Dem Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl Andreas Matt wurde beim Wirtschaftstreff „Meet & Greet“ im Bodenseeforum unter Applaus und Gelächter das Mikrofon abgedreht. Besonders bitter für Matt: Er ist neben dem Amtsinhaber Uli Burchardt als Ex-Geschäftsführer des Wirtschaftsrats der CDU Sachsen-Anhalt wohl der wirtschaftsfreundlichste Kandidat dieser Wahl.

Was musste passieren, dass es zu diesem Eklat kam?

Die Stimmung hätte eigentlich gar nicht friedvoller sein können, als Matt ans Mikrofon trat. Zuvor hatten verschiedene für die Konstanzer Wirtschaft wichtige Personen Einblicke in ihre Branche in Corona-Zeiten gegeben.

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Neben Bettina Gräfin Bernadotte von der Insel Mainau und SÜDKURIER-Geschäftsführer Michel Bieler-Loop auch Jürgen Norbert Baur, Inhaber der Edeka Frischemärkte Baur. Letzterem wird später noch eine tragende Rolle zukommen.

Jürgen Norbert Baur, Chef der Edeka Frischemärkte Baur, bei Meet & Greet. Bild: Aurelia Scherrer
Jürgen Norbert Baur, Chef der Edeka Frischemärkte Baur, bei Meet & Greet. | Bild: Scherrer, Aurelia

Mit anwesend war auch der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt – immerhin hatten die Wirtschaftsförderung der Stadt und die Marketing- und Tourismus GmbH eingeladen.

Es sollte um Wirtschaft gehen, nicht Wahlkampf

Doch Burchardt sagte bis auf eine Begrüßung wenig, es sollte um die Wirtschaft gehen an diesem Nachmittag, hieß es. Und die Wirtschaft sollte am Ende der Vorträge die Möglichkeit haben, Fragen an die Vortragenden, oder, wie Moderator und IHK-Geschäftsführer Claudius Marx sie bezeichnete, „Blitzlichter“, zu stellen.

Herosé mal wieder Thema, und dann ...

Und in dieser Fragerunde kommt Andreas Matt ins Spiel. Der Herosépark war gerade Thema, ein mögliches – oder wohl eher unmögliches – Alkoholverbot.

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Matt stand auf, sagte, dass die Politik gegen das Heroséproblem etwas unternehmen sollte. „In den acht Jahren, in denen wir die höchsten Steuereinnahmen der Bundesrepublik haben, ist in Konstanz nur das Notwendigste getan worden“, begann der OB-Kandidat.

Unterbrechungen beeindruckten ihn kaum

Kaum hatte er den Satz beendet, unterbrach ihn Claudius Marx. Matt solle doch bitte die Zeit, die man habe, für Fragen an die Blitzlichter nutzen. Schnell justierte der sich neu.

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„Nun gut, dann habe ich eine Frage“, sagte er, an Jürgen Norbert Baur nämlich, zur Verwendung der Gewerbesteuer. „Wie stehen Sie dazu, dass wir keine gute Verkehrsinfrastruktur haben, dass sich die Stadt ein Bodenseeforum leistet, dass“ – da unterbrach ihn Claudius Marx erneut, indem er sagte: „Wir haben die Botschaft verstanden.“

„Sie schießen sich ein Eigentor„

Doch Andreas Matt sprach einfach weiter: „Und ein Schwaketenbad, das“ – der Rest des Satzes ging unter im Applaus des Publikums. Nein, nicht für Matt. Sondern dafür, dass man eben jenem das Mikrofon abgedreht hatte. Unterdessen hatte sich Baur, an den die Frage ja immerhin gegangen war, in Position gebracht.

„Ich bin Bohnen- und Kartoffelhändler“

„Herr Matt, Sie schießen sich ein Eigentor, dass Sie hier jetzt Wahlkampf machen wollen.“ Er, Baur, sei mit Sicherheit nicht der Experte für die Verwendung der Gewerbesteuer, sondern doch wohl Gemeinderat und Stadtverwaltung. Unter Lachern endete Baur: „Stellen Sie die Frage nicht an mich, ich bin Bohnen- und Kartoffelhändler.“

War es das mit dem Wahlkampf von Matt?

„Das Abschalten des Mikrofons hatte ich erwartet“, sagte der Kandidat Matt wenige Tage später auf SÜDKURIER-Anfrage. Das ganze Forum sei ja wohl eine Wahlkampf-Veranstaltung des OB gewesen, bei der kritische Stimmen nicht erwünscht gewesen seien.

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Auch gegen Edekachef Baur schoss er: „Das sogenannte ‚Eigentor‚ von Herrn Baur war ein ‚Elfmeter‘. Es war entlarvend, wie mit anderen, gegensätzlichen Meinungen umgegangen wird.“

Matt findet es „einfach nur billig“

Dass Baur erst als Vertreter des Handels gesprochen habe, um sich dann zu einem nichtwissenden „Bohnen- und Kartoffelhändler“ zu machen, „finde ich einfach nur billig“.

Und er hat einen Verdacht

Und er hat einen Verdacht: Nämlich, dass er eingeladen worden sei, um zu erleben, wie stark der Rückhalt von Burchardt in der Wirtschaft ist. „Weder habe ich diesen Rückhalt gespürt, noch hat mich die Veranstaltung beeindruckt.“ Im Gegenteil: In seiner Kandidatur für das Amt des Stadtchefs sei er bestärkter denn je.

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