Im Leben ist es häufig so: Der eine verliert etwas, der andere zieht daraus einen Gewinn. Auf die satirische Stuttgart-21-Installation von Künstler Peter Lenk bezogen, die als Hauptfigur Ministerpräsident Winfried Kretschmann darstellt, könnte man auch sagen: Was Stuttgart nicht zu würdigen wusste, erfreut nun die Bodman-Ludwigshafener.

Seit Ende Juni befindet sich die Statue nicht mehr vor dem Stadtpalais in der Landeshauptstadt, wo sie im Oktober 2020 enthüllt worden war. Stattdessen ist sie nun im Skulpturengarten von Lenk in Bodman zu finden. Dorthin hatte der Künstler sie bringen lassen, nachdem sich der Leiter des Stuttgarter Stadtmuseums, Torben Giese, gegen einen Daueraufenthalt des Werks vor dem Stadtpalais gestellt hatte.

Im Gespräch war zwischenzeitlich zwar ein anderer Ort – namentlich der Stockholmer Platz – aber diesen hatte Peter Lenk für seine Figur abgelehnt. Verstecken wollte man sein Figurenensemble dort in einer gottverlassen Betonwüste, sagt er. Das komme überhaupt nicht in Frage.

Das könnte Sie auch interessieren

Fundament war schon vorbereitet

Dass sein Werk in Stuttgart nicht bleiben werde, habe er schon geahnt, bevor es beschlossene Sache gewesen sei. „Satire und systemkritische Kunst haben es dort schwer“, sagt er. „Einige Stuttgarter Kunstvermittler sind für ihren Opportunismus berüchtigt. Bloß nicht Politiker oder Wirtschaftsbosse vorführen. Aus diesen Kreisen hat sich nur der ehemalige Akademie Direktor und Kunsthistoriker Wolfgang Kermer für mein Denkmal eingesetzt.“ Das Fundament für die Installation in seinem Skulpturengarten habe er darum schon vor dem endgültigen Beschluss vorbereitet.

Dennoch betont Lenk: „Ich war in keiner Weise beleidigt. Im Grunde ist es ja ein Kompliment.“ Bereits der Schriftsteller Karl Kraus habe gesagt, „Satire, die der Zensor versteht, wird mit Recht verboten“. Wenn seine Installation von jenen, die sie auf Korn nimmt, gemocht werden würde, habe sie ihr Ziel verfehlt. Und: „Ich halte mich an meine eigenen Regeln und baue auch ohne Geschrei ab, wenn ich merke, die Stadt will das nicht oder will das verstecken.“

Wenigstens länger stehen lassen

Zufrieden ist der Künstler dennoch nicht: Er hätte sich wenigstens gewünscht, das Denkmal dort länger stehen zu lassen. Über tausend Spender und 2000 Unterschriftengeber in einer Petition hätten es verdient. Darunter Prominente wie der Musiker Konstantin Wecker, der Schauspieler Walter Sittler und der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter. Für diese wäre eine solche Entscheidung nur fair gewesen, findet Lenk.

Das könnte Sie auch interessieren

Dass es unumgänglich war, seine Figur unter anderem wegen der wechselnden und stark frequentierten Bespielung der Fläche vor dem Stadtpalais abzubauen – so hatte Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper es im Juni ausgedrückt – will Peter Lenk so nicht akzeptieren. „Ich habe ja gar nichts dagegen“, sagt er zu dem Vorhaben von Torben Giese, im Rahmen der Veranstaltung „Stuttgart am Meer“ den Platz umzugestalten. „Aber man kann nicht sagen, dass man nicht 30 Quadratmeter für mein Denkmal freistellen kann.“

Bild: Marinovic, Laura

Aufwendiger Transport

Dennoch wolle er sich nicht nur beschweren, sagt Lenk: „Es war ein Gewinn, dass es mit der Aufstellung in Stuttgart überhaupt geklappt hat.“ Dankbar sei er besonders der Grünen-Politikerin Veronika Kienzle. Diese habe sich dafür eingesetzt, dass die Installation vor dem Stadtpalais landete. „Die hat wirklich Haltung“, bescheinigt Lenk ihr. Wäre sie Oberbürgermeisterin geworden, wäre sein Kretschmann-Laokoon noch immer an Ort und Stelle, ist er sich sicher.

Das könnte Sie auch interessieren

Nun aber ist sie am Bodensee zu bewundern – und soll es noch eine ganze Weile bleiben: „Die nächsten Jahre ist sie jetzt erst einmal in Bodman“, kündigt Peter Lenk an. Ein Transport des neun Tonnen schwere Kunstwerks sei enorm aufwendig, vier Firmen seien daran in der Vergangenheit beteiligt gewesen. Außerdem erwartet er nicht, dass die Stadt Stuttgart einen geeigneten alternativen Platz vorschlägt. Möglicherweise gebe es ja Chancen für eine Aufstellung am neuen Bahnhof, das hatte die FAZ in einem Interview mit Lenk ins Gespräch gebracht. „Die Bahn ist der Kunst gegenüber aufgeschlossen“, sagt Peter Lenk. „Aber das kommt jetzt drauf an, wer da Vorstand wird und ob der Bahnhof wirklich funktioniert.“

„Wir sorgen dafür, dass sie in Erinnerung bleibt“

Im Skulpturengarten in Bodman zieht der Laokoon jedenfalls die Besucher an. Alleine in den zehn Minuten, die Peter Lenk mit der Reporterin vor der Skulptur steht, kommen vier Besucher vorbei, bewundern das Kunstwerk, wollen zum Teil Fotos machen. Peter Lenk berichtet, dass auch aus dem Ausland Interessenten anreisen – aus Frankreich, den USA, Holland, England. Und auch aus Stuttgart kommen die Gäste. Viele kommen mit ihren Freunden, die die Skulptur noch nicht gesehen haben, erzählt Lenk.

Das könnte Sie auch interessieren

„Wir sorgen dafür, dass sie in Erinnerung bleibt“, sagt der Künstler. Dem Stuttgarter Oberbürgermeister Nopper habe er sein Buch mit Informationen und Fotos seiner Werke geschenkt – Stuttgart-21-Denkmal auf dem Cover. „Das Bild bleibt vorne drauf“, erklärt Peter Lenk. So schnell kriegen die Verantwortlichen für Stuttgart-21 das Denkmal des Bodmaner Künstlers dann eben doch nicht los.