Konstanz Wobak hat jetzt 4000 Mietwohnungen - doch der Mangel bleibt

Eine Familie mit drei Kindern zieht in eine neue Anlage mit 17 Wohnungen ein. Trotz einer markanten Steigerung der Zahl ihrer Objekte verzeichnet die Wohungsbaugesellschaft Konstanz auf ihrer Warteliste 2800 Einträge.

Es war eine Flucht voller Gefahren und Dramatik. Nour Mehiawy, ihr Mann Uday Aldoory und ihre drei Kinder aus dem Irak haben unter haarsträubenden Bedingungen den Weg von Bagdad an den Bodensee geschafft. Nach 1,5 Jahren in Deutschland ist es diese Familie, die die 4000. Mietwohnung der Wohnungsbaugesellschaft Konstanz (Wobak) bezieht – das Ergebnis des größten Bauprogramms in der 90-jährigen Geschichte der Wobak, wie Geschäftsführer Bruno Ruess feststellt.

Die Wohnung, die die Familie bezieht, gehört zu den 17, die im Mühlenweg als Anschlussunterkunft für Flüchtlinge gebaut wurden. Sie zählt zu den 283 neuen Mietwohnungen für kleine und mittlere Einkommen, an denen die Wobak 2016 gearbeitet hatte, das geht aus dem Geschäftsbericht hervor. 171 konnten bereits 2016 bezogen werden. Im letzten seiner 25 Jahre als Geschäftsführer der Wobak legte Bruno Ruess auch wirtschaftlich eine herausragende Erfolgsbilanz vor. Aus insgesamt mehr als 10 000 Objekten, die die Wobak verwaltet, sei die Rekordsumme von 30 Millionen Euro als Erlös erzielt worden. 6,7 Millionen Euro seien in die bauliche und energetische Sanierung gesteckt worden.

Nour Mehiawy berichtet auf Deutsch von der traurigen Zeit, die sie und ihre Familie im Irak erleben mussten. Sie und ihr Mann hätten dort als Englisch- und Chemielehrer ein gutes Leben geführt, doch in den Jahren bis 2015 sei die Sicherheitslage immer schlechter geworden. Sie berichtet von ständigen Anschlägen von Milizen, die zudem Druck auf Familien ausübten, die sich nicht zu den Sunniten oder Schiiten zählen wollen. "Wir sind nur Muslime", betont Nour Mehiawy. Bei einer Heirat habe es nie eine Rolle gespielt, zu welcher Form des Islam sich jemand bekannte. Wichtig sei dies nur geworden, als die Zugehörigkeit zu einer der beiden Glaubensrichtungen zum Machtfaktor wurde.

Als der Druck zu groß geworden war, floh die Familie über die Türkei mit dem Ziel, die griechische Insel Kos zu erreichen. Mit wackeligen Schlauchbooten wollten sie nicht das Meer queren. Das Versprechen der Schlepper, sie mit großen Schiffen nach Europa zu bringen, aber habe sich sieben Mal zerschlagen. Beim achten Versuch seien sie in der Nacht auf einem halsbrecherisch-steilen Klippenweg ans Meer geklettert – die Kinder fest im Schlepptau. Der ältere Sohn habe sich dabei ein Bein gebrochen, was aber wegen der Angst und Anstrengung erst einmal niemand bemerkt habe. Mehr als 100 Flüchtlinge seien damals den selben Weg gegangen wie sie, nur 20 hätten Platz in ärmlichen Fischerbooten gefunden. Die Familie durfte mit, erlebte weitere fünf dramatische Stunden auf bewegter See und erreichte dann Europa. Mit Bussen und Bahnen schlug sich die Familie nach Deutschland durch – wo der Junge, der verletzt wurde, inzwischen wieder munter Fußball spielt. Als anerkannte Flüchtlinge mit Zukunft in Deutschland durften sie nach 1,5 Jahren in Not- und Asylunterkünften die Wohnung im Mühlenweg beziehen.

Wobak-Geschäftsführer Bruno Ruess weiß, dass der Bau dort einige Einheimische ärgert, die in Konstanz schon lange auf eine günstige Wobak-Wohnung warten. Doch die Stadt habe eben auch die Flüchtlinge unterbringen müssen, und es sei Dank besonderer Programme und Fördermittel möglich gewesen, die Fläche für den Gemeinbedarf für den Wohnungsbau umzunutzen und den Bau zu finanzieren. Er bedauert sehr, dass die damaligen Förderrichtlinien die gemeinsame Besetzung des Hauses mit Einheimischen und Flüchtlingen nicht zugelassen haben. Bruno Ruess sieht inzwischen auch die Notwendigkeit, ein weiteres Haus mit Wohnungen für Menschen von der Straße zu schaffen. "Wir suchen ein Grundstück", sagte er jüngst im Gemeinderat. Anvisiert sei der Bau von zwölf Einzimmer- und sechs Zwei-Zimmer-Wohnungen.

Aus dem aktuellen Geschäftsbericht geht hervor, dass die Zahl der Wohnungsbewerber 2016 weiter leicht gestiegen ist auf inzwischen 2808 Personen, darunter 905 Ausländer und 256 besonders dringliche Härtefälle. Dem gegenüber stehen 373 neu geschlossene Mietverhältnisse im eigenen Wohnungsbestand. Es sei hauptsächlich darum gegangen, in besonderen Notfällen Menschen Wohnungen zu vermitteln.

Starkes Wachstum

Im Jahr 1993, als Bruno Ruess die Geschäftsführung der Wobak übernommen hatte, der zuvor dort schon kaufmännischer Leiter und Prokurist war, lagen nach eigenen Angaben die Umsatzerlöse aus Vermietungen bei fünf Millionen Euro. Heute blickt er auf rund 30 Millionen Euro und einen kräftigen Zuwachs der Zahl der Wohnungen von 1800 auf 4000. Die durchschnittliche Kaltmiete beziffert die Wobak auf 6,46 Euro pro Quadratmeter. Die Bilanzsumme des Betriebs mit 73 Mitarbeitern liegt bei 235 Millionen Euro. Bruno Ruess wird Ende 2017 in den Ruhestand gehen. Bis dahin arbeitet er an Zukunftsobjekten wie dem Pflegeheim in der Jungerhalde und den Pflege-WGs in Dettingen. Er übergibt zum Januar 2018 an den Nachfolger Jens-Uwe Götsch aus Heidelberg, steht ihm aber bei der Einarbeitung zur Seite. (rin)

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