Den Ort hat Andreas Matt bewusst gewählt. Die Villa Prym vereinigt für ihn vieles, was Konstanz ausmacht. Als Unternehmervilla verweise sie auf die Ursprünge: schließlich war Konstanz einmal Industriestadt. Innovationsgeist, Ehrgeiz, das prägte die Stadt damals und das präge sie ebenso heute, glaubt der 53-Jährige.

Die Villa Prym sieht Andreas Matt als symbolisch für Konstanz an.
Die Villa Prym sieht Andreas Matt als symbolisch für Konstanz an. | Bild: Wagner, Claudia

An diesem Ort lässt es sich gut über Konstanz und die künftigen Geschicke der Stadt sinnieren. Es ist ruhig, hier ist man weit entfernt vom Einkaufstourismustrubel der Innenstadt. Eine türkische Familie besetzt die zweite Bank an dem Brunnen und richtet ihr Picknick. Matt spricht sie in fließendem Türkisch an und eine Minute später stehen Paprika, Salat und Köfte, türkische Hackfleischbällchen, vor uns.

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Andreas Matt hat zwölf Jahre in Istanbul gelebt, diese Zeit hat ihn geprägt. „Ich hatte eine tolle Zeit dort“, sagt er sofort und erinnert an eine Tatsache, die oft übergangen werde: „Migration gibt es nicht seit gestern, wir dürfen auch die Alt-Migration nicht vergessen“. Der OB-Kandidat wünscht sich eine Willkommenskultur für Konstanz, die alle umfasst: die Einheimischen, die Gäste aus der Schweiz, Alt- und Neumigranten. Klingt schön – aber wollen das nicht alle, die in Konstanz als Oberbürgermeisterkandidaten antreten?

Für Mediamarkt in der Türkei tätig

Der Lebensabschnitt, der ihn in die Türkei führte, hat Matt zweifellos geprägt. Er arbeitete für Mediamarkt und eröffnete 25 Filialen des Elektronikhändlers in der Türkei. Nach eigener Aussage hätten die Konkurrenten aus aller Welt nach ein paar Jahren aufgegeben, Mediamarkt aber sei immer noch am Markt. Welche Fähigkeiten haben diesen Erfolg möglich gemacht? Matt selbst führt es auf seine kommunikativen Qualitäten zurück: vertrauenswürdig sein, Zusagen einhalten, das sei gerade bei Verhandlungen mit türkischen Partnern zentral. „Aber auch erkennen, jetzt wird es unrealistisch, jetzt steige ich aus.“

Willkommenskultur auf Türkisch: Vedat (von links), seine Frau Sengul und Tochter Zeynep Sude Akmese laden Andreas Matt (Zweiter von links) spontan zum Picknick ein.
Willkommenskultur auf Türkisch: Vedat (von links), seine Frau Sengul und Tochter Zeynep Sude Akmese laden Andreas Matt (Zweiter von links) spontan zum Picknick ein. | Bild: Wagner, Claudia

Kann jemand, der erfolgreich einen Elektronikmarkt exportiert, auch eine Stadt mit 83.000 Einwohnern leiten? Der Plan, sich fürs Amt des Konstanzer Oberbürgermeisters zu bewerben, geht jedenfalls auf diese Zeit zurück.

Vom Ärger über den Amtsinhaber

Der Freundliche, der Weltoffene, der Kommunikative. Andreas Matt kann aber auch anders. „Es gibt Dinge, die machen mich wütend“, stellt er klar. Die Entscheidung, dass die Stadt das ehemalige Siemensareal nicht erworben hat und sich damit die Möglichkeit, das große Wohngebiet selbst zu entwickeln, versperrte. „Und das in einer Phase der höchsten Gewerbesteuereinnahmen!“.

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Auch sonst kommt die Stadtentwicklung unter OB Burchardt bei ihm nicht gut weg. Zum Beispiel die Bahnhofszone: „Es sieht dort chaotisch aus“, und er könne nicht begreifen, was daran sinnvoll sei, wenn anstelle der Sparkasse nun ein Zalando-Outlet das historische Postgebäude beziehen solle. „Gerade, weil es hier schön ist, müssen wir doch anspruchsvoll sein.“

Die Kommunalpolitik in Konstanz hat er über die vergangenen acht Jahre genau beobachtet. Und kommt gegenüber dem Amtsinhaber zum harten Urteil: „Er kann es nicht.“

Andreas Matt will es besser machen. Beim Thema Verkehr will er die Innenstadt „autofreier“ gestalten, ein Verzicht auf Autos scheint ihm unrealistisch. Ein „intelligentes Verkehrsleitsystem“ soll dafür sorgen, dass Fahrzeuge nicht mehr in die Stadt gelassen werden, bevor dort Stau droht. Dass künftig weniger Autofahrer nach Konstanz drängten, daran glaubt er nicht recht. Das verhindere schon der Ausbau der B33.

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Dennoch: Zum Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr will auch Matt motivieren: durch Mobilitätspunkte, attraktiver gestaltete Busse, großzügigere Radwege, ein Wassertaxi statt eines Wasserbusses. Die Unterschiede zur Verkehrsplanung des Amtsinhabers? Eher geringfügig.

Bei der Sicherheit wird Matt deutlich

Klarer fällt die Abgrenzung beim Thema Sicherheit aus. Er habe früh deutlich gemacht, dass die Zustände im Herose-Park untragbar seien, die Stadtverwaltung reagiere erst jetzt, mitten im Wahlkampf, auf die Lage. Auch er sieht die Notwendigkeit, auf dem Areal Klein Venedig Alternativen für Feiernde zu entwickeln, das Areal solle zur Spielwiese werden: „auch für eine Seebühne oder eine Neuauflage des Zeltmusikfestivals“, sagt er. Ordnung in den Wohnvierteln, attraktive Aufenthaltsorte in anderen Lagen. Am Stadtgarten kann sich Matt die Entstehung eines weiteren Seebads vorstellen.

Bild: Wagner, Claudia

Wie sollen solche Projekte bezahlt werden? Immerhin hat Corona für knappe städtische Kassen gesorgt. Der 53-Jährige blickt weiter voraus. Eben weil noch mehr Gäste nach Konstanz kommen werden in Zukunft, so seine Überzeugung, würden die Gewerbesteuereinnahmen wieder steigen. „Dann können wir uns auch etwas leisten“. Genau hier wurzelt seine Kritik an OB Burchardt. Die Bürger spürten zu wenig, an welchen Stellen Konstanz für sie attraktiver werde.

„Warum kommt der OB erst jetzt darauf, sie umzusetzen?“

Und die Wohnungsnot? Am malerischen Seeufer scheint sie fern, doch kein OB-Kandidat kommt um Gedanken zu diesem Thema herum. Die Wohnungsbaugesellschaft Wobak müsse eine zentrale Rolle erhalten und die Stadt müsse beständig Grundstücke erwerben, um Wohnraum zu schaffen. Das sind nicht unbedingt neue Ideen. Matt kontert: „Mag sein, aber warum kommt der OB erst jetzt darauf, sie umzusetzen?“

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Zwei Stunden lang hat die Seestraße als Panoramaweg gedient. Aber ist das Konstanz? Es ist schwierig, hier mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen, zu sehr sorgt die Flaniermeile für Aussicht und Abstand. Das lockere Geplauder mit dem Bürger wird Andreas Matt anderswo führen: am Marktstand, in der überfüllten Fußgängerzone – oder bei Köfte, Salat oder Currywurst in den Wohnzimmern der Stadt. Noch bleibt dafür genügend Zeit.

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