Christine Barth vom Leitungsteam vergleicht das Frauenhaus in Konstanz mit einer Notfallstation. Hierher kommen Frauen, wenn sie die häusliche Gewalt nicht mehr ertragen. Vielfach kämen sie nur mit den Kindern an der Hand und dem, was sie am Leib tragen, berichtet Christine Barth.

Aus einem Spendentopf leiste das Frauenhaus Überbrückungshilfen, damit Frauen sich mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln versorgen und beispielsweise die Zugfahrt zur Gerichtsverhandlung gegen den prügelnden Mann bezahlen kann.

Das Haus ist stets ausgebucht

Für Kinder organisiert es aus Spendenmitteln Angebote in Sport und Kunsttherapie. Das Frauenhaus stellt den Gewaltopfern ein Zimmer und unterstützt sie, ihr Leben neu zu regeln. Es sei immer ausgebucht, stellt Christine Barth fest. Die Zahl der Fälle steige, die aus Platzgründen abgewiesen werden müssen.

Frauen erlitten körperliche und seelische Gewalt

Viele Frauen seien stark abhängig gewesen von ihrem Partner. Manche hätten sogar das selbst verdiente Geld dem Partner überlassen, sagt Christine Barth. Vielfach seien sie systematisch von Freunden ferngehalten worden. „Sie lebten sehr isoliert.“ Zudem hätten sie körperliche und seelische Gewalt und Demütigungen erfahren. In manchen Fällen seien Frauen schwer verletzt worden. „Da ging es um Leben und Tod.“

Im Schnitt bleibe eine Frau sieben Jahre in einer von Gewalt geprägten Beziehung. Oft würden die Übergriffe mit der Zeit immer brutaler. Täter und Opfer kämen aus allen sozialen Schichten. Im Frauenhaus gelte es, die Ruhe und Sicherheit zu schaffen, auf deren Basis die Frauen ihr Leben neu sortieren können. Das Team des Frauenhauses unterstütze sie dabei.

Täter und Opfer aus allen sozialen Schichten

Die geflüchtete Frau beziehe mit den Kindern ein Zimmer und versorge diese dort selbständig, gehe also einkaufen, koche und putze. Gleichzeitig versuche sie mit Hilfe der Fachleute im Frauenhaus ihre Finanzen zu regeln, also ein eigenes Konto zu eröffnen, die Überweisung des Kindergelds und des Unterhalts zu organisieren, und wenn notwendig staatliche Hilfen zu beantragen.

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Weiter gelte es, die Kinder in der Schule anzumelden, den Umgang mit dem Vater zu regeln, medizinische Fragen zu klären und manchmal auch strafrechtliche Schritte gegen den Gewalttäter einzuleiten. Dazu komme die Suche nach einer eigenen Wohnung und wenn möglich einer Arbeitsstelle.

Der Wohnungsmangel erreicht auch das Frauenhaus

Frauenhäuser nehmen nach Angaben Barths aus Sicherheitsgründen nie Frauen aus der eigenen Stadt auf. Nach dem Auszug muss für sie die Lage so sicher wie möglich sein.

Aus dem Jahresbericht für 2018 geht hervor, dass 243 Mal telefonisch nach einem Platz im Konstanzer Frauenhaus gefragt wurde. In 57 Fällen erfolgte wegen der Vollbelegung eine Absage, in anderen Fällen war ein anderes Frauenhaus oder eine andere Einrichtung der bessere Platz.

Verweildauer hat sich verdoppelt

Die Anfragen häuften sich, bei denen viele Problemlagen eine Rolle spielen, und die auf Unterstützung durch andere Fachstellen angewiesen seien. 23 Frauen und 33 Kinder wurden vergangenes Jahr aufgenommen. Sie blieben deutlich länger als noch im Jahr 2017. Die Verweildauer stieg von durchschnittlich 31 auf 67 Tage. Dies sei auf die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt in der Region zurückzuführen, heißt es im Jahresbericht.

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Mehr als die Hälfte der Aufgenommenen hatten nach den Angaben dort innerhalb eines halben Jahres eine Bleibe, in der sie ohne Angst vor Gewalt durch den Ex-Partner leben konnten. Die meisten lebten danach nicht in Konstanz, sondern an anderen Orten im Bundesgebiet. Nur eine Frau musste in eine Konstanzer Notunterkunft.

17 Prozent kehren zum Peiniger zurück

17 Prozent der Frauen kehrten ins Haus des Peinigers zurück, ohne dass sich an der Gewaltgefahr wesentliches geändert hatte. Das Frauenhaus-Team wertet dies als eine „erfreulich geringe Quote“.

Die Arbeiterwohlfahrt ist Träger der Frauenhäuser im Landkreis. Sie haben je zehn Plätze in Konstanz, in Radolfzell und in Singen. Nach der Instanbul-Konvention, einem Übereinkommen des Europarats zur Bekämpfung häuslicher Gewalt, sollten mehr Plätze in Frauenhäusern entstehen. Für den Landkreis gebe es aber noch keine Planungen dafür, sagt Barth.

Sie würde sich eine Basisfinanzierung durch Land und Bund wünschen und nicht die Abrechnung nach Tagessätzen, bei der es von Fall zu Fall verschieden sei, welche Stelle die Kosten übernehme, und dies oftmals nur für sechs Wochen. Danach müsse eine Verlängerung beantragt und begründet werden.

Alle Folgen der Serie „Wir helfen mit“ finden Sie gesammelt auf dieser Seite.

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