Pünktlich zur Sommerzeit beklagen Vertreter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), dass immer weniger Menschen richtig schwimmen können. Als Ursache wird die Schließung zahlreicher Schwimmbäder aus Kostengründen ins Feld geführt. Dadurch fehle es an den Möglichkeiten, die sichere Bewegung im Wasser zu erlernen und zu trainieren. Tatsächlich gab es im Hitzesommer 2019 wieder einige Todesfälle beim Baden, vor allem im Bodensee. Zum Glück jedoch nicht in Singen. Hier hat der Schwimmsport eine lange Tradition. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass die Stadt am Fluss liegt. Können die Singener deshalb besser schwimmen?

Am äußeren Erscheinungsbild des Singener Hallenbades hat sich seit 1972 nichts verändert. Die Bäume und Sträucher im Außenbereich sind allerdings so hoch gewachsen, dass man vom Gebäude nichts mehr sehen kann, wenn man vom gleichen Standpunkt fotografieren möchte, wie der Fotograf 1972 ihn gewählt hat.
Am äußeren Erscheinungsbild des Singener Hallenbades hat sich seit 1972 nichts verändert. Die Bäume und Sträucher im Außenbereich sind allerdings so hoch gewachsen, dass man vom Gebäude nichts mehr sehen kann, wenn man vom gleichen Standpunkt fotografieren möchte, wie der Fotograf 1972 ihn gewählt hat. | Bild: Gar

Schwimmtraining in der Aach

Schon in den 1920er Jahren wurde die Aach mit Balken aufgestaut. Fertig war ein langgezogenes Flussbad mit Frauen- und Männerabteilung. Der Stadtturnverein gründete 1924 eine eigene Schwimmabteilung. Dass man in dem kühlen Aachwasser Schwimmtrainings absolvieren konnte, können sich heute die wenigsten Singener vorstellen. Doch die Begeisterung für den Wassersport war groß. Wie 1974 aus der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Schwimmsportabteilung hervorgeht, waren die Pioniere äußerst belastbar. Zu Wettkämpfen fuhr man mit dem Fahrrad bis nach Konstanz, um dort ins Rennen zu gehen. Den Langstreckenwettkampf bei Bodman nahmen einige Singener Schwimmer trotz einer Wassertemperatur von nur 13 Grad in Angriff. Es war, wie die Chronisten feststellten, eher ein Sport für die Jüngeren.

Als sich das Leben nach dem 2. Weltkrieg wieder langsam zu normalisieren begann, erlebte auch der Schwimmsport eine Renaissance. Und mit ihm reifte der Wunsch nach ganzjährigen Trainingsmöglichkeiten in einer Halle. Auch die Freizeitschwimmer schienen Gefallen an dem Gedanken zu finden, ihren Sport ganzjährig ausüben zu können. Am 19. Juni 1959 wurde ein gemeinnütziger „Verein zur Förderung des Hallenbades„ gegründet. „Es dürfte damit der erste in Singen gegründete Förderverein sein“, notiert das Stadtarchiv dazu. Die Singener zeigten sich großzügig und sammelten fleißig Spenden für das neue Bad.

Gläserne Reporterkanzel

Es sollte aber noch weitere acht Jahre dauern, bis der Gemeinderat den Bau des Hallenbades in Singen beschloss. Mittlerweile standen weite Teile der Bevölkerung dahinter, nachdem jahrelang darüber diskutiert worden war. Eine „Interessengemeinschaft zur Findung von Thermalwasser“ hatte sich gegründet. Sie hätte das Hallenbad gerne im Münchriedgelände angesiedelt. Doch der damalige Stadtbaudirektor Hannes Ott bevorzugte den Platz vor der Tribüne des Hohentwiel-Stadions. Um Kosten zu sparen, konzipierte er die Rückwand der Tribüne als vierte Seitenwand des Bades. Ein besonderer Gag war eine gläserne Reporterkanzel, von der aus Wettkämpfe in beiden Sportstätten beobachtet und kommentiert werden konnten.

Das Foto aus den Anfängen des Singener Hallenbades zeigt oben am rechten Bildrand noch die Reporterkabine, von der aus die Wettkämpfe beobachtet werden konnten. Sie existiert schon lange nicht mehr.
Das Foto aus den Anfängen des Singener Hallenbades zeigt oben am rechten Bildrand noch die Reporterkabine, von der aus die Wettkämpfe beobachtet werden konnten. Sie existiert schon lange nicht mehr. | Bild: Ott-Albrecht

Im Singener Jahrbuch von 1973 erhielt Ott die Gelegenheit, seine Pläne des inzwischen eröffneten Hallenbades noch einmal genauer zu erklären: Isoliert betrachtet könne der nüchterne Bau überall stehen. Doch die Kombination mit der Stadiontribüne „stempelt es zu einer außergewöhnlichen Anlage, die den ungeteilten Beifall aller Sportler findet“, schrieb Ott in seinem Beitrag. Er lobte auch die günstige Lage in Zentrumsnähe und die gute Erreichbarkeit für Werktätige. Soweit die Einschätzungen des Stadtbaumeisters nach dem ersten Betriebsjahr.

Dass sein Urteil so positiv ausfiel, ist eigentlich kein Wunder. Schließlich stammt der Entwurf des Hallenbades aus seiner Feder. Zusammen mit Ewald Gräble hatte er auch die Oberbauleitung inne. Für die technische Ausstattung zeichnete Werner Schäuble verantwortlich. Dreieinhalb Jahre dauerte der Bau des Hallenbades. Am 29. Dezember 1971 durften die Singener es zum ersten Mal besichtigen. Rund 6000 Besucher kamen zum Tag der offenen Tür. Zur feierlichen Eröffnung am 30. Januar 1972 waren 400 Gäste geladen.

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Auch René Weber (87), der damals die Singener Kunst- und Turmspringer trainierte, kann sich noch gut an diesen Tag erinnern. Trotz schwerer Krankheit ans Bett gefesselt, erstrahlt sein Gesicht, wenn er erzählt, wie Fritz Heym im Frack und Zylinder vom Sprungturm ins Wasser sprang. „Wir mussten ihn fast aus dem Becken ziehen, weil er kaum wieder hochkam“, schildert Weber das Eröffnungsspektakel. „Seine Schuhe hatten sich so mit Wasser vollgesogen, dass sie wie Klötze an den Beinen hingen.“ Heym war der Altmeister der Singener Turmspringer. Schon in den 1920er Jahren hatte er damit begonnen und 1953 einen Neubeginn dieser Abteilung initiiert. 1969 übernahm René Weber das Training der Springer und holte mit ihnen zahlreiche Medaillen. Er selbst trat bis ins hohe Alter selber für die Senioren bei Wettkämpfen an, wo er jeweils beste Wertungen erzielte. „Das war eine sehr schöne Zeit“, resümiert er und findet dabei Bestätigung bei seiner Frau Gerda, die ihn zu allen Wettkämpfen begleitete.

Im Krankenlager erinnert sich der Wasserspringer René Weber (87) gerne an seine erfolgreiche Sportlerkarriere. Seine Ehefrau Gerda war immer dabei.
Im Krankenlager erinnert sich der Wasserspringer René Weber (87) gerne an seine erfolgreiche Sportlerkarriere. Seine Ehefrau Gerda war immer dabei. | Bild: Gtr

Durch das Hallenbad hätten sich die Trainingsmöglichkeiten für die Singener massiv verbessert. „Wir hatten im Vorfeld für eine Sprunganlage gekämpft wie die Wilden“, sagt Weber. Wettkampftauglich sei die Anlage im Hallenbad jedoch nicht. Dafür müsse man immer ins Aachbad ausweichen. Und noch etwas hat René Weber von Anfang an nicht gefallen: „Die Sportler und die Bürger wollten immer sechs Schwimmerbahnen. Gebaut wurden aber nur fünf.“

Goldene Zeiten für Schwimmsportler

Auch für die Schwimmsportler brachen mit der Eröffnung des Hallenbades goldene Zeiten an. Durch die deutlich erweiterten Trainingsmöglichkeiten stieg das Leistungsniveau rasch an. Das müssen auch die 26 Schwimmer geahnt haben, die am 12. November 1971 den Verein der Schwimmsportfreunde gründeten, aus dem zahlreiche sehr erfolgreiche Wettkämpfer hervorgingen.

Weil sich verschiedene Interessengruppen das funktionale Bad mit seinen fünf 25-Meter-Bahnen, dem Nichtschwimmerbecken und der kleinen Sprunganlage teilen müssen, war der Aufenthalt im Bad anfangs nur stundenweise erlaubt. Auch heute sind die Öffnungszeiten für den Durchschnittsbesucher immer noch ein Rätsel. Der Grund dafür ist nach wie vor, dass Schulen, Vereine und Freizeitschwimmer sich die Halle teilen müssen.

Wer das Bad, das von Mitte September bis Mitte Mai geöffnet ist, heute betritt, der fühlt sich gleich in die 1970er Jahre zurückversetzt. Nichts hat sich verändert. Nur die Reporterkabine an der großen Kachelwand wurde entfernt. Die technischen Anlagen wurden akribisch gewartet, sodass der Betrieb aufrecht erhalten bleiben kann. Dennoch wurde immer wieder über ein neues Hallenbad nachgedacht. Es gab sogar schon Entwürfe für einen Neubau am Standort der Scheffelhalle, um Hallenbad und Aachbad zu kombinieren. Doch diese Pläne wurden wieder verworfen und die Scheffelhalle unter Denkmalschutz gestellt. Die jüngste Idee ist die Erweiterung des Hallenbades am jetzigen Standort und die Erneuerung der Technik. So könnte das Bad auch für Freizeitschwimmer attraktiver werden. Ob das jedoch jemals umgesetzt wird, steht in den Sternen.

Gertrud Reger kann sich noch gut an die Freude der Singener über das neue Hallenbad am Hohentwielstadion erinnern.
Gertrud Reger kann sich noch gut an die Freude der Singener über das neue Hallenbad am Hohentwielstadion erinnern. | Bild: Gtr

„Ich bin so froh, dass es das gibt“

Eine der treuesten Schwimmerinnen ist Gertrud Reger. Auch wenn das Aachbad ihre Leidenschaft ist, so geht sie doch auch regelmäßig seit der Eröffnung ins Singener Hallenbad. „Ich bin so froh, dass es das gibt“, sagt die 83-Jährige, für die das Schwimmen ein Gesundbrunnen ist. Ein bisschen mehr Komfort kann aber auch sie sich vorstellen. Trotzdem: Auf die Bäder lässt sie nichts kommen. Hier seien viele Freundschaften entstanden, sagt sie.