Besondere Gäste konnten Friedrich Engelke und Heinz Lörcher vom Verein Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen in Villingen begrüßen. Werner Gideon ist mit seiner Frau Sheila und seinen Kindern Jerry, Randy, Laurell und Michel aus Chicago nach Villingen gekommen, um ihnen sein ehemaliges Elternhaus in der Niederen Straße 43 und weitere Spuren jüdischen Lebens in Villingen zu zeigen.

Es war im August 1939, als die ganze jüdische Familie aufgrund der Verfolgungen durch die Nationalsozialisten über die Schweiz in die USA emigrierte. Zuvor war der Vater Robert Gideon nach dem Novemberpogrom ins Konzentrationslager Dachau verschleppt worden zur „Umerziehung“. Nach zwei Wochen kam er zurück mit der Aufforderung, aus Deutschland zu verschwinden. Robert Gideon war als Kaufmann in Villingen tätig und Mitglied der Narrozunft. Zwei Kinder hatten die Gideons, Werner und seine ältere Schwester Helga Suse.

Werner Gideon vor seinem Elternhaus in der Niederen Straße 43.
Werner Gideon vor seinem Elternhaus in der Niederen Straße 43. | Bild: Roland Dürrhammer

Gestern stand Werner Gideon nach 1972 und 1994 zum dritten Mal vor seinem Elternhaus in der Niederen Straße 43. An seine Kindheit in Villingen kann er sich der heute 82-Jährige kaum erinnern. Es waren die Erzählungen seiner Mutter, die manches in Erinnerung gerufen haben. Bei seinen Erzählungen wechselt Gideon immer wieder von Englisch in ein sehr gutes, fast akzentfreies Deutsch. Weil der Großvater Michael Bloch nie Englisch lernte, sei zu Hause immer Deutsch gesprochen worden und das habe er sich erhalten.

Seine Mutter Elsa Gideon, geborene Bloch, hatte es schwer getroffen, ihr Villingen verlassen zu müssen mit den vielen Freunden und der Villinger Fasnet, zu der sie einen engen Bezug hatte. Sie wäre gern nach dem Krieg zurückgekommen, der Vater aber nicht. „Ich bin ihr Liebling gewesen“, beschreibt er die innige Beziehung zu seiner Mutter und war den Tränen nahe.

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In Villingen sei sie eine angesehene Frau gewesen. Angekommen in New York sei man mit nichts außer dem Gepäck, ohne die Sprache zu kennen. Sie musste als Putzfrau Geld verdienen, um überleben zu können. Der Vater arbeitete in einer Klinik als Nachtkoch und konnte so manchmal Übriggebliebenes mit nach Hause nehmen. Zum Anziehen hatten sie nur die wenigen Kleider, die sie aus Villingen bei sich hatten.

Sein emotionalstes Wiedersehen in Villingen war 1972, als Werner Gideo in der Apotheke, die mittlerweile in der Niederen Straße 43 war, nach Albert Strengert fragte. Als sie sich sahen, fielen sie sich in die Arme. Strengert konnte nicht glauben, ihn jemals wieder zu sehen.

Die ganze Familie Gideon vor dem Elternhaus in der Niederen Straße 43 in Villingen.
Die ganze Familie Gideon vor dem Elternhaus in der Niederen Straße 43 in Villingen. | Bild: Roland Dürrhammer

Weil Gideon noch kein Hotelzimmer hatte, durfte er in seinem ehemaligen Kinderzimmer übernachten. Die Strengerts, eng befreundet mit der Familie Gideon, hatten 1951 das Haus des Großvaters Michael Bloch gekauft.

Werner Gideon ist heute ein zufriedener Mensch. Er konnte Pharmazie studieren und hatte zwei Apotheken. Deutschland trägt er heute nichts mehr nach, weil er sieht, dass die Bundesregierung aktiv etwas gegen den Antisemitismus tut und auch Handelsbeziehungen zu Israel unterhält. „Als junger Mensch hatte ich noch eine Wut im Bauch und es vermieden, deutsche Produkte zu kaufen“, sagt Gideon.

Seine größte Freude war es jetzt, den Kindern die Wurzeln ihrer Vorfahren zeigen zu können. Seine Kinder waren es auch, die ihn animierten, die Reise zu unternehmen, solange er noch laufen könne.

Für Friedrich Engelke war die Begegnung mit den Gideons sehr wertvoll, weil es ein Anliegen des Vereins Pro Stolpersteine sei, den Schicksalen der jüdischen Familien in Villingen-Schwenningen zu gedenken. Enttäuscht zeigte er sich von der Verwaltungsspitze. „Kein Vertreter hatte heute Zeit, die Gideons zu empfangen, aber wenn irgendwo eine Baugrube mit einem Spatenstich eröffnet wird, sind sie dabei“, grollt Engelke. In Horb, dem Geburtsort von Gideons Vater, seien sie vom Bürgermeister empfangen worden.