Schwarzwald-Baar – Es war die Zeit der Bundfaltenhosen, Jeans- und Lederjacken. Die Dauerwelle im Haar galt nicht nur bei Frauen als schick. Die ZDF-Sendung "Disco" war vor allem bei jungen Zuschauern beliebt, in den Kinos brach der Film "Saturday Night Fever" Rekorde. Genau in dieser Zeit war Dirk Pfersdorf aus Königsfeld regelmäßiger Gast im Engel in Neuhausen, den wir im ersten Teil unserer Disko-Serie vorgestellt haben. Der heute 56-Jährige war damals wie heute fasziniert von den DJs an den Plattentellern. Er fragte daher 1979 einfach Engel-DJ Dieter Kiefer, ob er sich während einer Musikrunde selbst einmal am Plattenteller versuchen dürfe.

Dirk Pfersdorf öffnen die Türe zum großen Tanzsaal im Gasthaus Engel in Neuhausen, wo er 1979 zum ersten Mal DJ-Luft schnupperte.
Dirk Pfersdorf öffnen die Türe zum großen Tanzsaal im Gasthaus Engel in Neuhausen, wo er 1979 zum ersten Mal DJ-Luft schnupperte. | Bild: Fröhlich, Jens

Gesagt, getan: Pfersdorf machte seine Sache gut und war fortan vom Disko-Fieber infiziert, wollte selbst als DJ arbeiten.

DJ Dirk bei der Arbeit im Waldpeter.
DJ Dirk bei der Arbeit im Waldpeter. | Bild: Dirk Pfersdorf

"Über Kiefer bin ich schließlich in Kontakt mit Michael Nock aus Schonach gekommen", erzählt Pfersdorf. Der habe damals die Eröffnung der Diskothek Waldpeter zusammen mit einem Partner in Schönwald geplant und war noch auf der Suche nach einem DJ. Bei einem Treffen wurden sich die beiden schnell einig. Pfersdorf sprang, ohne groß Erfahrung als DJ zu haben, ins kalte Wasser und wurde von Nock zum Haus-DJ im Waldpeter berufen, in Vollzeit, an sieben Tagen die Woche. "Der Laden brummte vom ersten Tag an", erinnert sich Pfersdorf an die Eröffnung 1980, der als DJ Dirk nun allen Besuchern ein Begriff war.

In den 80er Jahren war der Besucheransturm im Waldpeter gewaltig. Fast täglich war es so voll, wie auf unserem Bild zu sehen ist.
In den 80er Jahren war der Besucheransturm im Waldpeter gewaltig. Fast täglich war es so voll, wie auf unserem Bild zu sehen ist. | Bild: Dirk Pfersdorf

"Im ersten Jahr hatten wir täglich geöffnet und es war jeden Tag voll", schwärmt er noch heute. Nach diesem anstrengenden Auftakt sei man dazu übergegangen, zumindest am Montag einen Ruhetag einzulegen. Die ersten beiden Jahre seien die besten gewesen. "800 Gäste gingen offiziell rein", weiß Pfersdorf noch. "Bei besonderen Veranstaltungen waren nicht selten über 1000 Menschen anwesend." Dann war das Gedränge auf den zwei Disko-Etagen groß. Vor dem Gebäude reihten sich dicht an dich parkende Autos und Motorräder an der B 500 in Richtung Triberg und Schonach. Parkplätze gab es nie genug.

Auch in der oberen Etage des Waldpeters herrschte meist Gedränge.
Auch in der oberen Etage des Waldpeters herrschte meist Gedränge. | Bild: Dirk Pfersdorf

Aber auch nach den beiden Rekordjahren lief es im Waldpeter viele Jahre lang weiter rund. Er war als Szene-Treffpunkt in der ganzen Region bekannt. Immer neue Veranstaltungen ließ Geschäftsführer Nock sich einfallen, holte Stars der Musik- und Kulturszene in den Schwarzwald. Den Besuchern wurde es nie langweilig. Sogar die Speise- und Getränkekarte war einzigartig.

So sah die Speise- und Getränkekarte im Waldpeter aus.
So sah die Speise- und Getränkekarte im Waldpeter aus. | Bild: Fröhlich, Jens

"Michael Nock war ein Genie", ist sich Pfersdorf sicher. Er habe immer den richtigen Riecher gehabt und sei rechtzeitig auf die Trends aufgesprungen. Wie so ein Party-Abend ablief, können sich SÜDKURIER-Leser exklusiv im folgenden Video ansehen, welches um das Jahr 1990 entstanden ist. Das Video stammt von einer alten Videokassette aus dem Privatarchiv von Dirk Pfersdorf. Zu sehen ist der Auftritt von Anna Mwale und ihren beiden Sängerinnen. Auch ein Feuerkünstler tritt am Ende auf.

Video: Dirk Pfersdorf

Es war nicht das einzige Konzert von Mwale im Waldpeter. Ihre Hits wie "Excuse me", "Get free" und "Touch sensitive" konnte damals jeder auswendig. Zum Glück, denn während einem ihrer Auftritte wurde DJ Dirk von der Sängerin auf der Bühne zum Mitsingen verdonnert. Als sich Pfersdorf an diese Situation erinnert, verdreht er mit einem Schmunzeln die Augen.

Anna Mwale holt DJ Dirk auf die Bühne.
Anna Mwale holt DJ Dirk auf die Bühne. | Bild: Dirk Pfersdorf

Diese Szene ist ein Beispiel dafür, wie vielfältig der DJ-Beruf damals war. "Es war alles handgemacht und ging weit über das Auflegen der Schallplatten hinaus", erzählt der 56-Jährige nicht ohne Stolz. "Man musste auf die Leute eingehen, sie unterhalten." Moderationen meisterte Pfersdorf ebenso, wie den eigenverantwortlichen Schallplatteneinkauf, um musikalisch immer auf dem neusten Stand zu sein.

Dem Publikum gefiel das. Als Erkennungsmerkmal trugen alle Waldpeter-Mitarbeiter ein spezielles T-Shirt mit aufgedrucktem Logo. Später kamen Latzhosen dazu. "Die rund 20 Mitarbeiter waren wie eine große Familie", so Pfersdorf.

DJ Dirk hilft bei seinen Waldpeter-Kollegen in der Küche aus.
DJ Dirk hilft bei seinen Waldpeter-Kollegen in der Küche aus. | Bild: Dirk Pfersdorf

"Von Anfang an hatten wir Liveauftritte im Programm", erinnert er sich. Bekannte Bands waren zum Beispiel The Stripes um Sängerin Nena, Purple Schulz, Spargo, Anyone’s Daughter, Fancy, Birth Control und die Spider Murphy Gang, die gleich zweimal im Waldpeter zu Gast waren – bei der Eröffnung und beim Fest zum zehnjährigen Bestehen.

Lebhaft erinnert sich Pfersdorf an das legendäre Steppenwolf-Konzert, um den charismatischen Sänger John Kay. Der Auftritt ging an einem Abend gleich zweimal über die Bühne. "Wir haben so viele Karten verkauft, dass nicht alle Gäste gleichzeitig das Konzert anschauen konnten. Es gab daher Karten mit einem A und einem B darauf", erzählt der ehemalige DJ. Nach dem Konzert mussten alle Besucher mit einem A auf ihrer Karte den Waldpeter verlassen. Nun waren die B-Kartenbesitzer an der Reihe. "Ich habe bei der Anmoderation nur Steppenwolf gesagt, was dem Frontmann gar nicht gefiel." Dieser habe darauf bestanden, dass er mit "John Kay Steppenwolf" angekündigt werde.

Dirk Pfersdorf, alias DJ Dirk, posiert gut gelaunt vor der Kamera.
Dirk Pfersdorf, alias DJ Dirk, posiert gut gelaunt vor der Kamera. | Bild: Dirk Pfersdorf

Pfersdorf lernte über die Jahre viele Eigenarten der Künstler hinter den Kulissen kennen. Eine weitere Anekdote ereignete sich vor dem Auftritt von Wolf Maahn. Der habe auf vegetarisches Essen für sein Catering bestanden, was in den 80er Jahren im Schwarzwald quasi ein Fremdwort war. "Michael Nock musste dann schnell nach Freiburg fahren, um an die gewünschten Lebensmittel zu kommen."

Neben Musik gab es immer wieder auch Diskussionsrunden. Gäste waren zum Beispiel Dieter Hallervorden, Gerd Dudenhöfer und Günter Wallraff.

Foto von einem Waldpeter-Werbezettel.
Foto von einem Waldpeter-Werbezettel. | Bild: Fröhlich, Jens

Neben überregional bekannten Künstlern unterstützte der Waldpeter auch regionale Bands und Musiker. Regelmäßig spielte zum Beispiel die Formation Bluesquamperfect auf. Für die Band sprach Pfersdorf einen Vorspann ein, der immer vor den Livekonzerten abgespielt wurde.

Foto von einem Waldpeter-Werbezettel aus dem Jahr 1983.
Foto von einem Waldpeter-Werbezettel aus dem Jahr 1983. | Bild: Fröhlich, Jens

Erst als Michael Nock um 1990 die Diskothek verkaufte, sei der Gästezulauf Jahr für Jahr etwas schlechter geworden, denkt Pfersdorf zurück, der noch bis 1995 als DJ weiterarbeitete. Daran konnten auch neue Programmideen, wie zum Beispiel die Techno-Abende im Gewölbekeller mit Dj Uli Hofmann, nichts ändern. Neben dem Rückzug von Michael Nock sieht Pfersdorf vor allem auch die damals neuen Großdiskotheken Discoland in Zimmern ob Rottweil (1985) und Okay in Donaueschingen (1990) als Hauptgrund für den Besucherrückgang. "Die Menschen wollten lieber in den modern ausgestatteten und viel größeren Diskotheken abtanzen", so Pfersdorf.

Dauerwelle und Bundfaltenhosen: Das war in den 80er und Anfang der 90er Jahre im Trend.
Dauerwelle und Bundfaltenhosen: Das war in den 80er und Anfang der 90er Jahre im Trend. | Bild: Dirk Pfersdorf

1995 hängte Pfersdorf den DJ-Beruf an den Nagel, arbeitete danach lange bei einem bekannten Drogeriemarkt in Villingen. Heute ist der 56-Jährige Lokführer bei der Hohenzollerischen Landesbahn. So ganz ohne Bühne und Rampenlicht kommt er aber nicht aus. Gelegentlich tritt er bis heute bei Veranstaltungen an den DJ-Pult. Bei der großen Waldpeter Revival Party im Haus des Gastes in Schonach heizte er 2013 zusammen mit DJ Noppi wie in den 80er Jahren den Gästen ein.

Die ehemaligen Waldpeter DJs Dirk (links) und Noppi sorgen 2013 bei der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach gemeinsam für Stimmung.
Die ehemaligen Waldpeter DJs Dirk (links) und Noppi sorgen 2013 bei der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach gemeinsam für Stimmung. | Bild: Joachim Ritter

Seit fünf Jahren moderiert er beim Triberger Weihnachtszauber die Kinderwelt. Er ist dankbar, dass sein Urlaubsantrag für diesen Zeitraum immer genehmigt wird.

Geschichte

1980 formte Michael Nock aus dem Waldpeter in Schönwald eine Diskothek. Dafür waren umfangreiche Umbauarbeiten nötig, um das kultige, rustikale Ambiente auf zwei Ebenen zu schaffen.

Dies war 15 Jahre lang der Arbeitsplatz von Dirk Pfersdorf im Waldpeter.
Dies war 15 Jahre lang der Arbeitsplatz von Dirk Pfersdorf im Waldpeter. | Bild: Dirk Pfersdorf

Im Jahr 1989 übernahm Kai-Uwe Bitsch die Disko und führte sie bis 1999 weiter. 2009 wagten Kai-Uwe und Daniela Bitsch einen Neuanfang im Waldpeter und öffneten das Lokal an einem Wochenende im Monat für Gäste. Die ersten Party-Abende waren ein Erfolg, versandeten aber bald wieder. 2013 organisierte der Sängerkreis Schonach im Haus des Gastes eine Revival-Party.

Volles Haus bei der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach (2013)
Volles Haus bei der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach (2013) | Bild: Joachim Ritter

Die Tanzfläche und die Bühne wurden dem Original nachempfunden. Die echten DJs von damals, DJ Dirk und DJ Noppi, legten auf. Die Veranstaltung war ein großer Erfolg. Auch Michael Nock war dabei. Nock verstarb Anfang 2017 unerwartet kurz vor seinem 65. Geburtstag.

Dirk Pfersdorf (links) und Michael Nock freuen sich 2013 über den großen Erfolg der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach.
Dirk Pfersdorf (links) und Michael Nock freuen sich 2013 über den großen Erfolg der Waldpeter Revival-Party im Haus des Gastes in Schonach. | Bild: Joachim Ritter

Ihre Erinnerungen und Fotos

Waren Sie damals auch im Engel und im Waldpeter zu Gast? An welche Diskotheken und Lokale aus dieser Zeit erinnern Sie sich noch? Schicken Sie uns Ihre Erinnerungen und Bilder unter dem Stichwort "Disko" per Email an leserreporter@suedkurier.de