Das ist etwas für Tanzgenies: Elemente des Breakdance, der Akrobatik und des klassischen Balletts zusammen mit hoch entwickelten Formen des Modern Dance und des zeitgenössischen Jazz Dance unter einen Hut zu bringen. Was als Ergebnis herauskommt, heißt im professionellen Jargon Athletic Jazz Dance. Die von Jon Lehrer geleitete Dance Company aus den USA zählt zu den international profilierten Tanztruppen dieses relativ jungen Genres.

Was die vier Tänzerinnen und vier Tänzer im ausverkauften Villinger Theater am Ring unter dem Titel „Shadows in Motion“ auf die Bühne gebracht haben, war technisch meisterhaft und ästhetisch faszinierend. Sieben „getanzte Geschichten aus Licht und Schatten“ sind im Selbstverständnis von Jon Lehrer an menschlichen Mythen orientierte Zeit- und Lebensreisen.

„Chukchi“ lautet der Titel von Lehrers einleitender Geschichte. Es ist seine persönliche Hommage auf das kleine Volk der Tschuktschen im äußersten Nordosten Sibiriens, dessen Musik seine ausdrucksstarke Choreografie folgt.

Den zugrunde liegenden rituellen Gesang und den Rhythmus des kompakten indigenen Schlagwerks setzen die Tänzer mit expressiven Schrittfolgen, tempogeladenen ekstatischen Drehbewegungen und mühelos scheinenden Paarhebefiguren grandios um. Die ausgeklügelte Lichtregie nutzt das nur durch ein fiktives Feuer erhellte Dunkel ebenso als Stilmittel wie im Wechsel dazu eine kraftvolle farbige Ausleuchtung der Bühne. Optisch attraktive Effekte ergeben sich darüber hinaus, wenn die Beleuchter ihre aufwendige Ausrüstung dafür einsetzen, aus dem Tanz immer wieder lebendiges Schattentheater entstehen zu lassen.

Weltmusik der ukrainischen Band Dacha Bracha, die sie selbst als „Ethno-Chaos“ versteht, ist die akustische Basis von „Sirenic“. Die vier Tänzerinnen der Company inszenieren mit Hilfe eines fast bühnengroßen durchlüfteten Tuches perfekt ein körperliches Wogen, das an das Gefühl natürlicher Schwerelosigkeit erinnert.

Mit zwei herausragenden tänzerischen Spitzenleistungen wartet der zweite Teil des Programms auf: mit „Troika“ für drei Tänzer und „The Way Within“ für eine Solotänzerin. Bei „Troika“, einem männlichen Dreigespann, handelt es sich gewissermaßen um ein tänzerisches Thema mit Variationen um die Zahl drei. Die Protagonisten setzen dabei brillant den szenischen Einfallsreichtum von Jon Lehrer um. Sie nutzen den ganzen Bühnenraum, entfalten eine Bewegungsdynamik, die spannungsreiche Abläufe durch abrupte Stopps bewusst macht, integrieren am Boden Posen aus dem Break und zeigen, wie gut sie ihre Körperbalance beherrschen.

Als großartige Solistin präsentiert sich Cristiana Cavallo bei ihrem „inneren Weg“ nach Musik des Pianisten Christopher O’Riley. Ihre körperliche Eleganz, ihre Geschmeidigkeit und Gewandtheit am Boden wie im aufrechten Schritt sind beeindruckend. Mit „Pantheon Rising“, einem Ausblick ins Universum im Stil der Science-Fiction auf Musik von Damien Simon, beschließt die Jon Lehrer Dance Company ihr Gastspiel – erst in vollem Samtrot, dann in einfachem Schwarz und von der Zukunftsperspektive zur Archaik der Tschuktschen zurückkehrend.

Das begeisterte Publikum im Theater am Ring bedankt sich stehend und mit rhythmischem Beifall.