakas, hier Huacaya-Stute Lucy, sind ein Herz und eine Seele. Nicht alle aus ihrer Herde sind so verschmust, eigentlich sind es eher vorsichtige Tiere. | Bild: Annka Mickel

Dennoch sind die Alpakas auf dem Hotzenwald eher Hobby als Gewerbe. Die Tiere strahlen eine große Ruhe aus und weiden zuverlässig. Beatrice Freter aus Wehrhalden hat neben ihrer Tierliebe für die Alpakas ein klares Ziel: „Ich möchte die Wolle noch besser machen in der Züchtung.“ Mittlerweile werden die Tiere nicht mehr aus Übersee importiert.

Der europäische Markt hat eine hohe züchterische Qualität erreicht. Mehrere Züchterverbände haben klare Qualitätskriterien für Wollmenge am Tier, Faser und Farben erstellt, die auf regelmäßigen Fasershows präsentiert werden. Dort kennt man sich und kann auch Tiere erwerben. Andreas Kern hat für den Tiertransport sogar eine spezielle Genehmigung und so schon vielen Tieren ein neues Zuhause beschert.

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Auf dem Hotzenwald ist man sich einig: weiße Alpakas sind langweilig. Auch wenn sie weltweit am häufigsten gezüchtet werden, weil die Faser so vielfältiger einsetzbar ist. Auf den hiesigen Weiden finden sich zwei- und einfarbige Tiere in allen Schattierungen des Braun, Weiß und Schwarz. Manchmal geht der Braunton schon fast ins Orange über. Andreas Kern hält eine gemischte Herde aus Suris und Huacaya, während Beatrice Freter ausschließlich Huacaya züchtet.

Ein bisschen Glücksspiel bleibt die Farbzüchtung immer. Alle Farben sind im Tier veranlagt und es zeigt sich erst über viele Generationen, welche Farbe sich konstant dominant vererbt. Während Kerns Stute dreifarbig ist, ist das Neugeborene pechrabenschwarz. Und auch ein reinschwarzer Hengst hat Freters schon mit rostbraun-mehrfarbiger Nachzucht überrascht.

Sechs Kilogramm Wolle pro Tier

Suris werden alle zwei Jahre, Huacaya jährlich einmal geschoren. Pro Tier kommen so fünf bis sechs Kilogramm Wolle zusammen. Nur ein kleiner Teil, das Rückendeckhaar, bringt wirklich hochwertige Wolle für Garne. Bei Freters geht alle Wolle an einen Betrieb in Niedersachsen, der Garn und Wollprodukte zurückliefert, die hier vermarktet werden.

Aus Alpaka-Wolle lässt sich allerhand machen. Das Garn aus der Rückenwolle der Tiere ist Grundlage für wärmende allergikerfreundliche Stricksacken. Oben im Bild liegt die feine Rohwolle in Naturfarben.
Aus Alpaka-Wolle lässt sich allerhand machen. Das Garn aus der Rückenwolle der Tiere ist Grundlage für wärmende allergikerfreundliche Stricksacken. Oben im Bild liegt die feine Rohwolle in Naturfarben. | Bild: Annka Mickel

Kerns verkaufen nur einen Teil der Wolle und erhalten fertiges Garn. Eine Bekannte verstrickt es zu Socken. Einen Teil der Rohwolle verarbeitet die Frau von Andreas Kern selbst am Hof in winterlicher Handarbeit. Die Wolle wird gewaschen und dann dreimal fein gezupft, bevor sie als Füllung für selbst genähte Bettwaren dient. In einem normalgroßen Kopfkissen verschwinden so 600 Gramm feinste, fast geruchsfreie Wolle. Wenn man bedenkt, dass der derzeitige Rohwollpreis bei sieben Euro je 100 Gramm liegt, ahne ich, welche Kostbarkeit ich da in Händen halte.

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Dennoch und vielleicht gerade deshalb ist der Markt für Alpakaprodukte zwar ein stetig wachsender in Europa, aber noch klein. Alpaka-Textilien sind langlebig, vielseitig einsetzbar, wärmend und temperaturausgleichend und herrlich anschmiegsam. Aber: Ein Alpaka-Pullover hat seinen Preis und kann rund 100 Euro kosten. Alpaka-Filzeinlegesohlen schützen zuverlässig vor kalten und Käsefüßen in dicken Winterstiefeln, im Selbstversuch erfolgreich getestet.

Wolle auch für Seifenherstellung

Neben Kleidung, Wollaccessoires und Bettwaren wartet das Alpaka noch mit einem Überraschungsprodukt seiner Wolle auf. Die Faser enthält eine Form des Keratins, das sich als hautpflegende Seife verwenden lässt. Beatrice Freter schwört auf die pflegende Wirkung besonders für wintergeplagte Hände. Im Onlineshop von „Walpaka“, der Alpakazucht der Familie Wassmer aus Altenschwand, findet sich Alpakaseife in vielfältigen Duftnoten und tollen Designs.

Züchter und Tiere scheinen im Falle von Alpakas ein Herz und eine Seele zu sein. Andreas Kern hat unerwartet im Winter von einer Suri-Stute Nachwuchs bekommen. Ganz genau beäugt sie, was Andreas Kern wohl mit dem Kleinen vorhat – aber sie lässt ihn gewähren.
Züchter und Tiere scheinen im Falle von Alpakas ein Herz und eine Seele zu sein. Andreas Kern hat unerwartet im Winter von einer Suri-Stute Nachwuchs bekommen. Ganz genau beäugt sie, was Andreas Kern wohl mit dem Kleinen vorhat – aber sie lässt ihn gewähren. | Bild: Annka Mickel

Selbst die minderwertige Wolle findet noch Verwendung. Ähnlich wie Schafwolle kann Alpakawolle zu Düngepellets verarbeitet werden und reichert den Gartenboden an.

Angenehme Begleiter für Menschen

Bei Züchter Andreas Kern in Engelschwand spielen die feinfühligen und ruhigen Alpakas noch eine andere Rolle, die sich jedes Jahr großer Beliebtheit erfreut. Ihre Statur macht die Alpakes für uns Menschen zu angenehmen Begleitern. Wenn tatsächlich mal Unmut beim Tier entsteht, dann wird ein Tritt angedeutet, aber nicht wirklich ausgeschlagen. Beim Halter sind sie fast verschmust und ihre Laute wirken unglaublich beruhigend. Das macht die Tiere für therapeutische Zwecke interessant. Kerns bieten jeden Sommer im Rahmen des Ferienprogramms Alpakatrekkingtouren an. 20 erwartungsvolle Kinder sind da schnell beisammen.

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So gehören diese anmutigen Tiere zunehmend zum Landschaftsbild und sind seit 1996 in Deutschland als landwirtschaftliche Nutztiere anerkannt. Ein Vorteil gegenüber Rindern, Schafen und Ziegen – sie können zwar die gefürchtete Blauzungenkrankheit übertragen, erkranken aber selbst nicht daran. Aufgrund des Übertragungsrisikos auf andere Tiere wurde bereits eine regional fürs Frühjahr angesetzte Fasershow in Südbaden abgesagt.

Äußerst soziale Pflanzenfresser

  • Herkunft: Das Alpaka zählt zu den Kamelartigen und ist eine Domestizierung des in den Anden (Südamerika) wild lebenden Vicunjas. Die Andenvölker schätzen schon seit vielen Jahrtausenden die besonders feine, wärmende Wolle der Alpakas. In Europa ist der Trend zur Alpakazucht noch recht jung. Die Art Huacaya wird sehr häufig gehalten. Die Art Suri zählt hingegen weltweit maximal 50 000 Tiere.
  • Steckbrief: Alpakas sind Pflanzenfresser, was sich an einem sehr einfach strukturierten Gebiss zeigt. Ein ausgewachsenes Alpaka bringt zwischen 50 und 60 Kilogramm auf die Waage. Die Hengste sind schwerer als die Stuten. Nach elf Monaten Tragzeit bringt die Alpakastute meist ein Fohlen zur Welt. Mit zwei Jahren sind Alpakas geschlechtsreif und erreichen ein Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Alpakas sind ausgesprochen soziale Tiere mit einer klaren Rangordnung in der Herde und dürfen daher nicht einzeln gehalten werden.
  • Wissenswertes: Alpakas zählen zu den „Schwielensohlern“: oberseits sind die Hufe verhornt, unterseits weich gepolstert. Damit weiden die Tiere auf den empfindlichen Bergwiesen des Hotzenwaldes besonders schonend. Als kamelartige Tiere haben die Alpakas ein mehrgliedriges Magensystem zur Verdauung faserreicher Nahrung. Liebevoll gemeintes Füttern beim Spaziergang mit Äpfeln oder Möhren beim Sonntagsspaziergang kann für die Tiere lebensbedrohlich werden und sollte, wie bei allen anderen fremden Tieren auch, unterbleiben.
  • Spucken: Alpakas sind zwar nicht so spukfreudig wie die mit ihnen verwandten Lamas – aber die Tiere spucken, wenn sie sich geärgert fühlen. Innerhalb der Herde wird die Rangfolge unter den Alpakas durch Spucken geklärt.

Kleine Rohstoffkunde

  • Merkmale: Alpakawolle ist feiner als Kaschmir und strapazierfähiger als Seide – aber auch vor der gefürchteten Wollmotte nicht gefeit.
  • Verwendung: Wenn man sich für natürliche Fasern entscheidet, lohnt es sich genau hinzuschauen. Alpakawolle wird für Kleidung immer mit einem kleinen Anteil Kunststofffaser verarbeitet, weil die Kleidungsstücke sonst nicht so formstabil sind. Aber wenn man für Alpakawolle bezahlt, sollte auch mindestens 60 Prozent Alpaka drin sein, raten Experten.
  • Herstellung: Aus der Wolle des Rückens wird Garn hergestellt. Aus der Wolle von Hals und Seiten lässt sich Wolle für Decken und Bettwaren gewinnen.
  • Seifen: Aus 100 Gramm Alpakawolle lässt sich Keratin für circa 30 Seifen à 50 Gramm gewinnen.
  • Wollpreis: Je nach Marktlage und Alpakarasse schwankt der Wollpreis zwischen sieben Euro 50 (Huacaya) und 15 Euro (Suri) für 100 Gramm. Um eine Alpakazucht auf Wolle rentabel führen zu können, empfehlen die Züchterverbände eine Herdengröße ab 200 Tieren.

Hier gibt es mehr Infos zu den Alpakas des Hotzenwaldes: http://www.walpaka.de
http://www.hotzenwald-alpaka.de
http://www.alfret.de