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Berthold Haberer

Berthold Haberer ist am 13. Februar 1882 in Offenburg geboren. Er war das jüngste von neun Kindern. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern durfte er mehr lernen und war begabt im Rechnen. Das Wirtschaftliche zog ihn an und er wurde ein Kenner des Finanzwesens. Der Badischen Staat stellte ihn im Finanzamt ein. 1925 zog er nach Villingen. Zwei Jahre später heirate er Georgine. Fast elf Jahre lang, vom 15. August 1929 bis zum 7. August 1940, lebte die Familie in der Herdstraße 18. Ende 1929 kam Sohn Josef zur Welt. Es war eine glückliche Zeit, die jedoch nicht lange anhielt. Bis zum April 1933 arbeitete Berthold beim Finanzamt. Als er seine Arbeit aufgrund seiner „Rasse“ und Religion am 1. April fristlos verlor, half ihm zunächst Rechtsanwalt Bernhard Schloß mit einer Stelle in seiner Kanzlei.

Stolperstein für Berthold Haberer
Stolperstein für Berthold Haberer | Bild: Fröhlich, Jens

Aber auch die wurde boykottiert. Georgine versuchte die Familie mit Näharbeiten über Wasser zu halten. Berthold Haberer war immer ein ruhiger, zurückgezogener aber arbeitsamer Mensch. Die religiöse Familie lebte in armen Verhältnissen. Das Ehepaar entschloss sich, wenigstens Sohn Josef zu retten, der nicht mehr in die Schule durfte, gehänselt wurde und vereinsamte. Berthold brachte ihn bis an die holländische Grenze. Dort verabschiedeten sie sich für immer. Im August 1940 mussten die Haberers zwangsweise ihre Wohnung verlassen und in ärmliche Verhältnisse in die Schlösslegasse 2 umziehen. Am 22. Oktober 1940 wurden Berthold, Georgine und das erst sechs Monate alte Pflegekind Bella nach Gurs deportiert. Die Lagerverhältnisse waren unbeschreiblich. Getrennt von Georgine und Bella starb Berthold am 7. Januar 1942 aufgrund der katastrophalen hygienischen Verhältnisse. Seine letzte Ruhestätte fand er am Rande der Pyrenäen. 

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Georgine Haberer

Georgine Haberer, geborene Seckels, wurde am 21. November 1893 in Aurich geboren. Dort besuchte sie die Schule und erlernte den Beruf einer Schneiderin in Hamburg. In ihrer Heimatstadt Aurich heirate sie am 25. Oktober 1925 den aus Offenburg stammenden Berthold Haberer. Zusammen zogen sie nach Villingen in eine Drei-Zimmer-Wohnung in der Herdstraße 18, wo 1929 auch Sohn Joseph geboren wurde. Als Berthold nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten seine Arbeit beim Villinger Finanzamt verlor, versuchte Georgine eine Schneiderwerkstatt zu eröffnen. Der allgemeine Boykott gegen jüdische Geschäfte traf jedoch auch sie. Alle Bemühungen waren vergeblich, die Kunden blieben aus. Georgine wird als zurückhaltende Person beschrieben, die kaum in der Öffentlichkeit in Erscheinung trat.

Stolperstein für Georgine Haberer
Stolperstein für Georgine Haberer | Bild: Fröhlich, Jens

Ihr Vater Joseph Seckel starb 1936 mit 75 Jahren im Krankenhaus in Aurich, nachdem er auf dem Weg zur Synagoge offenbar von einem Auto absichtlich angefahren und schwer verletzt worden war. Die Reise zu seiner Beerdigung war die letzte gemeinsame Reise der Familie. Sie waren gewarnt. Eine Auswanderung war jedoch zu teuer. Die Mittel reichten gerade, um ihrem Sohn einen Platz in einem Kindertransport nach England zu ermöglichen. Am 10. November 1938 brachte ihr Mann den 9-Jährigen nach Holland. Die Mutter konnte ihn nicht begleiten, was ihr das Herz zerbrach. Zusammen mit Berthold und Pflegekind Bella Kohn wurde Georgine nach Gurs deportiert. 1941 nahm Germaine May die inzwischen erkrankte Bella in ihre Obhut. Nach dem Tod ihres Mannes war Georgine ganz allein. 1942 wurde sie von von Gurs über Drancy nach Auschwitz deportiert. Vermutlich noch am selben Tag, dem 12. August 1942, wurde sie ermordet.

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Josef Haberer

Josef Haberer, wurde am 31. Januar 1929 in Villingen geboren. Seine Eltern Berthold und Georgine Haberer waren gläubige Juden und lebten zur Miete in der Herdstraße 18. Die jüdische Gemeinde in Villingen umfasste weniger als zehn Familien. Die Haberers waren arm, mussten aber nicht hungern. In der Schule wollte Josef sein wie seine Mitschüler. Er wollte Deutscher sein. Dafür wurde er von seinen Eltern geschlagen, als er zuhause einmal „Heil Hitler“ sagte und den Arm dazu hob. Von Mitschülern wurde er verschmäht und gehänselt. Es war eine harte Schulzeit. Kurpark, Schwimmbad und viele andere Dinge waren für Juden tabu. Josef fragte sich: „Warum ich?“ Seine Eltern fühlten sich als Deutsche und erzogen auch Josef so. Am 10. November 1938, am Tag nach der Kristallnacht, zeigten seine Mitschüler mit dem Finger auf ihn. Die Lebensverhältnisse wurden unerträglich. Josef musste die Schule verlassen und seine Eltern beschlossen, ihn in Sicherheit zu bringen.

Symbolischer Stolperstein für Josef Haberer
Symbolischer Stolperstein für Josef Haberer | Bild: Fröhlich, Jens

Er verließ Deutschland Anfang Dezember 1938 im Alter von knapp zehn Jahren. Mit einem Kindertransport ging es per Schiff zusammen mit vielen anderen Kindern im kältesten Winter seit hundert Jahren nach England. Er sah seine Eltern nie wieder. Bis 1946 lebte Josef in England in einer Herberge für Flüchtlingskinder. Ein Onkel und eine Tante aus Kalifornien ermöglichten ihm, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, wo er studierte und an der an der Berkeley-Universität promovierte. 35 Jahre lang lehrte er an der Purdue Universität in Indiana. Dort war er bis 1999 Professor für Politologie und Direktor der Jüdischen Studien. 2009 war er auf Einladung des Oberbürgermeisters noch einmal in seiner Heimatstadt Villingen zu Besuch. Josef Haberer starb 2013 im Alter von 84 Jahren.

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Bella Kohn

Bella Rachel Kohn wurde am 2. April 1940 geboren. Ihre Mutter war Anni Kohn, die zuletzt zusammen mit ihrer Mutter, ihrem Bruder Wilhelm und dessen Frau in Stuttgart lebte. Dort hatten sie Pflegekinder bei sich aufgenommen, manchmal auch erwachsene Kostgänger. Aus einem Brief geht hervor, dass Anni Kohn ihre Tochter Bella als Säugling zu Pflegeeltern nach Villingen gegeben hatte, dem Ehepaar Haberer, um selbst ihre kranke Mutter betreuen zu können und durch die Aufnahme von Pflegekindern die Familie zu ernähren. Zusammen mit ihren Pflegeeltern Georgine und Berthold Haberer wohnte Bella Kohn erst in der Villinger Herdstraße 18, dann in der Schlösslegasse 2. Ihren eigenen Sohn Joseph hatten die Pflegeeltern 1938 mit einem Kindertransport nach England gerettet.

Symbolischer Stolperstein für Bella Kohn
Symbolischer Stolperstein für Bella Kohn | Bild: Fröhlich, Jens

Nun sorgten sie liebevoll für die kleine Bella. Die Pflegeeltern konnten jedoch nicht verhindern, dass die kleine Familie am 22. Oktober 1940 in das Lager nach Gurs deportiert wurden. Bella war damals gerade sechs Monate alt. Die Familie wurde voneinander getrennt und Pflegevater Berthold starb an den Strapazen des Lagers. Bella überlebte die schrecklichen Lagerverhältnisse wie durch ein Wunder. 1941 nahm Germaine May, eine junge Krankenschwester aus Limoges, die inzwischen erkrankte Bella in ihre Obhut, um sie aus dem Lager nach Limoges zu bringen. Dort versteckte May Bella in einem Kinderheim. Bei dieser Frau, ihrer Retterin, wuchs sie später auch auf.

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