Einmal im Jahr gibt es besondere Pasta und besondere Grillwürste. Dann stehen Menschen aus dem italienischen Pomezia hinter dem Herd, um ihre Spezialität für deutsche Freunde zuzubereiten. Und dann hat Dieter Dufner bereits für 100 Portionen Kartoffeln gekocht und geschnitten, um einen richtig guten deutschen Kartoffelsalat für die italienischen Freunde aufzutischen. Das ist seit Jahrzehnten so, seit den 70er-Jahren. Denn da begann die Freundschaft von Italienern und Deutschen, von Einwohnern der Städte Pomezia und Singen.

Der Empfang im Singener Ratssaal gehört zu den Ritualen der Partnerschaft: 2004 empfing die Stadt eine Delegation aus Pomezia. Danach gab es wieder leckere Pasta.
Der Empfang im Singener Ratssaal gehört zu den Ritualen der Partnerschaft: 2004 empfing die Stadt eine Delegation aus Pomezia. Danach gab es wieder leckere Pasta. | Bild: Südkurier

Für Dieter Dufner begann die langjährige Freundschaft mit Musikern und Bier. 1986 habe er das Zelt für ein Bierfest in Pomezia organisiert, die Bierlieferung koordiniert und Musiker mit einem Kleinbus nach Italien gebracht. „So bin ich zum ersten Mal nach Pomezia gekommen“, erinnert er sich. Das sei noch eine ganz andere Zeit gewesen. Die Fahrt ins knapp 1000 Kilometer entfernte Pomezia habe damals einer halben Weltreise geglichen.

Vom Friedhof in italienische Küchen

Dabei entstand die Städtepartnerschaft schon einige Jahre früher und weit weniger bierfreudig: Josef Bölle kümmerte sich ab 1969 mit Jugendlichen, die bei den Aluminium-Walzwerken beschäftigt waren, um den nahe gelegenen Soldatenfriedhof. Dort sind über 27.000 Deutsche begraben, die im Zweiten Weltkrieg gestorben sind. Darunter sieben Menschen aus Singen, wie Singens Alt-Oberbürgermeister Friedhelm Möhrle sagt.

Mit der Pflege des Soldatenfriedhofs fing alles an. Rasch ergaben sich dann erste Bekanntschaften zwischen Singener Jugendlichen und Einheimischen.
Mit der Pflege des Soldatenfriedhofs fing alles an. Rasch ergaben sich dann erste Bekanntschaften zwischen Singener Jugendlichen und Einheimischen. | Bild: Südkurier

Damals sei es nicht ungewöhnlich gewesen, mit der Deutschen Kriegsgräberfürsorge die Gräber Gefallener zu betreuen, erinnert sich Dufner, doch das Engagement von Bölle und seiner Gruppe sei aufgefallen. „Nachdem die Italiener gesehen haben, dass engagierte deutsche Jugendliche sich in ihren Ferien um die Gräber kümmern, haben sie ihre Garagen aufgemacht und einen großen Nudeltopf angeheizt.“

Anfangs übernachteten die Jugendlichen noch in Zelten direkt am Strand, erinnert sich Dieter Dufner.
Anfangs übernachteten die Jugendlichen noch in Zelten direkt am Strand, erinnert sich Dieter Dufner. | Bild: Südkurier

Nachdem die Jugendlichen der Alu-Werke vor Ort Kontakte geknüpft hatten, habe Josef Bölle ihn wegen einer Städtepartnerschaft angesprochen, erinnert sich der damalige OB Möhrle. „Ich habe das dann aufgegriffen und bin runtergefahren.“ Der Singener Gemeinderat habe sich entsprechend eingebracht und auch die Italiener in Singen hätten viel dazu beigetragen, die ersten Verbindungen zwischen Singen und Pomezia zu festigen.

1973 fand ein offizieller Besuch in Pomezia statt, 1974 wurde der Partnerschaftsvertrag in Pomezia unterschrieben und ein Jahr später war es in Singen so weit.

1975 verkündete ein Schild in Pomezia offiziell die Städtepartnerschaft.
1975 verkündete ein Schild in Pomezia offiziell die Städtepartnerschaft. | Bild: Südkurier

„Das ist eine der Partnerschaften, die wirklich wunderbar funktioniert“, sagt Möhrle heute. Ihm wurde für seine Bemühungen um die deutsch-italienische Verständigung inzwischen vom italienischen Ministerpräsidenten ein Orden an die Brust geheftet – den trage er zwar selten, aber mit Stolz.

Sprachkenntnisse braucht es nicht

Der Nudeltopf darf bis heute bei keiner Begegnung fehlen – ebenso wenig die deutschen Grillwürste. „Ohne die brauchen wir gar nicht mehr kommen, bis heute bringen wir unser Essen mit“, sagt Dufner. Natürlich könnte er die Wurst und die Zutaten für seinen Kartoffelsalat theoretisch auch vor Ort in Italien kaufen – doch das schmecke ganz anders. Neben ihren Kochkünsten bringen die Freunde natürlich auch Geschenke mit. Bier, Wein oder Kaffee seien sehr gefragt, erinnert sich Dieter Dufner. Für ein Freundschafts­treffen habe er beispielsweise Bierkrüge gravieren lassen – einer habe damals 30 DM gekostet. Bis heute bringen die Deutschen auch Bier mit, sagt Dufner. Im Gegenzug würden sie dann italienischen Wein genießen.

An den Pancetta beim Singener Stadtfest 2004 erinnert sich Dieter Dufner vom Freundeskreis Pomezia leidenschaftlich.
An die Porchetta beim Singener Stadtfest 2004 erinnert sich Dieter Dufner vom Freundeskreis Pomezia leidenschaftlich. | Bild: Südkurier

Zu verdanken ist die bis heute lebendige Verbindung besonders zwei Menschen, wie Dieter Dufner betont. Attillio Bello kümmere sich von italienischer Seite. „Der schafft seit 45 Jahren für die Partnerschaft“, sagt Dufner. Und er mache viel möglich: Die Grillwurst dürfe auch mal im Eisschrank einer nahegelegenen Eisdiele lagern, bis sie auf den Grill kommt. Auch Josef Bölle ist von Anfang an engagiert, sein Einsatz wurde 1984 mit einem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

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Das Bemerkenswerte: Bello und Bölle würden bis heute kein Wort des anderen verstehen, aber trotzdem bestens miteinander kommunizieren. „Es ist ein Phänomen, den beiden zuzusehen“, sagt Dufner. Mit Händen, Füßen und viel Verständnis füreinander würden fehlende Sprachkenntnisse nicht ins Gewicht fallen.

Ganz anders sei das beim Alt-OB Möhrle: „Den können wir als Übersetzer einsetzen“, sagt Dufner. „Ich spreche fließend Italienisch“, bestätigt Friedhelm Möhrle. Das liege aber weniger an Pomezia als an seinem Job, um das Studium zu finanzieren: Auf dem Bau habe er viele italienische Kollegen gehabt, mit denen er sich unterhalten wollte. Zwischenzeitlich habe er auch in Pomezia viele tolle Momente erlebt.

Friedhelm Möhrle genießt den Ruhestand am liebsten bei Spaziergängen am Hohentwiel oder auf seiner Terrasse.
Friedhelm Möhrle genießt den Ruhestand am liebsten bei Spaziergängen am Hohentwiel oder auf seiner Terrasse. | Bild: Biehler, Matthias

Späte Feier des Stadtjubiläums

Die Motoren der Städtepartnerschaft sind gleich geblieben, ihre Stadtoberhäupter hingegen nicht. Während Singen seit 1974 vier Oberbürgermeister gehabt habe, waren es in Pomezia rund 30, sagt Dufner. „Bis man sich an jemanden gewöhnt hat, ist schon der nächste da“, sagt er mit einem Lachen. So seien die Italiener eben. Politischen Wirrungen war es übrigens auch geschuldet, dass 2018 kein Besuch stattfand: Die Stadt hatte kurz vor dem geplanten Besuch aus Singen keinen Bürgermeister und keinen intakten Gemeinderat. Dabei sollte die Grundsteinlegung Pomezias vor 80 Jahren gefeiert werden. Doch das wird laut Dieter Dufner nachgeholt.

Dieter Dufner und Michaela Sohn (von links) freuen sich auf das Sommerfest des BSK/Sozialstammtisch am kommenden Samstag.
Dieter Dufner und Michaela Sohn (von links) freuen sich auf das Sommerfest des BSK/Sozialstammtisch am kommenden Samstag. | Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Dieses Jahr soll eine kleine Delegation nach Italien reisen, die Fahrt ist für den 18. bis 23. September geplant. Normalerweise gibt es ein Treffen pro Jahr, erklärt Dufner: eins in Pomezia und im Folgejahr eins in Singen. Organisiert wird das vom Freundeskreis Pomezia mit seinen 86 Mitgliedern, die nächste reguläre Fahrt wird voraussichtlich Ende Mai, Anfang Juni des nächsten Jahres sein.

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Und wenn sie mit durchschnittlich 40 Singenern in Pomezia sind, geht es laut Dieter Dufner heute noch um die Soldatengräber, die den Beginn der Freundschaft begründeten. Auch wenn sich inzwischen Bundeswehrsoldaten um die Gräber kümmern, ist für die Singener Besucher eine Kranzniederlegung stets fester Programmpunkt.