Vor unserem ausführlichen Gespräch haben wir Marina Kloiber-Jung vor der Videokamera einige einleitende Fragen gestellt und sie gebeten, sich kurz vorzustellen. Das Video können Sie sich hier anschauen.   

Video: Jens Fröhlich

Frau Kloiber-Jung, was wird aus Ihrer Sicht im Oktober wahlentscheidend sein, wenn die Bürger zum neuen Rathauschef abstimmen?

Wahlentscheidend wird sein, ob die Bürger bereit sind, einen neuen Weg zu gehen. Wollen wir so weiter machen wie bisher oder wollen wir eine ganz neue Sichtweise haben? Gibt es genug Unterstützung für mich als junge Frau mit Kindern, die Karriere gemacht hat? Ist VS für einen solchen Schritt nicht bereit, wird es aus meiner Sicht so weitergehen wie bisher.

Beschreiben Sie doch bitte diese neue Sichtweise.

Ich bin Frau, stehe mitten im Leben. So jemanden hat es hier im Rathaus noch nie gegeben. Mit mir muss man sich auf neue Sichtweisen einlassen. Der richtige Kandidat ist, wer nicht zu alt ist für junge Menschen und nicht zu jung ist für alte Menschen.

Skizzieren Sie doch bitte die Mission, auf Rupert Kubon nachzufolgen.

Für mich ist das nicht schwierig. Ich habe aber ganz andere Ansichten. Ich denke sehr konzeptionell und bin andererseits ein sehr praktisch denkender Mensch. Ich sehe es sofort, wenn um mich herum etwas nicht stimmig ist. So mache ich das als Betriebsleiterin bei der TDVS ja auch tagtäglich: Was liegt heute an, wie lösen wir das so schnell wie möglich und wie gehen wir am besten vor mit den Mitarbeitern.

Was braucht die Stadt ganz dringend?

Die Stadt braucht jemanden, der die Ärmel hochkrempelt und anpackt. Wir haben viele Jahre debattiert, das ist sicher auch teils gut. Jetzt müssen wir an die Arbeit gehen und die Themen umsetzen. Sonst werden die Zustände immer schlechter. Die Straßen gehen immer mehr kaputt, Gebäude sind immer mehr kaputt, die Jugend findet keine Räume, kein freies Wlan auf dem Marktplatz, die Pflegeheime sind beengt und haben keine Plätze. Eltern, die Kindergartenplätze suchen, sind auf ewig langen Wartelisten und Unternehmen wandern ab und wollen hier nicht erweitern. Touristen kommen nicht in unsere Stadt, weil Attraktionen wie ein Konstanzer Seenachtsfest oder Tuttlinger Honbergsommer nicht geboten werden. Wir in VS können aber mehr.

Wie können solche Vorhaben finanziert werden?

Wir müssen solche Vorhaben laufend planen, vor allem finanztechnisch. Das ist ganz wichtig. Darum sind solche Dinge in der mittelfristigen Finanzplanung aufzunehmen. Dann sehen wir anhand dieser Arbeitsliste, wo wir stehen und was wir geleistet haben. Es geht dabei auch um konkrete Benennung. Etwa: Welche fünf Straßen werden im nächsten Jahr in Villingen, Schwenningen und den Ortsteilen endlich gemacht.

Die Stadt nimmt in den letzten Jahren enorme Summen bei der Gewerbesteuer ein, zuletzt über 50 Millionen Euro: Investieren oder Schulden abbauen?

Beides. Man kann nur innovativ sein, wenn man investiert, modern in die Zukunft schaut und Vorhaben umsetzt. Es geht dabei auch um Dinge, wie neue Technik in alte Gebäude zu bringen. Das hilft ja auch bei der Reduzierung der Umweltbelastung und bringt uns weiter. Gleichzeitig müssen wir die Schulden, die wir haben, abbezahlt bekommen, dass wir schuldenfrei werden. Ich bin da ganz bei den drei großen S des Kämmerers: Streichen, Strecken, Schieben.

In VS fehlen hunderte Kindergartenplätze. Wie bewerten Sie das? Wie lösen Sie das?

Ich finde das sehr, sehr schlimm, habe das als junge Mutter auch selbst erfahren müssen und weiß, wie es ist, wenn man auf langen Listen steht und der Platz an andere vergeben wird. Wir müssen hier weitere Plätze schaffen, weil die Nachfrage ja klar da ist. Deshalb Neubau, Anbau, Umbau. Und: Eventuell neue Einrichtungen schaffen, freie Träger stärken wie Kikripp und andere. Diese Unterstützung brauchen wir. Hier muss die Stadt mit allen Seiten reden. Wir müssen auch die Einrichtungen in den Ortsteilen erweitern, umbauen. Ziel ist es, dem Bedarf gerecht zu werden.

Warum ist das so schief gelaufen?

Weil die Ämter in ihrer Alleinstruktur agieren. Das sind aber Themen, die Chefsache sein müssen. So würde ich das jedenfalls machen.

In VS gibt es einen enormen Sanierungsstau: Schulen, Straßen, um nur die dicksten Brocken zu nennen. War das aus Ihrer Sicht vermeidbar und wie wollen Sie ein solches Thema sinnstiftend für die Bürger anpacken?

Hätten wir jedes Jahr einen größeren Betrag investiert, wäre das bestimmt schon in gewisser Weise vermeidbar gewesen. Infrastruktur muss unterhalten werden. Wir müssen hier jedes Jahr investieren. Ich will das durchstrukturieren, wir haben dazu auch Gutachten. Es muss geplant werden: Welche Straßen sind dran, welche Unternehmen machen das, unsere Eigenbetriebe müssen gestärkt werden, die TDVS hat das ja vor 15 Jahren selbst gemacht. Die Mitarbeiter kann man hier schon mehr in die Pflicht nehmen.

Weshalb gab es aus Ihrer Sicht in VS den jahrelang dauernden Eiertanz um ein neues Jugendkulturzentrum?

Ich glaube, es wird immer dann diskutiert, wenn man selber nicht genau weiß, was man will. Gefehlt hat ein vernünftiges Konzept für alle. Der Wille zum Umsetzen war hier auch nicht vorhanden. Wir haben zwar geplant, aber die finale Umsetzung war nie im Haushaltsplan verankert. Es gibt hier auch zu viele Gutachten und Projektkosten. Das ist auch allgemein ein Problem in VS. Wir haben immer schon Ansätze. Aber es bleiben viel zu oft auch nur Ansätze.

Weshalb gibt es so lange Wartelisten für Betreutes Wohnen und in Pflegeheimen?

Das Problem für die Angehörigen ist groß. Die Situation in den Familien spitzt sich oft von heute auf morgen zu, eher selten sind das jahrelange Entwicklungen. Der Pflegebereich ist natürlich finanziell schwierig. Ich denke da an die Verhandlungen mit den Pflegekassen: Man bekommt als Einrichtung selten das finanziert, was man gerne machen würde. Mehr Plätze heißt ja zum Schluss auch einen höheren Finanzbedarf. Wir haben aber die Daseinsvorsorge. Also brauchen wir noch mehr Pflegeplätze. Typisch in Villingen-Schwenningen: Man sieht das Problem, nimmt es auch ernst, aber setzt nichts um. Es erfolgen keine weiteren Schritte. Die Projekte werden nicht finanziell aufgesetzt, es wird nicht zu Ende geplant, nicht wirklich das Problem abgearbeitet. Stattdessen werden immer neue Projekte angedacht. Das ist gut und schön, wir müssen aber erst mal die letzten Jahre aufarbeiten.

Sie sagen, die letzten Jahre aufarbeiten: Wer oder was hat da versagt?

Ich bin nicht für Schuldzuweisungen. Das waren sicherlich auch andere Zeiten, es mag auch andere Prioritäten gegeben haben. Man muss jetzt einfach die Sollmenge sehen und das abarbeiten. Das habe ich jetzt auch bei den Technischen Diensten so gemacht, dafür wurde ich eingestellt.

Wie schafft Villingen-Schwenningen kostengünstigen Wohnraum im Sinne einer guten Stadtentwicklung?

Wir müssen hier schauen, wo wir Flächen dafür haben. Hier geht Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Ich denke als positives Beispiel an das neue Projekt der Wohnbaugesellschaft am Falkenring. Das waren früher schon Gettos. Die Menschen müssen Teil der Stadt sein. Unser neues Rathaus ist ein Beispiel dafür. Hier werden ja auch bestehende Gebäude auf dem Kasernenareal verwendet. Das ist ein gutes Konzept.

Was bauen Sie als OB auf den Tonhallenplatz?

Das überlege ich mir genau. Der Platz ist viel zu schade für eine schlechte Lösung. Ich denke hier an eine Bürgerbeteiligung, wie das Gelände für Villingen-Schwenningen gut genutzt werden kann. Mein persönlicher Vorschlag heißt: Tonhalle zwei, baulich verbunden mit Tonhalle eins über der Bertholdstraße.

Wie entwickeln Sie die freie Fläche zwischen V und S?

Was wir ganz dringend brauchen sind Freizeitanlagen für Jung und Alt. Ich kann mir hier auch ein Jugendcafé und eine Bibliothek vorstellen mit Onlineangeboten. Hier kann man Villinger und Schwenninger zusammenbringen: Etwa in Parkanlagen, wir hatten früher so schöne, da müssen wir einfach ran. Ich kann mir hier auch vorstellen, dass die Bürger gemeinsam etwas anpflanzen, Gärten unterhalten, Streuobstwiesen pflegen. So etwas finde ich ganz toll und zwischen den beiden Stadtbezirken ist der richtige Platz dafür.

Kleine Schulen in den Dörfern lassen oder schließen und größere Einheiten bilden?

Ich würde die Schulen in den Teilorten belassen. Die Zahlen dafür müssen aber stimmen. Ist das der Fall, gilt es diese Einrichtungen zeitgemäß zu entwickeln. Wir wollen ja Zuzug ermöglichen. Deshalb ist die Infrastruktur vor Ort sehr notwendig.

Sie sind als OB Chef einer Verwaltung: Beschreiben Sie bitte, wie diese 1453 Mitarbeiter in fünf Jahren arbeiten werden.

Ich bin ein Mensch, der immer wissen will, wie andere ticken. Deshalb mache ich eine Mitarbeiterumfrage zu Beginn meiner Amtszeit. Wie werden die Dinge bewertet, was gibt es für Wünsche? Ich werde alle Einheiten besuchen, um mir ein Bild zu machen: Was läuft da? Danach werden wir mit allen Ämtern die Themen priorisieren und dann geht es an die Umsetzung. Die Mitarbeiter sollen mitwirken, als Chef darf ich keine Konkurrenz fürchten, die Ideen der Belegschaft gelten lassen, ich muss Kritik annehmen, der Mitarbeiter darf keine Angst haben. Mitarbeiter sind Fachleute und sollen sich einbringen. Das ist heute oft nicht so.

Beschreiben Sie doch bitte das Stadtleben nach acht Jahren Ihrer Regentschaft. Was hat sich dann verändert und worauf dürfen sich die Menschen bei Ihnen verlassen?

Da wird sehr viel sehr anders aussehen. Wir werden Projekte abarbeiten, alles aufarbeiten, was im Argen liegt. Straßen, Schulen, das muss kontinuierlich und mit einer Finanzstruktur laufen. Unsere Stadt wird marketingtechnisch so entwickelt, dass jeder in Baden-Württemberg weiß, wir haben ein sehr schönes Oberzentrum und kein Dorf. Dass klar ist: Hier kann man gut ausgehen, gut essen und Kultur und Tradition erfahren.

Nennen Sie doch einmal Ihre positiven Eigenschaften.

Ich bin auf jeden Fall zuverlässig, sehr loyal gegenüber Mitarbeitern, egal was passiert. Ich bin auch sehr bodenständig, sehe, wie die Verhältnisse hier sind, von daher bin ich realistisch unterwegs. Ich leiste sicher auch mehr als ich muss, deshalb haben wir bei den Technischen Diensten große Erfolge erzielen können: Wir haben 30 Prozent vom Fuhrparkbestand erneuert, wir haben Altbestand an Fahrzeugen zu 30 Prozent verkauft und ausgelöst, dadurch haben wir Kosten minimieren können, der Reparaturaufwand ist weg, die Personalkosten für den Unterhalt alter Technik fallen weg. Lagerbestände sind geordnet, erfasst und alles ist im Blick. Bekanntlich arbeite ich ausstehende Jahresabschlüsse auf, die Mitarbeiterzufriedenheit hat sich verbessert.

Und Ihre negativen Eigenschaften sind?

Ich bin ein sehr flotter Typ, mir kann es oft nicht schnell genug gehen. Ich bin ungeduldig, will eben rasch vorankommen, will nichts liegen lassen.

Wenn Sie nicht gewählt werden, was dann?

Dann gehe ich ganz normal meiner Tätigkeit nach und werde versuchen, die Technischen Dienste gut voranzubringen. Da ist noch viel zu tun.

Es wird in der Stadt anhaltend darüber debattiert, wie Sie sich um das Amt des Rathaus-Chefs und Ihre kleinen Kinder gleichsam kümmern können. Wie Sie wissen, gab es dazu auch schon Leserbriefe. Erklären Sie es uns doch bitte.

Ich habe zwei Kinder, zwei und fünf Jahre alt, auf die ich sehr stolz bin. Ich lebe derzeit vom Vater der Kinder getrennt, wir beide sind aber die Eltern und nehmen diese Aufgabe zu gleichen Teilen wahr. Wir sind uns auch dieser Verantwortung sehr bewusst und nehmen das sehr ernst. Wir wechseln uns bei der Betreuung der Kinder ab, meine Kinder sind völlige Mamakinder. Die Kinder sind von 8 bis 16 oder 16.30 Uhr im Kindergarten, haben dort viele Freunde. Anschließend ist Elternzeit zuhause. Ich kann das so gut koordinieren, die Arbeit aufteilen. Ich arbeite heute auch oft abends, klappe den Laptop auf. Dann habe ich auch die notwendige Ruhe und bin sehr fokussiert, kann auch komplizierte Themen sehr gut durcharbeiten.

Sie haben als CDU-Mitglied nicht die Unterstützung der VS-CDU erhalten. Was macht das mit Ihnen?

Ich Moment noch nichts. Ich bin nach wie vor CDU-Mitglied und ich freue mich, wenn CDU-Mitglieder mich gut finden.

Macht eine Frau den Job des Oberbürgermeisters anders als ein Mann?

Bestimmt, auf jeden Fall. Ich mache das sicherlich mit einem gewissen Charme und Verhandlungsgeschick und bestimmt auch mit Durchsetzungsfähigkeit, die man so nicht erwarten würde. Ich denke, ich kann einen guten Zugang zu den Mitarbeitern aber auch zu den Verhandlungspartnern gewinnen.

War Ihre Bewerbung eher spontan oder wollten Sie das schon immer?

Also spontan war es nicht. Als klar war, dass VS einen neuen OB braucht, habe ich gesagt, ich probiere das jetzt. Ich kann nichts verlieren. Ich denke, dass ich fachlich und menschlich sehr geeignet bin für diese Position. Ich bin in den letzten Jahren immer wieder aufgestiegen, habe das gut gemeistert und traue mir das Amt zu.

Fragen: Norbert Trippl