Diese Vergleichszahlen lassen aufhorchen: In Singen infizierten sich in den vergangenen sieben Tagen 172 Menschen an Corona, in Konstanz waren es im selben Zeitraum 112. Dabei hat Konstanz (85.500) fast doppelt soviel Einwohner als die Hohentwielstadt (45.500). Auch bei den bisher insgesamt gemeldeten Mutationen liegt Singen mit 791 Fällen eklatant weit oberhalb von Konstanz (469).

Wieso kommt es zum völligen Missverhältnis der Corona-Zahlen zwischen Singen und Konstanz? „Diese Frage haben wir uns selbst schon gestellt und auch recherchiert, weil es uns natürlich interessiert, weshalb wir in den Zahlen höher liegen als zum Beispiel Konstanz“, erklärt die Singener Sozialbürgermeisterin Ute Seifried. Sie und ihr Team haben vor allem die stark unterschiedlichen sozialen Strukturen der beiden Städte ausgemacht.

Es gibt keine Hotspots in Singen

„Die Stadt Singen habe aktuell keinerlei sogenannte Hotspots, also keine hohe Zahl an Corona-Fällen in bestimmten Firmen oder sozialen Einrichtungen. Die Fälle verteilen sich quer über die Stadt und quer durch alle Alters- und Bevölkerungsschichten“, betont Ute Seifried. In der Vergangenheit hatte es dagegen einige Corona-Brennpunkte in Singen gegeben. So wurde ein Caritashaus von einer Infektionswelle erfasst. Und sämtliche Bewohner zweier Mehrfamilienhäuser mussten in Quarantäne, weil es dort viele Corona-Fälle gab. Es wurden auch größere Betriebe als Infektionsherde ausgemacht, die aber auch außerhalb von Singen angesiedelt sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Was ist anders im Vergleich zu Konstanz? Konstanz ist eine Universitätsstadt und wer nach Heidelberg, Tübingen und Freiburg schaut, stellt auch dort niedrigere Zahlen fest“ zeigt Ute Seifried auf. „Tatsächlich haben all diese Städte zwar durch die hohen Studentenzahlen auch höhere Einwohnerzahlen, aber die wenigsten Studenten sind momentan am Studienorte, sondern sind tatsächlich aus verschiedensten Gründen – Mietkosten oder Einsamkeit, und so weiter – in ihre Heimatorte und Elternhäuser zurück. Will heißen, dass die Studenten, wenn sie denn positiv getestet werden, gar nicht in die Statistik ihres Ortes, sondern in die ihres Heimatortes eingehen“, betont die Bürgermeisterin.

Mehr produzierendes Gewerbe als Ansteckungsherd

„Dann haben wir eine wesentlich höhere Quote als Konstanz an produzierendem Gewerbe. Es gibt bereits sehr aussagekräftige Studien, dass die Arbeitsbedingungen im produzierenden Gewerbe die Infektionsgefahr erhöhen und die Arbeitnehmer tragen diese dann in ihre Familie“, so Ute Seifried. Sie verweist auch darauf, dass in Singen viele kinderreiche Familien wohnen. „Seit die britische Mutante unterwegs ist, ist dann in der Regel nicht nur ein Familienmitglied, sondern gleich die ganze Familie angesteckt“. Die Mutationen seien sehr viel schneller.

„In Singen wohnen viele Familien mit Kindern. Das birgt Ansteckungspotential.“Ute Seifried, Bürgermeisterin
„In Singen wohnen viele Familien mit Kindern. Das birgt Ansteckungspotential.“Ute Seifried, Bürgermeisterin

„Und nicht zuletzt: Wir testen nicht erst seit dem Testwochenende intensiv. An den Schulen haben wir bereits zwei Wochen vor den Osterferien mit den Testangeboten begonnen, Konstanz hat erst nach den Osterferien angefangen.“ Es gebe auch für die Bürger flächendeckend über die Stadt bereits seit Wochen Testangebote. Und auch da haben wir nach meinem Eindruck die Nase vorn. Wer mehr testet, der findet auch mehr“, begründet Ute Seifried.

„Wir erhöhen in Mühlhausen-Ehingen die Impfrate.“Rainer Maus, Hauptamt
„Wir erhöhen in Mühlhausen-Ehingen die Impfrate.“Rainer Maus, Hauptamt | Bild: unbekannt

So entwickelt sich die Pandemie in Singener Umlandgemeinden

Auch der Landkreis Konstanz muss angesichts der hohen Inzidenzzahl weitere Maßnahmen ergreifen. So werden die Schulen und Kitas ab Freitag erneut für den Präsenzunterricht schließen. Der Grund hierfür: Das Robert-Koch-Institut meldete in drei aufeinanderfolgenden Tagen einen Inzidenzwert höher als 165. So sieht die Lage in den Hegauer Gemeinden aus:

 

  • Keine Hotspots in Gottmadingen: In Gottmadingen meldete das Landratsamt Konstanz am Mittwoch einen Inzidenzwert von 316,0 (Stand: 27. April 2021). Er fällt damit im Vergleich mit dem Durchschnittswert im gesamten Kreis Konstanz, der bei 182,3 liegt, hoch aus. Laut Bürgermeister Michael Klinger gebe es dafür allerdings keinen wesentlichen Grund, wie er im Gespräch mit dem SÜDKURIER betont. Soll heißen: In Gottmadingen kam es etwa zu keinem Massenausbruch des Corona-Virus. „In der jüngsten Vergangenheit war oft ein Ausbruch etwa in einer Pflegeeinrichtung verantwortlich, das ist dieses Mal nicht der Fall“, so Klinger. Die genauen Gründe, weshalb die Zahlen in Gottmadingen deswegen relativ hoch seien, kenne er nicht. „Wir haben auf jeden Fall keine Hotspots“, sagt der Gottmadinger Rathauschef.
  • Ansteckungen oft in den Familien: Rainer Maus, Hauptamtsleiter von Mühlhausen-Ehingen, reagiert auf die aktuelle Inzidenzzahl von 257,7 (Stand 27. April 2021) in seiner Gemeinde entspannt: „Eine bestimmten Grund gibt es für den leichten Anstieg der Zahlen nicht.“ Die Anzahl an infizierten Personen sei in Familien zu finden. „Wenn das Virus von einer Person in einen Haushalt gebracht wird, ist es oft wahrscheinlich, dass sich auch andere Familienangehörige anstecken“, sagt er. Dies sei oftmals nicht zu vermeiden. Aktuell gibt es in Mühlhausen-Ehingen 15 infizierte Personen. Maus verweist aber auch darauf, dass die Zahlen in kleineren Gemeinden schnell nach oben schnellen können. „Bei geringeren Einwohnerzahlen schlagen Ausbrüche höher zu Buche“, sagt er. Maus wies in diesem Zuge auf den von der Gemeinde organisierten Impftag am Montag, 3. Mai, von 10 bis 17 Uhr in der Eugen-Schädler-Halle hin. „Die Gemeinde Mühlhausen-Ehingen erhöht damit die Impfrate und das Impfen ist die einzige Möglichkeit, wie wir die Pandemie in den Griff bekommen“, so Maus weiter.
  • Mutationen in Rielasingen-Worblingen: Auch in Rielasingen-Worblingen steigen die Corona-Zahlen. „Zu etwa 90 Prozent handelt es sich um Mutationen. Die sind besonders schnell ansteckend, sodass vor allem größere Familien komplett infiziert sind, wie zehn Personen in einem Mehrgenerationenhaus“, schildert Günter Rudolph, Ordnungsamtsleiter von Rielasingen-Worblingen. Es gebe keine ausgewiesenen Brennpunkte, wie etwa Schulen oder Kindergärten. „Die Fälle verteilen sich querbeet“, betont Rudolph. „Wenn einige Familien oder Ehepaare komplett infiziert sind, schnellen die Corona-Zahlen schnell hoch“, so Rudolph. „Das bedeutet aber auch, dass diese Personen ihre Infektion hinter sich haben“, sagt der Leiter des Ordnungsamtes.