Mit jedem Jahr werde ich beim Weg zur Arbeit wehmütiger, wenn ich im Winter auf den Gnadensee blicke. Das mag am Alter liegen, viel wahrscheinlicher sind aber die Erinnerungen an die guten alten Zeiten Schuld daran.

Früher, als der See in zehn Jahren gefühlt neunmal gefroren war und nicht nur einmal pro Jahrzehnt so wie heute. Als diese knapp zwei Kilometer, die uns Allensbacher Kinder von der Insel Reichenau trennten, in den kalten Monaten zu einer riesigen Freiluft-Spielfläche wurden.

Winterliche Abenteuer auf dem Eis gehörten für uns damals dazu

Dort, wo der Überlieferung nach einst Lebensmittel, Baumaterial, Holz und Steine auf dem kürzesten Weg übers Eis transportiert wurden, waren wir ab den späten 80er-Jahren auf Schlittschuhen unterwegs, um winterliche Abenteuer zu erleben – und mit uns zehntausend andere Menschen. Unvorstellbar in heutigen Zeiten, wo weihnachtliche Spaziergänge im T-Shirt längst keine Seltenheit mehr sind.

Die Eisfläche vor der Kirche Sankt Georg auf der Insel Reichenau.
Die Eisfläche vor der Kirche Sankt Georg auf der Insel Reichenau. | Bild: Margit Schmeckenbecher

Vor 30 Jahren waren am Untersee vier bis fünf Eismeister im Einsatz. „Zehn Zentimeter Eisdicke waren notwendig, um die Sicherheit zu gewährleisten“, schrieb der SÜDKURIER einst.

Wenn dann schließlich das Eis vor Allensbach vom dortigen Eisaufseher Oskar Baumann freigegeben war, wurden Tannenbäumchen quer über den See gesteckt. Sie signalisierten die Route für einen gefahrenlosen Spaziergang. Aber immer auf eigene Gefahr, wie die Verantwortlichen betonten.

Heute gibt es diese Routen nicht mehr.

Schlittschuhläufer im Winter 1987 vor dem verschneiten Allensbach.
Schlittschuhläufer im Winter 1987 vor dem verschneiten Allensbach. | Bild: Hella Wolff-Seybold

Nach der Schule ging unser Blick vom Bus oder Zug aus immer auf den See, sobald wir Hegne erreicht hatten

Sahen wir in der Ferne die dunklen Bäume auf dem weißen See, war das wie Weihnachten, egal ob im November oder im Februar. Er war der Startschuss für die Eissaison.

Daheim angekommen, wurde hastig das Mittagessen heruntergeschlungen. Hausaufgaben hatten wir an diesen Tagen natürlich nie aufbekommen. Dann noch schnell die Schlittschuhe in den Rucksack gepackt, Eishockeyschläger und Puck aus dem Keller geholt – und los ging der Spaß.

Jugendliche nutzen die riesige Spielfläche für eine Eishockeypartie.
Jugendliche nutzen die riesige Spielfläche für eine Eishockeypartie. | Bild: Hella Wolff-Seybold

Unter der Woche hatten wir Kinder den großen See meist ganz für uns allein, aber an den Wochenenden waren sämtliche Allensbacher, Reichenauer, Konstanzer und Gäste aus der ganzen Region auf dem Eis zwischen Radolfzell und der Insel Reichenau. Die Allee war regelmäßig zugeparkt, abends schleppte sich der Verkehr in kilometerlangen Staus zurück Richtung Festland.

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Auf dem Gnadensee zogen Eltern ihren Nachwuchs in Schlitten oder Kinderwägen, Fußgänger, Radfahrer, Spaziergänger mit Hunden, sogar Segler mit Kufen unter ihren Booten rauschten über die spiegelglatte Fläche. In den Strandbädern hatten Vereine Buden aufgebaut, in denen sie Grillwürste, Waffeln, Glühwein und Kakao verkauften.

Es duftete bis weit aufs Eis hinaus. Ein Paradies für uns Kinder.

Familienausflug auf dem Gnadensee im Jahr 2002.
Familienausflug auf dem Gnadensee im Jahr 2002. | Bild: Hella Wolff-Seybold

Wenn es über Nacht geschneit hatte, wurde der See am nächsten Tag einfach freigeräumt vom Schnee, der eine echte Spaßbremse für Schlittschuhläufer, Eisstockschützen oder Eishockeyspieler ist. Im Januar 1985 hatte laut SÜDKURIER sogar die Gemeinde Reichenau eigens eine große Fläche vor dem Yachthafen in Mittelzell geräumt.

Beleuchtung am Abend bis 22 Uhr, Schweizer in Sonderzügen

Auch wurde in jenen Tagen eine Beleuchtung installiert, sodass bis 22 Uhr Schlittschuh gelaufen werden konnte.

In den ganz harten Wintern war selbst der Untersee samt Seerhein zwischen der Reichenau und der Schweiz mit einer dicken Eisfläche bedeckt. Als 1987 die Route nach Mannenbach im Thurgau freigegeben wurde, reisten auf der Schweizer Seite die Menschen in Sonderzügen an. Niemand wollte sich dieses Spektakel entgehen lassen.

Dank einer eigens installierten Flutlichtanlage konnten die Schlittschuhläufer bis am späten Abend ihre Runden drehen.
Dank einer eigens installierten Flutlichtanlage konnten die Schlittschuhläufer bis am späten Abend ihre Runden drehen. | Bild: Hella Wolff-Seybold

Es muss Ende der 80er-Jahre gewesen sein, ich war in der siebten oder achten Klasse, als unsere Schule einen Eistag organisierte. Gemeinsam fuhren wir mit unserem Lehrer im Zug von Konstanz nach Allensbach. Von dort ging es übers Eis auf die Reichenau, wo die Eltern der dortigen Klassenkameraden warteten – mit heißer Schokolade und Berlinern.

Ich kann mich an keinen anderen Schultag erinnern, an dem ich so spät schlotternd und durchnässt nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause gekommen bin.

Eissegler im Jahr 2003 auf dem Gnadensee nahe des Inseldamms.
Eissegler im Jahr 2003 auf dem Gnadensee nahe des Inseldamms. | Bild: Thomas Zoch

Es war einfach eine tolle Zeit, auch wenn die Eishockeyduelle meist an die Nachbarn von der Reichenau gingen, aber daran kann ich mich seltsamerweise nicht mehr recht erinnern.

In den Jahren danach war dann immer weniger los auf dem See

Zuerst konnte man nicht mehr auf direktem Weg von Allensbach auf die Reichenau skaten, sondern nur noch im weiten Bogen am flachen Ufer entlang. Zuletzt war auch das nur noch selten möglich.

Kinderwagen auf Kufen im Jahr 1987.
Kinderwagen auf Kufen im Jahr 1987. | Bild: Hella Wolff-Seybold

So bleibt mir nichts anderes übrig, als jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit auf Höhe Hegne wehmütig aufs Thermometer zu schauen und bei Minusgraden die Daumen zu drücken, dass es noch etwas länger kalt bleibt.

So wie damals in meiner Erinnerung an die guten alten Zeiten auf dem Gnadensee.