Auf der Ablachtalbahn von Stockach nach Mengen sollen wieder reguläre Personenzüge fahren – für dieses Ziel werben seit einiger Zeit Akteure der Zivilgesellschaft. Doch wenn es an die konkrete Umsetzung geht, wird die Sache kompliziert. Darum ging es in der jüngsten Sitzung des Stockacher Gemeinderats. Die Diskussion lässt sich auf die Frage zuspitzen: Sollten die Kommunen die Strecke kaufen und betreiben oder das Land? Der Stockacher Gemeinderat hat einstimmig entschieden, dass er das Land in der Pflicht sieht. In einer Resolution, die die Stadtverwaltung vorgeschlagen hatte und der das Gremium einstimmig zustimmte, heißt es: „Deshalb wird dieses Projekt als Aufgabe des Landes Baden-Württemberg betrachtet.“

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Außerdem steht in dem Text: „Die Stadt begrüßt die Überlegungen des Landes zur Reaktivierung der Ablachtalbahn.“ Die Bahnstrecke solle eine „deutlich überregionale Bedeutung erlangen“, außerdem seien langwierige und teure Vorarbeiten nötig. Die Bahnverbindung ergebe nur überregional Sinn, bekräftigt Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz auf Anfrage. Laut dem Text, den der Gemeinderat nun verabschiedete, werden sich die Kommunen bemühen, ihre Aufgaben entsprechend der Zuständigkeit zu erledigen. Es müssten aber auch die verkehrlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Dies spielt auf die Befürchtung an, dass durch Bahnübergänge lange Staus in Stockach entstehen.

„Ich gehe nicht mit einer Bahnstrecke in die Unternehmerschaft.“ Rainer Stolz, Bürgermeister
„Ich gehe nicht mit einer Bahnstrecke in die Unternehmerschaft.“ Rainer Stolz, Bürgermeister | Bild: Arndt, Isabelle

Seit Juli liegt ein Gutachten zu den Kosten vor, das die Kommunen Stockach, Mühlingen, Meßkirch und Sauldorf in Auftrag gegeben haben. Demzufolge werden für Mehrzugbetrieb auf der Strecke Investitionen von knapp 15 Millionen Euro notwendig. Darin sind der Kauf oder Kosten für den Betrieb nicht enthalten. Und die Gutachter der Erms-Neckar-Bahn AG betonen, dass es sich um eine „grobe Abschätzung“ handle. Allerdings gebe es nach Landes- und Bundesgesetzen erhebliche Zuschüsse dafür. Für reinen Güter- oder Touristenverkehr werden wesentlich niedrigere Summen angesetzt (siehe Text unten), die in der Sitzung aber keine Rolle spielten.

Es soll mehr sein als bloßer Wochenendverkehr

Wie positioniert sich Stockach? Wolfgang Reuther (CDU) fürchtet, dass die Kommunen schon vorher in die Pflicht genommen werden sollen. Auch Stolz sagte: „Wenn man in die Rolle des Bittstellers um Zuschüsse kommt, ist das kein fairer Umgang mit den Kommunen.“ Über eine Beteiligung unter Federführung des Landes könne man aber reden. Jürgen Kragler (CDU) bezeichnete die mögliche Wiederbelebung als „Chance, die sich in 100 Jahren nicht bietet.“ Er und Reuther sprachen sich allerdings gegen einen reinen Wochenendverkehr wie auf der Pfullendorfer Räuberbahn aus.

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Wolf-Dieter Karle wies auf Verkehrsprobleme in Stockach hin: „Wer die Bahn will, bevor die Autos aus der Stadt draußen sind, produziert einen Verkehrsinfarkt.“ In den Augen von Thomas Warndorf (SPD) ist der Kauf einer Bahnlinie „Irrsinn“. Alice Engelhardt (Grüne) kritisierte, dass der Resolutionstext lediglich die Finanzierung hin- und herschiebe. Außerdem hätte sie das Gutachten zu den Kosten, das den Ratsunterlagen nicht beigefügt war, gerne vor der Abstimmung gelesen. Die Grünen forderten eine Vertagung, bis man das Gutachten lesen konnte, ein Antrag von Engelhardt scheiterte aber bei elf Ja- und zwölf Nein-Stimmen.

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Der Förderverein Ablachtalbahn hadert mit der Ratsentscheidung. Der Vorsitzende Severin Rommeler war bei der Sitzung und sagte, es sei zwar positiv, dass die Stadt die Landesbemühungen unterstütze. Man habe aber auf Wochenendverkehr gehofft, um die Strecke zu sichern. Und: „Das Land kauft keine Eisenbahnstrecken.“ Er befürchte daher, dass der Beschluss das Vorhaben blockiere. Das Verkehrsministerium in Stuttgart bestätigte, dass das Land noch nie eine zu reaktivierende Bahnstrecke gekauft habe. Dies hätten bislang Unternehmen oder Kommunen getan – letzteres bei der Räuberbahn. Bürgermeister Stolz schreibt auf Anfrage, er müsse sich nicht dazu äußern, wer die Strecke kaufen soll.

Auch bei den Zuschüssen gehen die Meinungen auseinander: Während der Förderverein argumentiert, deren Höhe sei gesetzlich festgeschrieben, schreibt Stolz, dass niemand wissen könne, wie aufgrund der Corona-Situation die Fördermöglichkeiten künftig aussehen.

Hintergrund und Gutachten

  • Hintergrund: Im Hintergrund der Debatte um die Ablachtalbahn steht eine Reaktivierungsinitiative des Landes, bei der 41 stillgelegte Bahnstrecken daraufhin untersucht werden, wie viele Fahrgäste dort zu erwarten sind. Das Gutachten soll im Herbst vorgestellt werden, wie das Verkehrsministerium in Stuttgart auf Anfrage mitteilt – mit einiger Verzögerung, für die das Ministerium unter anderem die Komplexität der Sache und die Corona-Pandemie verantwortlich macht. Ein weiterer Hintergrund ist die vom Meßkircher Bürgermeister Arne Zwick initiierte Möglichkeit, dass die an der Strecke liegenden Kommunen die Bahnlinie kaufen könnten. Ein Preis ist bereits benannt, wurde bislang aber von keiner Seite öffentlich gemacht.
  • Gutachten: Das Gutachten der Erms-Neckar-Bahn AG zu den Kosten einer Inbetriebnahme der Ablachtalbahn lag den Gemeinderatsunterlagen in Mühlingen bei, wo das Gremium bereits in der vergangenen Woche einen ähnlichen Beschluss wie nun in Stockach gefasst hat. Die Baukosten für Instandsetzung als Güterverkehrsstrecke werden darin mit 275.000 Euro beziffert. Das Gutachten listet Zuschüsse von 75 beziehungsweise 50 Prozent auf, je nach Einzelmaßnahme. Für einen Rad-Wanderzug im Wochenendverkehr kämen provisorische Bahnsteige hinzu. Die Summe von knapp 15 Millionen Euro bezieht sich auf die Instandsetzung der gesamten Strecke, die durch sechs Kommunen verläuft, für einen Mehr-Zug-Betrieb. Dadurch könnten mehrere Züge gleichzeitig zwischen Stockach und Mengen verkehren. Derzeit ist die Strecke mit einem Zug blockiert.

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