Noch sind keine Gänge erkennbar, doch in knapp einem Jahr sollen hier hunderte Menschen flanieren. Damit im Cano bald 85 Händler und Gastronomen ihre Waren anbieten können, braucht es noch viele Handgriffe. Rund 150 Handwerker arbeiten aktuell am neuen Einkaufszentrum gegenüber von Bahnhof und Karstadt in Singen. Über 500 sollen es in den nächsten Monaten werden, bis der Rohbau fertig gestellt wird und Mieter ihre Geschäfte gestalten. Eberhardt Sturm ist als Projektmanager bei ECE, dem Bauherren des Einkaufszentrums, dafür verantwortlich, dass das klappt – und dass die bisherigen Verzögerungen den Eröffnungstermin nicht verzögern. Den Termin konkretisiert ECE erstmals auf SÜDKURIER-Nachfrage: November 2020 soll das Cano eröffnen. Bislang war von Herbst 2020 die Rede.

Achtung Rattenschwanz: Eine Verzögerung bedeutet viele weitere

„Wir haben im Baugrund zu viele Unwägbarkeiten gefunden“, erklärt Sturm einen Verzug von drei bis vier Monaten. So hätten sie beispielsweise eine Haupttrasse der Telekom gefunden, wo diese nicht hätte sein sollen, oder alte Fundamente unter der ehemaligen Backstube des Café Hanser, die zu instabil fürs Cano gewesen wären und deshalb verstärkt werden mussten. „Das sind alles Maßnahmen, die nicht von jetzt auf gleich gehen,“ sagt Sturm. Jede Störung ziehe einen Rattenschwanz weiterer Störungen mit sich und nun gelte es, die Arbeiten der 60 bis 70 beteiligten Gewerke so aufeinander abzustimmen, dass die Verzögerungen aufgearbeitet werden können. Das bedeutet Zusatzschichten, mehr Leute oder eine andere Taktung, erklärt Sturm: „Wir schöpfen diese Möglichkeiten aus.“ Dass samstags gearbeitet werde, sei ein üblicher Puffer beim Rohbau. 

Bei Projektmanager Eberhardt Sturm laufen die Fäden der Cano-Baustelle zusammen. Es ist der fünfte Neubau eines Einkaufszentrums, den der Bauingenieur betreut.
Bei Projektmanager Eberhardt Sturm laufen die Fäden der Cano-Baustelle zusammen. Es ist der fünfte Neubau eines Einkaufszentrums, den der Bauingenieur betreut. | Bild: Tesche, Sabine

Mieter sind mit ihren Gestaltungswünschen eine Herausforderung

Nachtschichten könnten dann anstehen, wenn Mieter ihre Flächen gestalten. Das soll zwischen sechs Monaten und vier Wochen vor Eröffnung geschehen. Die Mieter sind für Sturm noch die größte Herausforderung: „Jeder Mieter hat seine eigenen Vorstellungen, für uns bedeutet das teilweise extreme Umplanungen und Rückbauten.“ Sturm erklärt das am Beispiel des Drogeriemarkts Müller, der als letzter Großmieter genannt wurde und an der Ecke von Bahnhof- und August-Ruf-Straße zu finden sein wird: Dieser Mieter wünsche sich Rolltreppen, um beide Etagen miteinander zu verbinden. Diese Rolltreppen müssen nun nachträglich ermöglicht werden. Für solche Wünsche müsse man aber ein Zeitfenster finden, sagt der Bauingenieur.

Bis Sommer soll komplett vermietet sein

90 Prozent der Ladenflächen auf insgesamt 16 000 Quadratmetern sind vermietet, viele künftige Mieter bereits genannt. Bei den restlichen zehn Prozent habe man keine Eile: „Wir wollen hierfür in erster Linie die passenden Mieter finden“, erklärt Pressesprecher Lukas Nemela. Nachdem ECE sich vor wenigen Wochen noch ein Reise- und ein Schuhgeschäft wünschte, sei man nun schon in Gesprächen über eine Anmietung. Im Frühjahr wünschte sich ECE außerdem einen Möbel-Anbieter, dazu heißt es auf Nachfrage: „Auch im Möbel- und Wohnaccessoire-Bereich stehen wir aktuell in Verhandlungen.“ Ein großer Markt für Unterhaltungselektronik sei aktuell nicht geplant, da in dieser Branche eher bestehende Standorte gestärkt würden. Es werde aber verschiedene kleinere Anbieter geben, die Teile des Elektronikangebots abdecken. Bis zum Sommer soll das Cano dann komplett vermietet sein.

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Viel Stahl, viel Lärm und einige Risse möglich

Bis die Mieter tätig werden können, muss aber noch einiges geschehen. Nach und nach werden die etwa zwölf Meter langen Spundwände, die das Fundament seitlich sichern, herausgezogen. Das sorgt einerseits für ziemlichen Lärm, aber auch für Vibrationen in der Erde.

Video: Arndt, Isabelle

„Gerade bei alten Häusern können dadurch Risse entstehen“, sagt Sturm. Deshalb habe ECE vor den Bauarbeiten den Zustand der umliegenden Häuser festgehalten. In den allermeisten Fällen gehe es nach Fertigstellung des Cano nur um optische Schönheitsreparaturen, die ECE übernehme. Während der Stahl der Spundwände an der einen Stelle ausgebaut und wiederverwendet wird, sorgt er an anderer Stelle für die nötige Stabilität. In einem dichten Netz zieht er sich in Form von Baumatten über das spätere Erdgeschoss.

Video: Arndt, Isabelle
Weil Singen in Erdbebenzone 2 liegt, braucht es mehr Stahl als anderswo. Bauarbeiter flechten ein enges Netz, das später mit Beton verfüllt wird und für Stabilität sorgt.
Weil Singen in Erdbebenzone 2 liegt, braucht es mehr Stahl als anderswo. Bauarbeiter flechten ein enges Netz, das später mit Beton verfüllt wird und für Stabilität sorgt. | Bild: Tesche, Sabine

Für Laien eine Stolperfalle, für Eberhardt Sturm der Weg zur Arbeit. Zehntausende Tonnen Stahl werden für das Cano verbaut, wie er erklärt. Singen liege in Erdbebenzone 2, deshalb brauche es mehr Stahl als anderswo. Wenige Tage später soll hier Beton zwischen die Stahlnetze verfüllt werden – das bedeutet, dass an einem Tag zwischen 100 und 120 Lastwagen die Baustelle ansteuern.

Ein spezielles Gerät zieht eine Spundwand (Bildmitte) aus dem Erdreich. Das etwa zwölf Meter lange Stahlstück sicherte das Fundament. Nur an wenigen Stellen wie beim alten Zollhaus bleiben die Spundwände in der Erde, weil das Ziehen für Vibrationen und Lärm sorgt.
Ein spezielles Gerät zieht eine Spundwand (Bildmitte) aus dem Erdreich. Das etwa zwölf Meter lange Stahlstück sicherte das Fundament. Nur an wenigen Stellen wie beim alten Zollhaus bleiben die Spundwände in der Erde, weil das Ziehen für Vibrationen und Lärm sorgt. | Bild: Tesche, Sabine

Innenstadtlage macht gute Logistik entscheidend. Denn das Material kommt „just in time“

Damit das reibungslos gelingt, braucht es eine gute Baustellenlogistik. Zwei Mann koordinieren bereits, bis zu 15 sollen hier künftig den Überblick behalten. „Die Logistik ist unendlich wichtig bei Innenstadtlage, damit das Material zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle ist“, erklärt Sturm. Denn Platz, um Material zu lagern, gebe es nicht und das meiste werde erst dann geliefert, wenn es benötigt wird. Dass an allen Straßen um das Cano gebaut werde, fordere zusätzliche Absprachen mit der Stadt. „Es ist ein Nadelöhr“, fasst Sturm zusammen. „Es ist aber beachtlich, was die Stadt Singen hier baut.“

Blick ins Untergeschoss: Hier wird ein sogenanntes Auge für Tageslicht auch im Untergeschoss sorgen. Über die Treppe ganz rechts im Bild geht es für die Handwerker abwärts.
Blick ins Untergeschoss: Hier wird ein sogenanntes Auge für Tageslicht auch im Untergeschoss sorgen. Über die Treppe ganz rechts im Bild geht es für die Handwerker abwärts. | Bild: Tesche, Sabine

Kosten sollen bei 165 Millionen Euro bleiben

Eine steile Treppe später zeigt sich im Untergeschoss, wie es nach dem Betongießen weiter geht: Zahlreiche Stützen sorgen dafür, dass der Beton für mindestens 28 Tage trocknen und aushärten kann, ohne dass er durchhängt. Erst dann könne er die volle Last tragen. „Kaum ist eine Fläche gemacht, kommt das nächste Gewerk“, sagt Eberhardt Sturm. Doch der Bauingenieur weiß ebenso, dass mal etwas schief geht: „Man sollte immer die Ruhe bewahren.“ Was für ihn aber unverrückbar ist: Die Baukosten werden 165 Millionen Euro nicht übersteigen.

Hinter der Plastikplane ist es wärmer, hier kann schon der Innenausbau beginnen.
Hinter der Plastikplane ist es wärmer, hier kann schon der Innenausbau beginnen. | Bild: Tesche, Sabine

Größter Feind des Baus sei das Wasser, entsprechend sei es ein großes Ziel, den Bau möglichst wetterfest und trocken zu bekommen. Denn mit Tauwasser drohe beispielsweise auch Schimmel. In einem Teil des Untergeschosses wird bereits bei einer Temperatur von fünf Grad Celsius gemauert und an der Deckendämmung gearbeitet – abgetrennt hinter Plastikplanen, damit die Wärme des Ofens nicht so schnell verfliegt.

Im geheizten Bereich entstehen die ersten Innenmauern.
Im geheizten Bereich entstehen die ersten Innenmauern. | Bild: Tesche, Sabine
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Nächstes Jahr soll es schnell gehen

„In zwei Monaten wird man das schon nicht mehr wieder erkennen“, verspricht der Projektleiter. Das Untergeschoss sei sehr komplex, oben gehe es dann schneller voran. Der Estrich soll Anfang 2020 verlegt werden, die Fassade im Februar begonnen werden. Dann könne auch das Hotel Victoria wieder Gestalt annehmen, die Steine würden derzeit vorbereitet – da müsse man sich aber noch mit der Stadt abstimmen wegen der Straßenbauarbeiten. Dann soll das Cano rasch Gestalt annehmen, der Bodenbelag soll im März oder April folgen.

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Zurücklehnen können sich die Handwerker und anderen Beteiligten aber erst in einigen Monaten: „Unsere Entspannung wird erst mit dem Feierabendbier am Eröffnungsabend einsetzen“, sagt Sturm. Und selbst dann hat er noch eine lange Aufgabenliste: Erst nach Schlussrechnung, Dokumentation und Nachbesserungen geht es für ihn zur nächsten ECE-Großbaustelle.

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