Anstatt über das Konzept zu entscheiden, beschloss der Ausschuss, den Gesamtgemeinderat in der nächsten Sitzung, am kommenden Mittwoch um 18.30 Uhr über einen Bürgerentscheid diskutieren zu lassen. Nach zahlreichen Wortmeldungen in der Fragerunde ergriff zunächst Bürgermeister Fritz Link beim Tagesordnungspunkt vier das Wort, um noch einmal seine Beweggründe für die Marktansiedlung ausführlich darzustellen.

Das sind die Überlegungen hinter den Plänen

Die kommunale Daseinsvorsorge mit Lebensmitteln, Getränken und Drogeriewaren sei die gesetzliche Pflicht jeder Kommune, so Link. Bisher nehme Edeka Holzky die Grundversorgung als Vollsortimenter wahr. Daneben gebe es mit Treff am Zinzendorfplatz ein Discountangebot, das jedoch auch von Edeka stamme. "Letztlich ist Edeka ein Monopolist", so der Bürgermeister.

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Nachdem die Zukunft des Treff-Marktes jedoch unklar sei, habe die Gemeinde sich entschlossen, "proaktiv" die Entwicklung aufzugreifen, um nicht vom Edeka-Konzern abhängig zu werden. Edeka bequemt sich trotz der Debatte weiterhin nicht, eine Aussage zur Lage in Königsfeld zu geben. Die Alternative, den norddeutschen Drogeriemarkt Budnikowsky am Zinzendorfplatz anzusiedeln, sei für viele Bürger eine charmante Lösung. Letztlich sei die Variante eines isolierten Drogeriemarktes jedoch "nicht wahrscheinlich", erklärte Fritz Link.

Link: Entwicklung steht erst am Anfang

Grundsätzlich war der Konjunktiv am Mittwochabend der beliebteste Modus in der Debatte. Zunächst müssen laut Bürgermeister Gutachten, unter anderem zur Kaufkraft, eine belastbare Grundlage für die Pläne schaffen. In Königsfeld liegt die Gesamtkaufkraft im Lebensmittelsektor bei 14,2 Millionen Euro. Derzeit werden 7,2 Millionen Euro durch die lokalen Händler abgedeckt. Aldi rechnet mit 5000 Euro Jahresumsatz pro Quadratmeter, Rossmann mit 5700 Euro. Allerdings erzielen Drogeriemärkte im ländlichen Raum tendenziell weniger Umsatz als ihre Pendants in Ballungszentren.

Bild: Schönlein, Ute

Der zweite Standort wäre problematischer

Nur kurz wurde der zweite potenzielle Standort zwischen Kreisverkehr und Natursportpark jenseits der L 177 angesprochen. Dieser sei, so Link, planerisch machbar. Allerdings würde die Bebauung an dieser Stelle eine unerwünschte Zersiedelung und laut einer ersten Einschätzung des Landratsamtes zudem erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt mit sich bringen. So darf das nahegelegene Biotop nicht beeinträchtigt werden und ein zehn Meter breiter "Gewässerrandstreifen" müsste für den Rotwaldbach eingeplant werden. Unklar ist außerdem die Akzeptanz der fußläufigen Anbindung an den Ort, die entweder über zwei Zebrastreifen am Kreisverkehr oder über noch aufwändigere Lösungen wie eine Brücke über die Landstraße realisiert werden müsste.

Die Verkaufsflächen werden zum Problem

Ein Problem am Standort neben der Grundschule ist zudem die von den Unternehmen geforderte Kombination aus Drogeriemarkt plus Discounter. Durch die entstehende Gesamtverkaufsfläche von 1450 Quadratmetern wird der Komplex als "großflächig" angesehen und als sogenannte "Agglomeration" bewertet. Was für die Märkte aufgrund der Synergien vorteilhaft ist, stellt die Gemeinde vor ein Problem: "Wir müssen erst klären, ob eine solche Agglomeration überhaupt genehmigungsfähig ist", erklärte Fritz Link.

Das sagt Bauentwickler Wolfgang Wislsperger

"Es gibt im Umkreis von 100 Kilometern kein 6000-Einwohner-Dorf mit einem Aldi", erklärte Wolfgang Wislsperger. Der Unternehmensberater aus Neuhausen hatte am Mittwochabend einen schweren Stand, als er seinen Mitbürgern die Entwürfe für die geplanten Märkte vorstellte. Grundsätzlich seien noch keine konkreten Pläne gefasst worden, erklärte der Bauentwickler. Wislsperger argumentierte, dass derzeit ein großer Teil der Kaufkraft nach Zimmern, Bad Dürrheim, Schramberg, St. Georgen und VS abfließe. Er wolle deshalb die Kunden in Königsfeld halten, was gleichzeitig auch eine Chance sei, mehr für die Innenstadt zu tun.

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Der Bedarf sei gegeben, erklärte der gebürtige Bayer, der von 1987 bis 2007 in einer Führungsposition bei Lidl und von 2007 bis 2014 Immobiliendirektor bei Deichmann war. Seitdem ist er als "Einmannbetrieb" selbstständig. Die Frage, was geschehe, wenn Aldi und Rossmann den Standort wieder aufgeben, konnte Wislsperger mit Verweis auf den langen Zeitraum nicht beantworten. Aldi wäre mit einem Vertrag über 15 Jahre an den Standort Königsfeld gebunden, Rossmann über zwölf Jahre.

Nur wenige Kompromisse bei der Corporate Identity

Wenig Hoffnungen konnte Wislsperger in Bezug auf das Erscheinungsbild der Supermärkte machen. "Auf dem Land machen die Konzerne keine Kompromisse wie in den großen Städten, wo der Platz rar und die Preise entsprechend hoch sind", so Wislsperger. Die Unternehmen legten größten Wert auf ihre Corporate Identity. Auf gut Deutsch ist damit das äußerliche Erscheinungsbild gemeint. Darin ist neben dem Logo unter anderem auch die charakteristische Form der Aldimärkte enthalten.

Immerhin seien die Firmen zu dem Zugeständnis bereit, ein Satteldach und eine Holzverkleidung auf Teilen der Gebäude anzubringen. Außerdem störte der Bauentwickler sich an der Sympathie im Publikum für den bestehenden Edeka. "Es ist nicht der arme Edeka, sondern die deutsche Nummer eins im Lebensmittelhandel. Aldi liegt auf Platz vier."

Wie stark wird die Grundschule eingeschränkt?

Diese Frage stellte Kathrin Mecke in ihrer offiziellen Funktion als Rektorin der Grundschule in den Mittelpunkt eines kurzen Vortrages. Ihre Stellungnahme ist folglich eine der Schulgemeinschaft und keine persönliche Meinung. Mecke präsentierte zunächst das Konzept Naturparkschule, das zum Ziel hat, den Schülern umweltbewusstes und nachhaltiges Handeln beizubringen.

Deshalb ist es der Schule ein Anliegen, den Schulgarten und die Blumenwiese so zu gestalten, dass das Gelände weiterhin der Naturparkschule gerecht wird. Die Wiese dient laut Mecke derzeit auch als Platz zum Toben, der gerade mit Blick auf die Bewegungspausen im Ganztagsschulkonzept von Bedeutung ist. Auf dem Bolzplatz, der laut Plänen überbaut werden könnte, könnten unter Umständen Parkplätze, ein Gerätehaus oder auch ein repräsentativer Standort für das vorhandene Kunstwerk entstehen. Ein neuer Bolzplatz müsste auf der verbleibenden Fläche neu errichtet werden. Dabei müsse die Hanglage zu berücksichtigt werden, so Mecke.

Skepsis im Kollegium der Grundschule

Grundsätzlich wird das Konzept im Kollegium der Grundschule eher mit Skepsis betrachtet, heißt es aus gut vernetzten Kreisen. Hinzu komme, wie auch in der Präsentation von Mecke nachzulesen ist, dass das Pausengelände durch die Marktbebauung künftig verschachtelt, schattig und nicht mehr einsehbar wäre. Somit könnte auch eine verantwortungsvolle Pausenaufsicht nicht mehr gewährleistet werden. Außerdem dürfe die Sicherheit der Kinder durch eine veränderte Verkehrssituation nicht gefährdet werden.

Riesiges Interesse rief die Sitzung des Ortsteilausschusses hervor, in der über das Konzept einer Ansiedlung von Aldi und Rossmann am Ortseingang erstmals öffentlich diskutiert wurde. Von den rund 80 Zuhörern kam Kritik und vereinzelt auch Zustimmung.
Riesiges Interesse rief die Sitzung des Ortsteilausschusses hervor, in der über das Konzept einer Ansiedlung von Aldi und Rossmann am Ortseingang erstmals öffentlich diskutiert wurde. Von den rund 80 Zuhörern kam Kritik und vereinzelt auch Zustimmung. | Bild: Kevin Rodgers

Inwieweit die Kinder künftig durch Lärm und Immissionen durch Verkehr belastet wären, müsste ein Verkehrsgutachten klären, so der Bürgermeister. Grundsätzlich sei der Kurort jedoch zur Einhaltung der Grenzwerte verpflichtet. Abschließend merkte Kathrin Mecke an, dass der Ausbau der Schule über eine zweizügige Grundschule hinaus aufgrund des kleineren Außengeländes "eher nicht mehr möglich" wäre. Derzeit werden knapp 90 Schüler in fünf Klassen unterrichtet. Zum neuen Schuljahr wird es sechs Klassen geben, weil auch Eltern aus dem Umland ihre Kinder verstärkt nach Königsfeld zur Schule bringen.

Unterschriftenaktion gegen den Markt

Ulrich Jehle, Französischlehrer an den Zinzendorfschulen und als sachkundiger Bürger im Ortsteilausschuss, übergab dem Bürgermeister eine Unterschriftenliste mit 46 Signaturen gegen den Bau von Aldi und Rossmann. Die Meinungen im Kollegium seien geteilt. Es gebe durchaus auch Kollegen, die den Markt gut fänden. Dennoch stünde für die Schulen der pädagogische Auftrag im Vordergrund, der Nachhaltigkeit und die Einschränkung des Konsums in den Fokus stelle. Jehle erwähnte außerdem Bedenken zu Ästhetik, Verkehrszunahme und einem steigenden Angebot an ungesunden Nahrungsmitteln.

Bürger fordern mehr Beteiligung

Mehrere Bürger äußerten ihren Unmut, über das Projekt erst sehr spät und auch nur über Presseberichterstattung informiert worden zu sein. Immerhin hat die Gemeinde laut Bürgermeister Link bereits Mitte 2018 Kontakt zu Aldi aufgenommen. Auch Susanne Böttger aus Neuhausen sprach vielen Bürgern aus der Seele, als sie das große Informations- und Diskussionsbedürfnis der Menschen herausstrich. "Ich möchte als Bürger früher informiert werden, um mir eine Meinung bilden zu können", unterstrich ein weiterer Zuhörer.

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Nicht alle Gemeinderäte waren von Anfang an im Boot

SPD-Gemeinderätin Birgit Helms hat erst über den SÜDKURIER-Bericht von den Einzelheiten des Konzeptes erfahren. "Ich wusste zwar, dass es eine Voranfrage gegeben hat. Aber nachdem ich nur dem Sozialausschuss angehöre, habe ich wie alle anderen erst durch die Zeitung von den Details erfahren", erklärte Helms am Donnerstag. Es sei schmerzlich und beschämend, dass überhaupt für den Lebensraum einer Naturparkschule gekämpft werden müsse. Die Ausschussmitglieder wurden laut Jens Hagen am 17. Oktober zum ersten Mal in nichtöffentlicher Sitzung mit den Plänen konfrontiert und damit gleichzeitig zur Verschwiegenheit gegenüber der Öffentlichkeit verpflichtet. Auch in diversen Ortschaftsräten und im Technischen Ausschuss stand das Thema bereits nichtöffentlich auf der Tagesordnung.

Dreieinhalb Stunden verfolgte das Publikum die Sitzung.
Dreieinhalb Stunden verfolgte das Publikum die Sitzung. | Bild: Kevin Rodgers

Pro und Contra im Publikum

Die vereinzelten Befürworter argumentierten vor allem im Sinne von jungen Familien. Man könne nicht jahrelang Familien ansiedeln und dann keine Nahversorgung bieten, so das Argument. Die Zahl der Kritiker überwog jedoch deutlich. Ähnlich wie viele Einzelhändler war auch Sigrid Fiehn der Meinung, dass ein Aldi am Ortsrand nicht zu einer Belebung der Friedrichstraße führen werde. Fiehn, die beim Amt für Stadtentwicklung in VS arbeitet, verwies auf ihre Erfahrungen in Villingen. Anders als mit dem dortigen Drogeriemarkt Müller fehle in Königsfeld ein "Magnet" im Ortskern. Axel Maier, der sich im BUND engagiert, betonte, dass die betroffene Magerwiese seit 20 Jahren von den Naturfreunden gepflegt wird und ein wichtiges Refugium für Insekten und Vögel darstellt.