Die Sonne scheint gnadenlos auf das Flachdach des DAK-Gebäudes. Im Gottmadinger Industriepark ist es kurz nach Zwölf. Nicht nur hier, sondern überall, wenn es um die Versorgung mit erneuerbaren Energien geht.

Ironie des Schicksals: Die Folgen des Ukraine-Kriegs haben der Welt drastisch vor Augen geführt, dass der Abschied von fossiler Energie dringend geboten ist. Russland hat die Gaslieferungen stark reduziert und aktuell sogar komplett gestoppt. Werden bisher Wartungsarbeiten an der Pipeline Nordstream 1 als Begründung angeführt, so bestehen in Deutschland und ganz Europa berechtigte Zweifel, ob der Gashahn überhaupt wieder aufgedreht wird.

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Die Angst geht um und mit ihr der Wunsch nach Unabhängigkeit vom russischen Gas. Strom könnte einen Teil des Defizits ausgleichen. Noch dazu Sonnenstrom, der nur geerntet werden muss. Die Sonne zeigt in Gottmadingen, wie viel sie kann.

Auf dem DAK-Dach strahlen die Gesichter der kleinen Gruppe um die Wette. Sie haben alles richtig gemacht und frühzeitig in Photovoltaikanlagen investiert. Und sie wollen noch mehr tun, weitere Dachflächen mit Kollektoren belegen. Deshalb haben sie sich mit Bürgermeister Michael Klinger und Wirtschaftsförderer Thomas Schleicher hier oben auf dem Dach getroffen.

Beim Ausbau hängt der Hegau hinterher

Doch der Ausbau der erneuerbaren Energie geht schleppend voran, wie Andreas Zeiser-Radtke klagt. Der Geschäftsführer der SZR-Vermögensverwaltung GmbH hat im vergangenen Jahr auf der Halle des Transportunternehmens Dachser eine Photovoltaikanlage (PV) installiert und will bei einer Standorterweiterung noch mehr davon bauen. Die Bürokratie, vor allem in Sachen Brandschutz, sei aber eine große Hürde. Dazu kommen jetzt weitere Hindernisse. Es gibt zu wenig fachkundige Handwerker und nicht genügend Nachschub an Modulen.

800.000 Euro für Solaranlagen auf den Gottmadinger Dächern

Wer jetzt beschließt, eine Photovoltaikanlage aufs Dach zu montieren, der muss mit Wartezeiten von ein bis zwei Jahren rechnen. Die Gemeinde Gottmadingen hat ihre eigenen Dächer auf Solartauglichkeit untersucht und 800.000 Euro in den aktuellen Haushalt eingestellt.

Doch die Ernüchterung folgte sofort: „Wir haben bisher keine Fachleute für die Planung, den Bau und die Verwaltung der Anlagen gefunden“, erklärt Bürgermeister Michael Klinger zerknirscht. Nun müsse der Gemeinderat entscheiden, ob die Gemeinde die Anlagen in Eigenregie betreiben solle. Aber auch Klinger fragt sich, wie die Verwaltung den enormen bürokratischen Aufwand zusätzlich schultern soll.

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Klinger hat das Thema erneuerbare Energie zur Chefsache gemacht. Er lässt alle Flächen untersuchen, um herauszufinden, ob sie sich für Solarkraft eignen: Gemeindedächer, Freiland und jetzt eben auch die Dachflächen im Industriepark. Hier ist allerdings schon sehr viel geschehen. „Bereits 2011 haben die Verantwortlichen der Industrieanlagen begonnen, ihre Dächer mit PV-Anlagen auszurüsten“, sagt Klinger anerkennend.

„Mit den vorhandenen Anlagen werden zur Zeit rund drei Megawatt Sonnenstrom produziert. Damit können 862 Dreipersonenhaushalte ein Jahr lang mit Strom versorgt werden.“ Weitere 2,3 Megawatt seien in Planung. Insgesamt fünf Megawatt Strom von den Industriedächern: das könne sich sehen lassen, lobt Klinger. Das bedeute aber nicht, dass man auf die geplanten Freilandsolarparks verzichten könne.

So einfach ist es allerdings nicht, die Hallendächer mit PV-Anlagen zu bestücken, wie Hans-Peter Repnik von 3-R-Immobilien am Beispiel der ehemaligen Fahr-Hallen erklärt. 2008 hatte das Familienunternehmen d‘Fabrik übernommen. Die Dächer sind gefaltet, was für Solaranlagen je nach Ausrichtung schwierig sein kann. Trotzdem wird hier fast ein Megawatt Solarstrom geerntet. „Die Dächer sind vermietet“, erklärt Repnik. „Der Strom geht ins Netz.“

Die ersten Solarpanels seien 2008 noch sehr teuer gewesen. Schon zwei Jahre später habe man viel günstiger investieren können, was laut Birgit Falter von der Firma Transco an der sinkenden Einspeisevergütung gelegen habe. Transco hat im Gottmadinger Industriepark drei große Logistikhallen mit 18 000 Quadratmetern und ein Bürogebäude mit 2000 Quadratmetern. Das Familienunternehmen nutze den Strom für die vielen Elektrostapler selber, wie Niederlassungsleiter David Bücheler erklärt. Sobald die PV-Anlage auf dem Bürogebäude installiert ist, werden allein auf diesem Firmengelände 1,5 Megawatt Sonnenstrom geerntet.

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Zwei große Immobilienkonzerne sind ebenfalls im Industriepark vertreten: Matthias Bentz vertritt auf dem DAK-Dach den börsennotierten Investor DIC (spezialisiert auf Gewerbeimmobilien), während Patrick Dürholt für den asiatischen Immobilienkonzern Fraser spricht. Beide verwalten die Flächen von Constellium und berichten von den Erwartungen ihrer Anleger an nachhaltiges Wirtschaften.

Nicht alle Flächen sind geeignet

Jedes Unternehmen hat für sich noch einmal einen verschärften Blick auf die eigenen Hallendächer geworfen, um zu schauen, wo sich noch Flächen mit PV-Anlagen belegen lassen. „Nicht alle Flächen eignen sich für die Installation von Solarpanels“, weiß auch Michael Klinger. Teilweise seien die statischen Voraussetzungen nicht gegeben.

Aber die Suche habe sich gelohnt. „Durch die geplante Erweiterung können rund 2,3 Megawatt Strom erzeugt werden“, freut sich Klinger zusammen mit den Investoren. Damit werde nicht nur etwas für die Energiewende getan, sondern auch ein Beitrag zur Sicherung des Industriestandortes geleistet.