Liebe Ostschweiz, wenn Du zur Abwechslung einmal richtige Stadtluft schnuppern willst, dann musst Du nach Kreuzlingen fahren. Dort findest Du sie, die einzige Großstadt der Ostschweiz. Kurz vor dem Girsbergtunnel die Autobahn verlassen, beim nächsten Kreisel die zweite Ausfahrt nehmen und in Bernrain oberhalb von Kreuzlingen nur noch genießen: Dieses prächtige Stadtpanorama, ein Anblick, der in der Ostschweiz seinesgleichen sucht.

„Es gibt nur eine richtige Stadt – und die liegt in Deutschland"

Da liegen sie vor Dir, die Schöne und der See. Die Agglomeration Kreuzlingen-Konstanz mit gemeinsam über 100.000 Einwohnern, eine Großstadt also, eingebettet in eine wunderbare Landschaft. Der See glitzert und das Konstanzer Münster strahlt.

Christian Kamm, Journalist aus der Schweiz.
Christian Kamm, Journalist aus der Schweiz. | Bild: Urs Jaudas

Spätestens jetzt muss man sich auf die ersten Unkenrufe gefasst machen. Was soll das mit diesem Kreuzlingen-Konstanz? Wenn schon, müsste es umgekehrt Konstanz-Kreuzlingen heißen, denn die Größenverhältnisse sind mit lediglich 22.000 Kreuzlinger Seelen gegenüber 86.000 Bürgern aus Konstanz glasklar. Hier gibt es nur eine richtige Stadt, Konstanz, und die liegt in Deutschland.

„Seit Jahrhunderten Konstanzer Hinterland – dazu stehen wir Thurgauer“

Stimmt schon. Nur kratzt das die Thurgauer Seele überhaupt nicht. Denn wir haben nun einmal drei Hauptstädte: Frauenfeld, die tatsächliche, eine heimliche in Weinfelden. Und die natürliche Hauptstadt, die – Landesgrenze hin oder her – Konstanz heißt. Wir Thurgauer sind schon seit Jahrhunderten das Hinterland dieses urbanen Zentrums, und wir stehen dazu.

„Für Thurgauer bedeutungsvoll, für Deutschland selbst aber Niemandsland“

Umgekehrt hatte die Stadt Konstanz lange genug Zeit, sich damit abzufinden, dass ihr das Hinterland abhanden gekommen ist. „Ist Konstanz noch in Deutschland?“, gehört deshalb nicht von ungefähr zu den in der Suchmaschine Google am häufigsten gestellten Fragen zur Metropole am Bodensee. Einer Stadt, die für uns Thurgauer so bedeutungsvoll ist, für Deutschland selbst aber nur den Stellenwert eines Nonvaleurs in einem (zugegebenermaßen schönen) Niemandsland hat.

Gedankenspielerei: Konstanz könnte siebtgrößte Schweizer Stadt sein

Wären wir, als Laune der Geschichte, irgendwann irgendwie zusammengekommen, wir, der Thurgau, und „seine“ Stadt, spräche man heute in gesetztem Neudeutsch wohl von einer Win-Win-Situation. Konstanz-Kreuzlingen hätten den Status und das Ansehen der siebtgrößten Stadt der Schweiz, in deren Glanz sich auch die kleineren Landstädte Frauenfeld, Weinfelden oder Amriswil sonnen könnten.

Noch mehr aber wäre der Thurgau mit Konstanz im Rücken ein eidgenössischer Player, den man sogar im politischen Bern ernst nehmen müsste. Ein Tenor statt ein verschupfter Kirchenchor.

Grassierender Einkaufstourismus – da fühlt der Schweizer Journalist mit

Wäre, hätte, könnte. Geschichte im Konjunktiv ist wenig sinnvoll. Und überhaupt: Bevor dem Thurgau jetzt Eroberungspläne nachgesagt werden und die deutsche Bundeswehr an der Grenze Stellung beziehen muss, sei ein für allemal klargestellt: So wie es ist, ist es gut. Und obwohl es im Laufe der Jahrhunderte nicht an Anläufen thurgauerseits gefehlt hat, zusammenzuführen, was eigentlich zusammengehört, ging man schließlich getrennte Wege – akzentuiert durch die Zäsur der beiden Weltkriege.

Angesichts dieser weltgeschichtlichen Katastrophen, die auch an Kreuzlingen und vor allem Konstanz nicht spurlos vorübergegangen sind, nehmen sich die heutigen Probleme vergleichsweise bescheiden aus. Aber es gibt sie. Allen voran den grassierenden Einkaufstourismus, der mit seinen unangenehmen Begleiterscheinungen die Konstanzer zunehmend quält.

„Schnäppli-Jäger haben Konstanz zur Schweizer Einkaufsmeile umgemodelt“

Auch aus Thurgauer Sicht werden mit diesem Phänomen vielschichtige Befindlichkeiten tangiert. Es geht um mehr als nur das Bedauern über die Schweizer Fränkli, die im Einkaufszentrum Lago verpulvert werden. Ausgerechnet den eidgenössischen Fremdshoppern und Schnäpplijägern ist faktisch gelungen, was der Thurgau im Laufe der Jahrhunderte eben nie geschafft hat: Sie haben Konstanz annektiert. Und zur Schweizer Einkaufsmeile umgemodelt.

Das muss, so paradox es klingen mag, zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen dem Thurgau und Konstanz führen. Denn die Stadt hat zwar nie zum Kanton gehört, jetzt aber wird sie ihm von den Miteidgenossen trotzdem quasi weggenommen.

„Der Thurgau wird von den Schweizern links liegen gelassen“

Für den Thurgau bleibt angesichts dieser schweizerischen SUV-Lawine auf Einkaufstour nur die Rolle des Zaungastes. Er bleibt die Transitzone hinter der Autobahnabschrankung. Eine terra incognita jenseits der Leitplanken, die man mit Bleifuß (oh doch, sie fahren alle zu schnell, die Zürcher!) möglichst rasch links und rechts liegen lässt. Den ganzen Thurgau? Na ja. Vielleicht hat das „Connyland“ noch eine Chance.

Unterdessen hat die freundeidgenössische Wiederentdeckung von Konstanz sogar zu Planspielen geführt, die deutsche Stadt mit allen Ehren – und über sämtliche Thurgauer Köpfe hinweg – in die eidgenössische Bahnfamilie aufzunehmen. Schon heute fährt jeder zweite Schnellzug aus Zürich nach Konstanz und nicht nach Romanshorn. Eines Tages könnten es alle sein. Für die Thurgauer bliebe ab Weinfelden Richtung Osten nur noch die S-Bahn. Hinterland eben.

„Die historische Beziehung wird auch den Einkaufsspuk überleben“

Natürlich: Die einzigartige historische Beziehung zwischen Konstanz und seinem Hinterland wird auch den Einkaufsspuk überdauern. So wie sie schon die Querelen des sogenannten Milchkriegs von 1932 überlebt hat, als es Konstanz verboten wurde, sich wie gewohnt mit Thurgauer Milch einzudecken.

Oder aber, was heute völlig surreal erscheint, als im Jahr darauf und kurz vor der Einstellung des kleinen Grenzverkehrs die Konstanzerinnen die Kreuzlinger Läden stürmten. Einkaufen hüben und drüben gehört zu diesem Biotop am Bodensee wie Konstanz zum Thurgau. Im Moment ist es halt drüben. Es wird, so lehrt die Geschichte, eines Tages auch wieder hüben eingekauft.

Wir werden die Konstanzer, wenn es so weit ist, jedenfalls mit offenen Armen empfangen. Uns graut einzig vor den Verkehrsproblemen.