„In der Kunst sehe ich eine Form des Lebens. Sie ist das einzige Mittel, mit dem ich meiner Existenz Ausdruck geben kann.“ Emil Kiess hat auf der Basis dieser schon 1962 formulierten Überzeugung in reichem Maß beeindruckende Kunst geschaffen. Der Maler, Glasmaler und Skulpteur, der in Fürstenberg und Donaueschingen lebt und arbeitet, begeht am heutigen 10. Februar seinen 90. Geburtstag.

Das Bild „Herbstliche Bäume am Wasser“ ist ein Beispiel für den meisterlichen Umgang von Emil Kiess mit changierender Farbgebung.
Das Bild „Herbstliche Bäume am Wasser“ ist ein Beispiel für den meisterlichen Umgang von Emil Kiess mit changierender Farbgebung. | Bild: SÜDKURIER-Archiv
  • Entwicklung der Persönlichkeit: 1930 in Trossingen geboren und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Schule fertig, beginnt Emil Kiess seinen künstlerischen Weg in einer Zeit, in der sich das Land in Auflösung befindet und Jahre der notwendigen gesellschaftlichen Konsolidierung bevorstehen. Mit 16 bekommt er Unterricht bei Bernhard Wäschle, dem Rottweiler Maler, der ihm in der Not der Zeit ein ausgeprägtes Gefühl für das verwendete Material vermittelt. Von 1949 bis 1951 studiert Kiess an der in der Nähe von Sulz gelegenen Kunstschule im ehemaligen Kloster Bernstein; sie gilt als eine Keimzelle der Nachkriegskunst. 1952 und 1953 ist er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Schüler von Willi Baumeister, einem der führenden Maler der abstrakten Kunst. Ab jetzt ist Kiess auf sich selbst gestellt.
Emil Kiess hat sich schon früh konzentriert mit dem Thema Farbe befasst. Das Ölbild (rechts) ist 1957 entstanden.
Emil Kiess hat sich schon früh konzentriert mit dem Thema Farbe befasst. Das Ölbild (rechts) ist 1957 entstanden. | Bild: Gunter Faigle
  • Künstlerische Positionen: Emil Kiess war und ist ein nachdenklicher Geist, sein Leben lang hat er um einen für ihn adäquaten Ausdruck gerungen, und dieser war von starken dynamischen Entwicklungen geprägt. Er selbst hat seine Positionen 2018 bei einem öffentlichen Gespräch mit Simone Jung, der Leiterin des Museums Art-Plus, so skizziert: Seine Kunst hat ihn vom Gegenständlichen bis hin zur nicht mehr weiter reduzierbaren monochromen Malerei geführt, eine Schaffenskrise hat ihn eingeholt, aus der er heraus zu seinem heutigen Stil gefunden hat. Dieser ist von starker Wirkung auf den Betrachter und unterstreicht eine der markanten Stärken von Kiess, der über seinen sensiblen Umgang mit Farbe selbst gesagt hat: „Ich lege Wert auf äußerste Differenzierung.“
Über eine Malerei wie diese sagt Emil Kiess: „Die Farbe kann erst ganz Farbe sein, indem sie nicht mehr Gegenstände beschreibt.“
Über eine Malerei wie diese sagt Emil Kiess: „Die Farbe kann erst ganz Farbe sein, indem sie nicht mehr Gegenstände beschreibt.“ | Bild: SÜDKURIER-Archiv
  • Preise, Stipendium und Titel: Früh schon hat Emil Kiess für sein profiliertes Schaffen begehrte Kunstpreise erhalten: 1956 zum Beispiel den Kunstpreis Junger Westen der Stadt Recklinghausen, 1958 den italienischen Premio Marzotto oder 1960 den nach dem Maler Giovanni Battista Salvi benannten Kunstpreis. 1960 kommt er in den Genuss eines Stipendiums für die Villa Massimo in Rom und hat es dann mit erst 30 Jahren bereits so weit gebracht, dass er Professuren in Kassel und an der renommierten Städelschule in Frankfurt selbstbewusst ablehnen kann. 1995 verleiht der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel dem hochgeschätzten Künstler Erwin Kiess den Ehrentitel „Professor“.
Emil Kiess (Mitte) verknüpft im Juni 2018 bei einem öffentlichen Gespräch mit Simone Jung, der Leiterin des Museums Art-Plus (links), immer wieder seine grundsätzliche Ernsthaftigkeit mit einer feinen Ironie.
Emil Kiess (Mitte) verknüpft im Juni 2018 bei einem öffentlichen Gespräch mit Simone Jung, der Leiterin des Museums Art-Plus (links), immer wieder seine grundsätzliche Ernsthaftigkeit mit einer feinen Ironie. | Bild: Gunter Faigle
  • Wirkung nach außen und innen: Wo immer Emil Kiess ausstellt, ist das Publikumsinteresse an seinem Schaffen groß. Als 2018 in der Galerie Rotes Haus in Meersburg eine umfassende Ausstellung die Strukturen und die Vielseitigkeit seines künstlerischen Oeuvres verdeutlicht, ist der Andrang so groß, dass die Kataloge schon vor Ausstellungsende ausverkauft sind – eine Seltenheit. Aber auch mit einer eher nach innen gerichteten Arbeit hat Kiess für Überraschendes gesorgt. Sein 2008 gefertigtes Porträt von Erwin Teufel für die Stuttgarter Villa Reitzenstein ist in der Galerie der ehemaligen Ministerpräsidenten das einzige Bild, das den Dargestellten im Profil zeigt – eine originell in die Gegenwart geholte historische Porträtform.
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  • Galeriearbeit und Grafik: 1988 wird die Donaueschinger „Galerie im Turm“ eingerichtet, Emil Kiess zählt zu den engagierten Mitbegründern. Bis heute ist er Mitglied des Galeriebeirats, der darüber befindet, welche Künstler zu einer Ausstellung eingeladen werden. Als der Katalog zur „Donaueschinger Regionale“ ab 2011 ein klar erkennbares Logo bekommen soll, ist Emil Kiess zur Stelle. Seit Sommer 2018 verwendet das Donaueschinger Stadtmarketing ein neues schnörkelloses Logo, Erwin Kiess und der Grafiker Holger von Briel haben es entworfen. Für Kiess steht es für den „Kulturraum Donau„.

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