"Strukturförderung heißt Lebensqualität erhalten und verbessern" – So steht es im Jahresprogramm 2019 zum Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) geschrieben. Martin Schöndienst kann nur müde lächeln. Ein netter Gedanke, mehr ist die Förderung für ihn nicht. "Wer hat schon die Zeit, 18 Monate mit dem Baubeginn zu warten?" Der junge Mann aus Sumpfohren jedenfalls nicht.

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100 000 Euro in Aussicht gestellt

Dabei hört sich am Anfang alles so gut an: Als er im Januar 2017 beschließt, sein Elternhaus umzubauen, wird ihm für den ersten Entwurf, der eine zweistöckige privatgenutzte Wohneinheit vorsieht, ein Zuschuss von 100 000 Euro in Aussicht gestellt. Aufgrund des dringenden Expansionsbedarfs ändert er die Pläne jedoch noch einmal: Das Erdgeschoss soll vorübergehend als Büro genutzt werden, bis in Hüfingen ein Neubau entsteht. Allerdings gibt es für die Bewerbung zum ELR nur einen Abgabetermin und der ist Ende September. Die Prüfung des Antrags nimmt dann noch einmal sechs Monate in Anspruch, also bis Ende März, das weiß Schöndienst bereits. Da vor der offiziellen Bewilligung keinerlei Baumaßnahmen erfolgen dürfen, wozu sogar die Auftragvergabe an Handwerker zählt, würde es mit der Förderung viel zu lange dauern, die Büroräume fertigzustellen. "Deshalb habe ich das Erdgeschoss rausgenommen und den Antrag nur auf den oberen Stock und das Dach bezogen", erklärt Schöndienst. Mit 50 000 Euro rechnet er noch.

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Im Mai 2018 beginnen endlich die Arbeiten am Dach. Die Büroräume im Erdgeschoss sind zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie abgeschlossen. Am selben Tag setzt ein Unwetter alles unter Wasser.
Im Mai 2018 beginnen endlich die Arbeiten am Dach. Die Büroräume im Erdgeschoss sind zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie abgeschlossen. Am selben Tag setzt ein Unwetter alles unter Wasser. | Bild: Martin Schöndienst

Umständliche Arbeiten

Die Bauarbeiten für das Büro beginnen im Januar 2018, Dach und erster Stock bleiben unangetastet, denn schließlich ist die Förderung noch nicht bewilligt. "Das war ein ziemlicher Umstand", erinnert sich der Bauherr. Elektro- und Wasserleitungen, die eigentlich durchs ganze Haus führen sollen, dürfen nur unten verlegt werden, ebenso die Heizungsrohre. Alle Arbeiten, die später auch im oberen Geschoss nötig werden, erledigt man nur parterre. Die kleinste Maßnahme in dem Teil des Gebäudes, für den er den Förderantrag gestellt hat, wäre ein Ausschlusskriterium. Doch er trägt es mit Fassung und Geduld – für die 50 000 Euro Förderung, die am Ende winken.

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Einen weiteren Winter hätten das 80 Jahre alte Fachwerk und Dach wohl nicht mitgemacht.
Einen weiteren Winter hätten das 80 Jahre alte Fachwerk und Dach wohl nicht mitgemacht. | Bild: Martin Schöndienst

Ernüchterung nach Antrags-Bewilligung

Wie vom Regierungspräsidium, das den Antrag prüft, versprochen, ist Ende März 2018 der Tag der Wahrheit gekommen: Im Internet kann Schöndienst das Ergebnis seiner Bewerbung einsehen, die Förderung ist bewilligt. Doch als er noch einmal genauer hinschaut, fällt sein Blick auf den Förderbetrag: 26 415 Euro. Sofort hakt die Zuständige des Bauamts Hüfingen in Freiburg nach. Mit der Erklärung hadert Martin Schöndienst noch heute: "Mein Umbau wurde als gewerblich eingestuft, weil sich die Beurteilung immer auf das gesamte Objekt bezieht und nicht nur auf den Teil, für den der Antrag gestellt wird. Sobald in einem Gebäude mehr als eine Wohnung fremdvermietet wird, handelt es sich um ein gewerbliches Vorhaben." Nach Fertigstellung der Baumaßnahmen im nächsten Frühjahr soll sein Haus aus zwei Ferienwohnungen, zwei Mietwohnungen, zwei eigengenutzten Wohnungen, dem Büro und einem Hofladen bestehen – womit mehr als eine Wohneinheit fremdvermietet sein wird.

Heute ist das Fachwerk einer einfachen Fassade gewichen, der die Fenster im Industrie-Stil das gewisse Etwas verleihen.
Heute ist das Fachwerk einer einfachen Fassade gewichen, der die Fenster im Industrie-Stil das gewisse Etwas verleihen. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Die Sache zieht sich

Mit der Kürzung des Zuschusses könnte Schöndienst noch leben, auch wenn die Regelung für ihn keinen rechten Sinn ergeben will. Doch damit nicht genug: Der Antrag muss erneut gestellt werden, diesmal von seiner Hausbank an die L-Bank. Für den jungen Mann ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: "Schätzungsweise vier Monate würde es bis zur endgültigen Bewilligung dauern, sagte man mir damals. Aber so lange konnte ich nicht mehr warten, denn ich hätte ja erst Ende 2018 Handwerker beauftragen können. Die wären vorm Winter nicht mehr gekommen." Schöndienst ist klar: Das macht sein 80 Jahre altes Dach nicht mehr mit. Ihm bleibt keine Wahl, er muss auf den Zuschuss verzichten.

Die gelungene Mischung aus Alt und Neu erzeugt in den heutigen Büroräumen eine gemütliche Atmosphäre. Die Scheunendecke wurde unter großem Aufwand erhalten.
Die gelungene Mischung aus Alt und Neu erzeugt in den heutigen Büroräumen eine gemütliche Atmosphäre. Die Scheunendecke wurde unter großem Aufwand erhalten. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Unwetter sorgt für Mehrkosten

Anfang Mai wird das völlig marode Dach abgebrochen. Am selben Tag zieht ein großes Unwetter auf und setzt das Erdgeschoss unter Wasser, in dem die Bauarbeiten schon weit fortgeschritten sind. "Da hätte ich echt heulen können", gesteht Schöndienst und fügt an: "Ohne das Warten auf die Förderung hätten wir mit dem Dach angefangen, da wäre der Schaden im nicht sanierten Gebäude nicht so tragisch gewesen." Auf wie viel sich die Mehrkosten belaufen, die aufgrund des Antrags und der damit verbundene Warterei entstanden sind, kann er nicht sagen. "Der Aufwand war auf jeden Fall deutlich größer, schließlich mussten alle Betriebe zweimal anrücken: erst für die Büroräume und jetzt für den Rest."

Im Januar soll alles fertig sein. Hätte er weiter auf die Förderung gewartet, wären die Bauarbeiten erst im Frühjahr angelaufen.

Sicherheitsingenieur Aron Seemann hat nur wenige Wochen vor dem Umzug in die neuen Büroräume bei der Firma Schöndienst seine Arbeit aufgenommen.
Sicherheitsingenieur Aron Seemann hat nur wenige Wochen vor dem Umzug in die neuen Büroräume bei der Firma Schöndienst seine Arbeit aufgenommen. | Bild: Ann-Kathrin Moritz