Es war ein beeindruckendes Lehrstück für Demokratie und Bürgerbeteiligung, das am vergangenen Samstagabend im Vereinsheim des FC Königsfeld zu beobachten war: Nachdem in der vergangenen Woche ein Konzept der Gemeinde bekannt wurde, wonach am Ortseingang Aldi und Rossmann angesiedelt werden könnten, lud die Grüne Liste für die Kommunalwahl interessierte Bürger zu einem Austausch mit Bürgermeister Fritz Link ein. In einer größtenteils fair und sachlich geführten Diskussion informierte Link die knapp 50 Bürger über das Projekt und dessen Vorteile, ohne die Nachteile zu verschweigen. Der Bürgermeister nahm sich zweieinhalb Stunden Zeit, um die Motive zu erläutern und auf die Bedenken der Bürger einzugehen.

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Discounter und Drogerie sollen Marktlücke schließen

Hintergrund des Konzeptes sind Überlegungen zur Nahversorgung. Immer wieder, so Link, werde aus der Bürgerschaft seit der Schlecker-Pleite das Fehlen eines Drogeriemarktes bemängelt. Zugleich gebe es die Notwendigkeit, vor allem für Familien mit Kindern ein preiswertes Lebensmittelsortiment anzubieten. Der Discounter Treff, der am Zinzendorfplatz bislang vor allem die Edeka-Eigenmarken von „gut und günstig“ anbietet, könnte im Zuge eines geplanten Verkaufs der Kette an die Netto-Gruppe künftig als „Edeka Express“ ein Vollsortiment anbieten. Dann wäre unklar, ob diese geplante Umfirmierung mit dem vorhandenen Edeka-Markt Holzky zusammenpasst. Sollte der Treff wegfallen, würde der Gemeinde ein Discounter fehlen. „Letztlich haben wir in Königsfeld eine Monopolsituation der Edeka und kein ausreichendes Angebot im Discount-Sektor“, so Bürgermeister Link. Deshalb sei die Gemeinde proaktiv tätig geworden. „Die Gemeinde ist verpflichtet, die Grundversorgung der Menschen sicherzustellen. Die Leute stimmen beim Einkauf mit dem Auto ab“, erklärte Link.

Erste Anfrage wurde bereits Mitte 2018 gestellt

Eigentlich ist Königsfeld für den Essener Discounter zu klein. Dennoch hat die Gemeinde bereits Mitte 2018 Kontakt zu Aldi aufgenommen. Aus diesen Gesprächen habe sich dann die Chance auf ein Doppelkonzept mit einem Drogeriemarkt ergeben. Mittlerweile gebe es die definitive Zusage von Aldi, einen „kleinflächigen Markt“ mit 650 Quadratmetern Verkaufsfläche betreiben zu wollen. Allerdings kommt für Aldi ein solcher Markt nur in Kombination mit einem Drogeriemarkt infrage. Hierfür hat mittlerweile Rossmann zugesagt. Bauträger wäre vermutlich Entwickler Wolfgang Wislsperger aus Neuhausen.

Bild: Schönlein, Ute

Sorge um Bäcker, Metzger und Floristen

Immer wieder gab es Applaus für Äußerungen aus den Reihen der Bürger, die ihre Bedenken zum Ausdruck brachten. Viel Unterstützung erhielt die Frage nach den Auswirkungen, die Aldi und Rossmann auf die Königsfelder Händler haben könnten. Wer mit dem Auto zu Aldi und Rossmann fahre, halte nicht mehr im Kernort, um Brot, Fleisch und Blumen zu besorgen, so die Kritik. Derzeit lässt die Gemeinde ein Gutachten erstellen, um zu untersuchen, ob die Nachfrage für die neuen Läden durch die knapp 6000 Königsfelder gegeben ist. Im Lebensmittelsektor wird mit einem Jahresumsatz von etwa 5000 Euro pro Quadratmeter Ladenfläche gerechnet. Die Gemeinde rechnet mit 400 bis 500 zusätzlichen Kunden pro Tag. Zehn Prozent, also 40 bis 50 Kunden, werden als zusätzliche Kunden für den Kernort eingerechnet. Dennoch kämen auf den Handel wohl Umsatzeinbußen von zehn bis 15 Prozent zu. "Das ist dann die unternehmerische Herausforderung. Mehr Wettbewerb finde ich ordnungspolitisch richtig. Der Handel leidet an zu wenig Kundenfrequenz. Deshalb wird der Ortskern eher profitieren", betonte Link die Chancen.

Wenig Veränderung bei der Gewerbesteuer

Keine Wunder dürfe man bei der Gewerbesteuer erwarten. Diese werde nach der Beschäftigtenzahl gemessen. Nachdem die Konzerne ihren Sitz nicht in Königsfeld haben und mit relativ wenigen Mitarbeitern vor Ort auskommen, halten sich die Einnahmen in Grenzen.

Rund 50 interessierte Bürger sind dem Aufruf der Grünen Liste für die Kommunalwahl gefolgt, um mit Bürgermeister Fritz Link im Vereinsheim des FC Königsfeld am Samstagabend über die geplante Marktansiedlung am Ortseingang zu diskutieren.
Rund 50 interessierte Bürger sind dem Aufruf der Grünen Liste für die Kommunalwahl gefolgt, um mit Bürgermeister Fritz Link im Vereinsheim des FC Königsfeld am Samstagabend über die geplante Marktansiedlung am Ortseingang zu diskutieren. | Bild: Rodgers, Kevin

Ökologie und Nachhaltigkeit zwischen Supermärkten predigen

"Die Schüler demonstrieren für die Umwelt und bekommen Nachhaltigkeit in einer Schule gelehrt, die künftig von drei Supermärkten eingekesselt wird", gab eine Teilnehmerin ihre Bedenken mit Blick auf den Standort zu Protokoll. Ihre Befürchtung: Statt gesunder Ernährung werden die Schüler künftig noch stärker von den Angeboten der neuen Geschäfte angelockt. Uneins waren sich Bürgermeister und Naturschutzfreunde bei der Bewertung der Grünflächen. Während Fritz Link das Gelände mit dem aufgeschütteten Aushub der Grundschule differenziert betrachtet, verwies ein Teilnehmer auf die Bewirtschaftung durch den BUND.

"Die Gemeinde ist verpflichtet, die Grundversorgung der Menschen sicherzustellen. Die Leute stimmen beim Einkauf mit dem Auto ab." Fritz Link, Bürgermeister
"Die Gemeinde ist verpflichtet, die Grundversorgung der Menschen sicherzustellen. Die Leute stimmen beim Einkauf mit dem Auto ab." Fritz Link, Bürgermeister

Beißende Kritik am Discount-Geschäftsmodell

"Warum brauchen wir Aldi und Rossmann?" Beißende Kritik gab es für das Geschäftsmodell des Discounters, das, so ein Teilnehmer, auf schlechten Bedingungen für Beschäftigte und Produzenten basiere und mit Blick auf die Herkunft von Lebensmitteln und den Verpackungsmüll nicht nachhaltig sei. "Es muss nicht immer mehr sein. Das Konsummodell von Aldi ist nicht vorbildlich. Königsfeld soll ein Aushängeschild für bewusstes Leben sein. Außerdem wird hier ein "Filet-Stück" am Ortseingang abgeben", hieß es aus den Reihen der Teilnehmer: "Hier sollen Menschen gesättigt werden, die ohnehin schon satt sind."