Für Figen Acar-Sahin sind die Bäume auf dem Sankt-Gebhard-Platz eine Erinnerung an ihren toten Vater. Vor den Bäumen und Blumen machten ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern vor 50 Jahren ihr erstes Foto in Deutschland voneinander.

Sie selbst kletterte früher täglich auf den Bäumen. „Ich habe meine Kindheit dort verbracht. Dass die Bäume gefällt wurden, habe ich noch nicht gesehen.“ Sie traue sich gar nicht, hinzugehen.

Viele Konstanzer sind schockiert

Ähnlich geht es Claudia Diehl, 52, Professorin für Soziologie an der Uni Konstanz. „Ich habe am Dienstag zufällig gesehen, dass am Sankt-Gebhard-Platz ungefähr 15 Bäume gefällt wurden. Viele Leute – Ältere, Eltern mit Kindern – standen fassungslos und schockiert davor.“

Claudia Diehl, 52, Professorin für Soziologie an der Uni Konstanz
Claudia Diehl, 52, Professorin für Soziologie an der Uni Konstanz | Bild: Ines Janas

„Dieser Platz ist ja ganz zentral für Petershausen. Vor diesen Bäumen wurden seit Jahrzehnten Schulkinder bei der Einschulung fotografiert und viele essen hier im Sommer ihr Eis.“ Der Ort habe eine enorme emotionale Bedeutung für die Menschen. „Das hat viele Leute ziemlich erschüttert. Manche haben sogar Grabkerzen auf den Baumstümpfen aufgestellt“, berichtet Claudia Diehl.

Schockierte Anwohner stellten Grablichter an den Stümpfen der gefällten Bäume auf. Viele Konstanzer verbinden emotionale Erinnerungen mit dem Platz.
Schockierte Anwohner stellten Grablichter an den Stümpfen der gefällten Bäume auf. Viele Konstanzer verbinden emotionale Erinnerungen mit dem Platz. | Bild: Mario Wössner

Verantwortlich für die Fällung ist die BPD Immobilienentwicklung, die den Umbau durchführen lässt. „Die Bäume mussten wir wegen des Neubaus fällen. Denn an dieser Stelle wird die neue Tiefgarage entstehen.“ Neue Stellplätze seien eine der rechtlichen Auflagen, um Büros in Wohnraum umwandeln zu dürfen.

Doch die Konstanzer Professorin treiben seither einige Fragen um: „Warum hat die Stadt hier keine Auflagen machen können, um zumindest einige Bäume zu retten? Und was wird mit dem Spielplatz der Grundschule?“ Denn auch dort wurden mehrere Bäume gefällt – Schatten für die Kinder sei dort jetzt Fehlanzeige.

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Spielplatz soll verlegt werden

„Der Spielplatz wird durch die Tiefgarage ebenfalls unterbaut. Deshalb war das notwendig“, erklärt Projektleiter Rainer Beitlich gegenüber dem SÜDKURIER. Der Spielplatz solle aber vorerst noch in Betrieb bleiben und danach zwischen dem Schulhof und dem bestehenden Weg entlang der Wiese mit besserem Spielgerät neu entstehen, verrät Ulrich Hilser, Pressesprecher der Stadt Konstanz.

Ulrich Hilser, Pressesprecher der Stadt Konstanz
Ulrich Hilser, Pressesprecher der Stadt Konstanz | Bild: privat

Doch Claudia Diehl ärgert es auch, dass im Vorfeld niemand richtig informiert worden sei. „Der Platz ist so wichtig, ich verstehe nicht, wieso es keine Infotafel oder eine Veranstaltung der Stadt für die Bürger gegeben hat. Ich finde die Kommunikation der Stadt hier nicht gut“, sagt Claudia Diehl. So fördere man Politikverdrossenheit. Denn die Leute verstünden die Entscheidung nicht.

So sah das Areal vor dem Telekom-Hochhaus aus, bevor die mehrere Jahrzehnte alten Bäume am vergangenen Dienstag gefällt wurden.
So sah das Areal vor dem Telekom-Hochhaus aus, bevor die mehrere Jahrzehnte alten Bäume am vergangenen Dienstag gefällt wurden. | Bild: Scherrer, Aurelia

Anwohner wurden benachrichtigt

Projektleiter Rainer Beitlich wehrt sich gegen die Vorwürfe: „Wir achten immer darauf, mit der Nachbarschaft in einem guten Verhältnis zu sein. Wir haben daher in Absprache mit der Stadtverwaltung die Anwohner in der Moltke- und der Jahnstraße Anfang Februar über alle geplanten Arbeiten vorzeitig informiert.“

Ebenso seien laut Ulrich Hilser die Schulleiter und die Bürgergemeinschaft Petershausen benachrichtigt worden. In dem Schreiben sei auch über die geplanten Fällungen auf dem Areal ab Mitte Februar informiert worden.

Der Spielplatz könne laut Stadtverwaltung das Jahr über noch so lange genutzt werden, bis die Bauarbeiten in diesem Bereich beginnen. Danach werde ein neuer mit besseren Spielgeräten angelegt.
Der Spielplatz könne laut Stadtverwaltung das Jahr über noch so lange genutzt werden, bis die Bauarbeiten in diesem Bereich beginnen. Danach werde ein neuer mit besseren Spielgeräten angelegt. | Bild: Mario Wössner

Vom genauen Ort und Umfang der Aktion steht dort aber nichts – ebenso wenig, dass auch Bäume direkt auf dem Spielplatz betroffen sind. Für Beitlich eine logische Entscheidung: „Eine konkrete Baumfällung mit Datum anzukündigen, ist ungeschickt, weil man das nie für jeden überzeugend kommunizieren kann.“

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Stadt pflanzt neue Bäume

Zudem wolle die Firma in Absprache mit der Stadt neue Bäume als Ausgleich pflanzen. „Für jeden gefällten Baum, muss mindestens ein neuer Baum im direkten Umfeld gepflanzt werden“, versichert der Projektleiter. Eine Auflage der Stadt sei laut Ulrich Hilser, dass es sich dabei um großkronige Laubbäume mit einem Stammumfang von 18 bis 20 Zentimetern handle.

„Die Bäume sollen in dem bislang versiegelten Bereich zwischen dem Hochhaus und der Jahnstraße gepflanzt werden“, erklärte er. Doch Claudia Diehl überzeugt das nicht: „Der Wert von alten Bäumen wird nicht hoch genug eingeschätzt. Sie werden im Stadtbild auch wegen der Dürreperioden immer seltener. Und sie können nicht einfach ersetzt werden. Laut Experten müssen über 200 neue Bäume gepflanzt werden, um einen alten zu ersetzen.“