Sohn Manfred schaut aus dem Auto und Papa Franz Martin fotografiert. Das wäre eigentlich kein ungewöhnliches Foto, doch am 3. März 1963 spielte sich diese Szene mitten auf dem See zwischen Bodman und Ludwigshafen ab. Damals herrschte eine Seegfrörne – der gesamte Bodensee war mit so dickem Eis bedeckt, dass Leute mit Autos darauf fahren oder mal kurz von Bodman hinüber nach Ludwigshafen laufen konnten. Selbst die Narren wagten sich aufs Eis und feierten auf dem gefrorenen Nass die fünfte Jahreszeit.

Familie Martin fuhr wie viele andere während der Seegfrörne mit dem Auto, einem R4, auf den See. Aus dem Fenster schaut Sohn Manfred.
Familie Martin fuhr wie viele andere während der Seegfrörne mit dem Auto, einem R4, auf den See. Aus dem Fenster schaut Sohn Manfred. | Bild: privat

„Es waren sehr viele unterwegs“, erinnert sich Franz Martin. Sogar Viehhändler seien auf das Eis. Es habe eine richtige Schneise auf dem schneebedeckten Eis gegeben. Er selbst fuhr mit seinem Auto beim Hafen, wo heute das Strandcafé ist, auf den See. Dort sei eine Rampe für Boote gewesen, über die er mit dem Auto, einem R4, gut auf das Eis gekommen sei.

Alles begann Ende Dezember 1962, als der See bei Markelfingen komplett zufror. „Das ist der Auftakt der Bodensee-Gfrörne, die fast drei Monate dauern soll und die längste in der Geschichte dieser Naturereignisse seit Menschengedenken ist“, heißt es in der Chronik vom großen Eis in der SÜDKURIER-Broschüre „Das große Eis“, die damals erschien und vor wenigen Jahren nachgedruckt wurde. Mitte Januar war dann der Zeller See zwischen Radolfzell und Iznang Eis. Auch zwischen Allensbach und Reichenau war alles begehbar. Am 17. Januar 1963 wurde ein Fußweg zwischen Hemmenhofen (Höri) und Steckborn (Schweiz) abgesteckt. Kurz darauf folgte die Strecke Reichenau/Mannenbach. Kurz darauf begann auch der Überlinger See zwischen Ludwigshafen und Bodman zuzufrieren.

„Die Bucht zwischen Ludwigshafen und Bodman beginnt sich sehr rasch mit einer Eisdecke zu überziehen, der Motorbootbetrieb zwischen den beiden Seegemeinden musste eingestellt werden“, berichtete der SÜDKURIER am 24. Januar 1963. Zwei Tage später war die geschlossene Eisfläche dort fünf Quadratkilometer groß. Der erste Mutige wagte die Seeüberquerung zwischen Bodman und Ludwigshafen: „Ein junger Mann aus Bodman hat auf Schlittschuhen, eine Leiter vor sich her schiebend, den Überlinger See zwischen der Landestelle Bodman und dem Bahnhof Ludwigshafen überquert. Während am Seeufer zwischen Bodman und der Marienschlucht bereits Eisflächen weit in den See herausragen, ist an der gegenüberliegenden Seite die Eisflächenbildung jetzt noch sehr gering.“ Die Behörden warnten zu diesem Zeitpunkt, da das Eis noch nicht offiziell freigegeben war. Ein großer Temperatursturz zum 30. Januar machte den Überlinger See zu einer kompletten Eisfläche mit einer hauchdünnen Neuschneeschicht. „Zu Hunderten drängen sich die Wasservögel in den wenigen offenen Wasserstellen zusammen und hocken mit eisbedecktem Gefieder auf der Eisfläche“, beschreiben die Chronisten in „Das große Eis“.

Zu den Höhepunkten der Seegfrörne am See-Ende bei Bodman-Ludwigshafen gehörten Anfang Februar ein Eisfest und Ende Februar die Fasnacht auf dem Eis. „Rund 7000 Menschen halten sich auf der riesigen Eisfläche auf, 2500 heiße Würstchen werden verkauft“, fasst die Chronik zum Fest zusammen. Im Bericht in der SÜDKURIER-Lokalausgabe hieß es damals: „Nach Auskunft der Metzger hätte noch weit mehr verkauft werden können, aber es gab ringsherum keine Würste mehr.“ Die Menschen wanderten über den See und „es gab die größten Menschenansammlungen dort, wo sich gerade die Musikkapelle Ludwigshafen aufhielt. Manchmal war es den Eisaufsehern nicht mehr geheuer und sie mussten die Besucher immer wieder auffordern weiterzugehen.“ Im Stockacher Stadtarchiv gibt es zahlreiche Fotos des Stockacher Fotografen Gustav Hotz, der an Fasnacht das närrische Treiben auf dem gefrorenen See fotografierte.

1963 begaben sich die Narren vor Ludwigshafen auf dickes Eis und feierten dort die fünfte Jahreszeit. Hier steht in der Mitte das Narreneltern-Paar.
1963 begaben sich die Narren vor Ludwigshafen auf dickes Eis und feierten dort die fünfte Jahreszeit. Hier steht in der Mitte das Narreneltern-Paar. | Bild: Stadtarchiv Stockach, KBb_1963_0132_008

Weitere Seeteile froren im Februar zu und in Konstanz gab es eine Rettungsaktion für 70 Schwäne, die sicher im Lernschwimmbecken einer Schule untergebracht und regelmäßig gefüttert wurden. Sportflieger werfen außerdem Rindertalg als Futter für Wasservögel am Konstanzer Bodenseeufer ab. Vor Überlingen starten und landen am 10. Februar Segelflieger auf dem Eis und zwischen Friedrichshafen und Romanshorn wurde die letzte noch aktive Schiffslinie eingestellt. Die Fähre zwischen Konstanz und Meersburg fuhr zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr. Franz Martin war damals Fahrer für den Landrat Viktor Huber Freiherr von Gleichenstein. Für eine Tagung Anfang Februar 1963 wollte der Landrat mit der Fähre fahren. „Der Kapitän sagte, es sei die letzte Fahrt“, erzählt Martin.

Mitte Februar wurde das Eis an manchen Stellen bereits brüchig und es gab Unfälle. Zum 1. März wurde das Eis wieder durch mehrere Nachfroste begehbar. Doch nicht nur auf dem See herrschte Ausnahmezustand. An Land lagen vielerorts große Schneeberge. Manche Häuser waren fast eingeschneit. In kleineren Gemeinden war das Vorankommen schwierig, berichtete der SÜDKURIER. Die Zufahrtsstraßen zu Eigeltingen, Reute, Rorgenwies, Liptingen und Hohenfels waren zeitweise unpassierbar. Der im Jahr 2009 verstorbene Redakteur Wolfgang Eßig besuchte in Honstetten einen SÜDKURIER-Zusteller, der sich trotz Schneemassen durchschlug.

Franz Martin.
Franz Martin. | Bild: Löffler, Ramona

Im Lauf des März 1963 war das Naturschauspiel dann vorbei. „Da hat das Eis gekracht und alles ist auseinandergebrochen“, erzählt Franz Martin. Laut der Chronik „Das große Eis“ gab es während der Seegfrörne 1963 vier Todesopfer. Das Ereignis im Jahr 1963 war die erste und einzige Seegfrörne im 20. Jahrhundert sowie die längste seit Beginn der Aufzeichnungen. Zuvor gefror der Bodensee 1880 und 1830. In den Jahrhunderten davor fand etwa alle 50 Jahre eine Seegfrörne statt. Seit 1963 gab es keine durchgehende Eisdecke auf dem Bodensee mehr. Im Jahr 2013 herrschte ein sehr kalter Winter, an dem es stellenweise große Eisflächen an den Uferbereichen, in Häfen und um diese herum gab. Für mehr reichte es jedoch nicht.