Betritt man das Haus von Familie Willems, mag man kaum glauben, dass die Wohnung im oberen Stockwerk noch vor nicht allzu langer Zeit zur Heulagerung diente. Die lichten hohen Räume und Möbel im modernen Design haben nicht mehr viel zu tun mit dem dunklen Speicher.

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Die alte Scheune bot sich an

Heidi Willems pflegt zu dem Gebäude, das ihr Vater auf ein Alter von 100 bis 120 Jahren schätzt, ein ganz besonderes Verhältnis, denn es ist seit Generationen im Familienbesitz.

Das älteste Bild, das die Familie von ihrem Zuhause besitzt, zeigt das Gebäude im Jahr 1956.
Das älteste Bild, das die Familie von ihrem Zuhause besitzt, zeigt das Gebäude im Jahr 1956. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Sie ist Neudingerin durch und durch und es war ihr immer klar, dass sie dort ihr Leben verbringen würde. Zu ihrem Glück fand sie in Stefan einen Mann, der bereit war, diesen Wunsch mitzutragen. Das elterliche Haus umzubauen, hatte für die junge Frau schon immer im Bereich des Möglichen gelegen. Zu einem konkreten Plan wurde die Idee jedoch erst vor rund vier Jahren. "Nachdem ich meinen Meister als Friseurin gemacht hatte, richtete ich mir im alten Hobbyraum meiner Eltern provisorisch einen kleinen Salon ein. Irgendwann wollte ich mich aber vergrößern und professionalisieren und da bot sich die alte Scheune nebenan einfach an", beschreibt Heidi Willems. Die Lage an der Hauptstraße des Donaueschinger Ortteils sei für ihr Geschäft optimal. Deshalb holten sie sich ein Angebot ein, bemerkten jedoch schnell, dass sich der Umbau für den Salon allein nicht rechnen würde. "Die Kombination aus Gewerbe und Wohnraum hat sich dann förmlich aufgedrängt", meint sie, zumal es als Selbstständige mit Kindern sowieso praktischer sei.

Trotz der Glasfasade und Lage an der Hauptstraße fühlt sich die Familie in ihrem Wohnzimmer nicht beobachtet. Bild: Ann-Kathrin Moritz
Trotz der Glasfasade und Lage an der Hauptstraße fühlt sich die Familie in ihrem Wohnzimmer nicht beobachtet. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Vier Generationen unter einem Dach

Und die Babysitter wohnen auch gleich nebenan, ein großer Vorteil, wie Willems findet: "Ohne meine Eltern hätten wir viele Freiheiten nicht." Dennoch war im Plan des Architekten, der im Januar 2015 zum ersten Mal zur Begutachtung kam, von Anfang an ein separater Eingang vorgesehen. "Diese Privatsphäre war uns sehr wichtig." Die vier Generationen unter einem Dach empfindet nicht nur Heidi Willems überwiegend als Bereicherung, auch ihre Großmutter freut sich über die Urenkel.

Die vierte Generation der Hausbewohner bekommt in wenigen Wochen Zuwachs. Momentan wird die 200 Quadratmeter große Wohnung aber noch von Heidi, Stefan, Moritz (7) und Robin (3) Willems bewohnt. Bild: Ann-Kathrin Moritz
Die vierte Generation der Hausbewohner bekommt in wenigen Wochen Zuwachs. Momentan wird die 200 Quadratmeter große Wohnung aber noch von Heidi, Stefan, Moritz (7) und Robin (3) Willems bewohnt. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Begrenztes Budget

Die größten Schwierigkeiten des Umbaus offenbarten sich gleich zu Beginn. Stefan Willems erinnert sich: "Bis wir mit dem Architekten auf einen gemeinsamen Nenner kamen, hat es echt eine Weile gedauert. Schließlich sollte er zwar etwas besonderes aus dem Gebäude machen, aber wir hatten gleichzeitig ein begrenztes Budget." Erste Pläne sahen eine zweistöckige Wohnung vor. Er hatte sogar schon einen Termin bei der Bank, um die Finanzierung zu gewährleisten. "Als ich am Tag davor den Kostenvoranschlag erhielt, bin ich aber nicht hingegangen", erzählt er lachend. Ein doppelstöckiger Ausbau hätte ihr Budget schlichtweg gesprengt.

Der umgebaute Teil des Gebäudes lässt heute kaum noch erahnen, dass er bis vor Kurzem als Scheune genutzt wurde. Bild: Monika Widmann
Der umgebaute Teil des Gebäudes lässt heute kaum noch erahnen, dass er bis vor Kurzem als Scheune genutzt wurde. | Bild: Monika Widmann

Großes Dachfenster in fünf Metern Höhe

Eine weitere Herausforderung für den Architekten stellte der Grundriss der 200 Quadratmeter großen Fläche dar. Aufgrund der zentralen Lage innerhalb des Gebäudekomplexes bestand seitlich keine Möglichkeit für Fenster. Zugleich hat die Wohnung mit 22 Metern aber eine enorme Tiefe. Wie könnte man trotzdem für genug Lichteinfall sorgen? Schließlich wollte die Familie, besonders im Winter, nicht den ganzen Tag im Dunkeln leben. "Der Architekt hat das wirklich großartig gelöst", lobt Stefan Willems. Die der Straße zugewandte Glaswand erstreckt sich über die gesamte Raumhöhe von drei Metern, die gegenüberliegende Seite wartet immerhin mit zwei gleichhohen Fenstern auf. "Dort war ursprünglich auch eine durchgängige Glasfront geplant, aber das wäre einfach viel zu teuer geworden." Aufgrund der enormen Höhe mussten dreifach verglaste Fensterscheiben verwendet werden. Qualitativ minderwertigeres Material wäre für diese Maße zu labbrig gewesen. Oberhalb des Esstisches hat der Architekt außerdem in fünf Metern Höhe Dachfenster integriert, die für zusätzlichen Lichteinfall sorgen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Selbst Mitte November ist der große Wohnbereich bis zum späten Nachmittag lichtdurchflutet. Insbesondere das Oberlicht trägt seinen Teil dazu bei, wie Heidi Willems berichtet: "Manchmal könnte man fast meinen, die Lampen seien an."

Hochzeitsgeschenk: Die Küche der Familie ist wie alle anderen Möbel von Heidi Willems Vater selbst geschreinert. Bild: Ann-Kathrin Moritz
Hochzeitsgeschenk: Die Küche der Familie ist wie alle anderen Möbel von Heidi Willems Vater selbst geschreinert. | Bild: Ann-Kathrin Moritz

Möbel eigens angefertigt

Letztendlich nahm die Planung fast genauso viel Zeit in Anspruch wie der eigentliche Bau, bei dem die Familie rund 20 Prozent in Eigenleistung erbrachte, ohne die das Projekt gar nicht realisierbar gewesen wäre. Stefan Willems, der als Produktionsleiter bei IMS Gear beschäftigt ist, hatte zuvor kaum handwerkliche Erfahrung besessen. Vieles eignete er sich unter familiärer Unterstützung an. Seine Frau fiel dagegen als Arbeitskraft aus, denn Sohn Robin machte sich zur selben Zeit auf den Weg. "Heidi hat mir den Rücken freigehalten, sich um die Kinder gekümmert und gekocht. Das war mindestens genauso viel wert", stellt Stefan Willems fest. Böse Überraschungen blieben zum Glück aus, denn die Bausubstanz war nach einem Brand im Jahr 1987 noch verhältnismäßig neu und dementsprechend gut erhalten. Die Möbel fertigte Heidi Willems Vater eigens für die Wohnung seiner Tochter an, ebenso das Treppenhaus, an das sich der Schreiner zum ersten Mal wagte.

2016: Die geschlossene Außenwand unterbindet jeglichen Lichteinfall. Gut erkennbar sind auch die unterschiedlichen Ebenen des heutigen Wohn- und Schlafbereichs. Bild: Monika Widmann
2016: Die geschlossene Außenwand unterbindet jeglichen Lichteinfall. Gut erkennbar sind auch die unterschiedlichen Ebenen des heutigen Wohn- und Schlafbereichs. | Bild: Bild: Monika Widmann

Schließlich waren die groben Arbeiten beendet und im März 2017 war die Wohnung fertig. Die Familie konnte einziehen. Die Arbeiten im Erdgeschoss dauerten zwar ein klein wenig länger, im Salon musste noch etwas gemacht werden, aber inzwischen gehen die Kunden ein und aus.