Das Coronavirus macht uns das Leben schwer. Immer wieder wird uns die AHA-Regel (Abstand halten, Hygiene und Alltagsmaske tragen) eingebleut. Doch nicht immer kann man diese Regel einhalten, wie zum Beispiel in einem viel zu vollen Zug oder Bus.

„Die Abstände zwischen den Reisenden müssen auch in den Nahverkehrszügen eingehalten werden. Deshalb habe ich alle Geschäftsführer der Eisenbahnverkehrsunternehmen gebeten, die Zuglängen entsprechend anzupassen. Wir wollen eine stabile Grundversorgung im Nahverkehr sichern, ohne dass die Fahrgäste gesundheitlich in Gefahr geraten“, erklärte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann bereits im März.

Gelingt das immer?

Leider nicht, wie Fahrgäste des Seehas immer mal wieder feststellen, und sich dann an den SÜDKURIER wenden. Woran liegt das? Eine Ursachenforschung: Eigentlich verkehrt der Seehas in den Morgenstunden, wenn besonders viele Pendler und Schüler unterwegs sind, in einer Doppeltraktion. Das bedeutet, dass zwei Züge aneinander gehängt sind. Aber warum fahren die Seehas-Züge immer mal wieder in einfacher Traktion und nicht – wie eigentlich von der SBB selbst geplant und vom Land Baden-Württemberg vorgegeben – in doppelter Traktion?

Seehas-Züge werden saniert

„An unseren Seehas-Fahrzeugen finden derzeit Sanierungsarbeiten an Unterboden und Lackierung statt, was die Anzahl einsetzbarer Fahrzeuge reduziert. Dafür wurde eigens ein schweizerisches Fahrzeug angemietet und für Deutschland einsatzfähig gemacht. Diese Reparaturen sind für den weiterhin sicheren Einsatz unserer Fahrzeuge unabdingbar“, antwortet Alexandra Bernauer, Referentin für Marketing und Qualität bei der SBB, auf SÜDKURIER-Anfrage.

Beschwerdestellen

Erschwerend komme hinaus, dass im August ein Zug im Konstanzer Bahnhof bei Rangierarbeiten entgleist sei - der SÜDKURIER berichtete. Dieser Zug könne zurzeit nicht eingesetzt werden. „Daher müssen leider an manchen Tagen, wenn ein Fahrzeug ausfällt, einzelne Züge geschwächt fahren“, erklärt Bernauer.

Platzfreiheit kann nicht garantiert werden

Können Pendler, die morgens in einen übervollen Seehas einsteigen, einen Rabatt erwarten? Die klare Antwort: Nein. „Der Kunde schließt durch den Ticketkauf einen Vertrag zur Beförderung ab. Fahrpreisminderungen können nur dann geltend gemacht werden, wenn die Beförderung nicht in Anspruch genommen werden kann, wie beispielsweise bei Fahrtausfällen und Verspätungen am Ankunftsort von mehr als 30 Minuten.

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Die Platzfreiheit beziehungsweise der Mindestabstand von 1,5 Metern werde durch den Kauf eines Tickets nicht gewährleistet, sagt Alexandra Bernauer. Deshalb sei es in solchen Situationen enorm wichtig, den Mund-Nasen-Schutz im öffentlichen Nahverkehr fachgerecht zu tragen.

Seehas wird oft gereinigt und desinfiziert

Um das Ansteckungsrisiko in den Seehas-Zügen weiter zu reduzieren, reinige und desinfiziere die SBB verstärkt die Fahrzeuge. Auch die Anzahl der Viren in der Luft möchte die SBB verringern. „Die Luft in unseren Wagen wird mehrmals pro Stunde komplett ausgetauscht“, erklärte Daniel König, Pressesprecher der SBB, bereits in einem Interview im Sommer.

Und wie sieht es den Zügen der Deutschen Bahn (DB) aus? Laut Auskunft einer Pressesprecherin der Bahn gibt das Unternehmen für Hygiene und Reinigung jedes Jahr einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus, „der dieses Jahr noch weiter erhöht wird.“ Um wie viel genau, sagt die Sprecherin nicht. Aber: „Der Schwerpunkt der Reinigung liegt auf sogenannten Kontaktflächen, das sind Türdrücker, Griffe und Haltestangen“, erklärt die Sprecherin.

Problem mit Mindestabstand ist bekannt

Dass der Mindestabstand in vollen Pendlerzügen vor allem im Nahverkehr nicht immer eingehalten werden kann, weiß auch Volker Heepen, Geschäftsführer der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW). Die NVBW ist zuständig für den Zug-Nahverkehr. Der Gesellschaft sei bewusst, dass sie nicht alle Verkehrsbedürfnisse erfüllen könne und auch „Widersprüche und Diskussionen“ provoziere.

Die Deutsche Bahn will härter gegen Maskenverweigerer vorgehen. Jetzt hängen in den Zügen diese Aufkleber.
Die Deutsche Bahn will härter gegen Maskenverweigerer vorgehen. Jetzt hängen in den Zügen diese Aufkleber. | Bild: Matthias Jundt

„So auch mit der ‚Forderung‘ auf Beachtung des Abstandsgebotes, welches aber in einem gut besetzten und bereits mit maximaler Länge verkehrenden Zug schlichtweg nicht eingehalten werden kann und es hierfür ‚bahnseitig‘ auch keine Lösungen gibt. Gerade im Schüler- und Berufsverkehr sind bereits alle verfügbaren Fahrzeuge und Personale im Einsatz“, schreibt Heepen auf SÜDKURIER-Anfrage.

Morgens ist es eng im Zug zwischen Gottmadingen und Singen

Doch die Erfahrung zeige, dass es landesweit nur eine verschwindend geringe Anzahl an Zugfahrten gebe, bei denen die Überfüllung im Sinne des Mindestabstandes tatsächlich ein Problem darstelle. „Im Bereich Hegau-Bodensee ist dies vor allem dann der Fall, wenn Züge außerplanmäßig mit reduzierter Kapazität verkehren, so wie es zuletzt öfters morgens zwischen Gottmadingen und Singen der Fall gewesen ist. Doch auch dort wird in den kommenden Wochen gezielt nachgesteuert“, erklärt Heepen.

Heepen hofft, dass sich der Beginn der Unterrichtszeiten etwas entzerrt. Dadurch könne sich die Auslastung der Schülerzüge besser verteilen. „Dies werden wir gemeinsam mit unseren Eisenbahn-Verkehrsunternehmen beobachten und, wo möglich, nachsteuern. Zusätzlich fördert das Land Baden-Württemberg bei Bedarf Entlastungsbusse für sehr volle Zugfahrten“, sagt Heepen.

Regionalbussen werden morgens verstärkt

Auch in den Regionalbussen im Landkreis Konstanz hat man das Problem der vollen Busse, vor allem in den Stoßzeiten am Morgen, erkannt. „Die meisten Beschwerden beziehen sich auf die Besetzung der Fahrzeuge. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurden fünf Linien verstärkt, überwiegend im Schülerverkehr“, sagt Marlene Pellhammer, Pressesprecherin des Landratsamtes Konstanz.

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