Professionelle Kammermusikensembles brauchen einen Namen. Häufig benennen sie sich nach Komponisten wie Franz Schubert, nach Musikerpersönlichkeiten wie Pau Casals oder auch nach berühmten Instrumentenbauern. Zu den letzteren zählt das Sestetto Stradivari, ein Streich-
sextett aus Italien, das sich den Namen des legendären Geigenbauers Antonio Stradivari gegeben hat. Das Ensemble hatte im Franziskaner einen mitreißenden Auftritt.

Die beiden Geiger David Romano und Marlène Prodigo, die Bratschisten Raffaele Mallozzi und David Bursack sowie die Cellisten Diego Romano und Sara Gentile sind im Hauptberuf Musiker eines der großen Sinfonieorchester Italiens, des Orchestra dell‘ Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom. Seit rund 20 Jahren treten sie daneben auch kammermusikalisch auf – vergleichbar mit dem Philharmonischen Streichsextett der Berliner Philharmoniker.

Der Reiz für die Instrumentalisten, in dieser Formation zu spielen, liegt darin, den ihnen vertrauten philharmonischen Klang in kammermusikalisches Musizieren einfließen zu lassen. Bei zwei großen romantischen Kompositionen ist das beispielhaft möglich: beim Streichsextett Nr. 1 in B-Dur op. 18 von Johannes Brahms und dem mit „Erinnerung an Florenz“ betitelten Streichsextett in d-Moll op .70 von Peter Tschaikowsky.

Beide Werke haben eine strukturelle Gemeinsamkeit: Sie sind kompositorisch dicht gewoben, das heißt jede Stimme ist auf die Tragfähigkeit und Unterstützung der fünf anderen angewiesen; zugleich verfügt jede Stimme über eine starke Selbstständigkeit. Solistische Anforderung und selbstlose Teamorientierung befinden sich für jeden der sechs Streicher in permanentem Wechsel.

Die Musikwissenschaft hat die Streichsextette als „groß besetzte Kammermusik“ bezeichnet – fast ein Widerspruch in sich. Doch das Sestetto Stradivari liefert den beeindruckenden Beweis, dass große, nahezu orchestrale Klangfülle mit der filigranen Transparenz von Kammermusik vereinbar sind. Alle sechs Musiker verfügen über technische Brillanz, die von den Stücken geforderte Spielkonzentration lässt an keiner Stelle nach, der Primarius sorgt mit energischer, stellenweise stählerner Bogenführung und diskreter Aufmerksamkeit für höchste rhythmische Stringenz, die Bratschisten bringen die gepflegt samtene Sonorität ihrer Instrumente voll zur Geltung, die Celli sorgen für die leidenschaftliche Intensität des musikalischen Geschehens und keiner durchbricht die klangliche Geschlossenheit. Das Publikum war begeistert.

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