Sophie Scholl war Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und wurde am 22. Februar 1943 kurz nach ihrer Verhaftung in München mit 21 Jahren hingerichtet. Am 9. Mai 2021 wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. In einem Gastbeitrag berichtet Jürgen Kauth, der Erste Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins Bad Dürrheim, über die Zeit der jungen Frau in Bad Dürrheim.

Ein Foto von ihrem Aufenthalt in Bad Dürrheim ist bis jetzt nicht bekannt. Hier ein Bild von Sophie Scholl wenige Monate später bei ihrem Reichsarbeitsdienst in Krauchenwies.
Ein Foto von ihrem Aufenthalt in Bad Dürrheim ist bis jetzt nicht bekannt. Hier ein Bild von Sophie Scholl wenige Monate später bei ihrem Reichsarbeitsdienst in Krauchenwies. | Bild: Jürgen Kauth

Nachdem Sophie Scholl im März 1940 ihr Abitur bestanden hatte, habe sie, um für ein Studium zugelassen zu werden, den Nachweis einer halbjährigen Pflichtzeit für den Reichsarbeitsdienst nachweisen müssen, so Kauth. Zur Ausbildung zur Kindergärtnerin gehörte auch ein Praktikum im Dürrheimer Jugenderholungsheim Kohlermann, das von Major Kohlermann und seiner Gattin geleitet wurde. Hier begann ihr kurzes Erwachsenenleben.

Sie, die in einem sehr freizügigen Elternhaus aufgewachsen war, hatte Schwierigkeiten sich einzugewöhnen. Sie musste sich unterordnen und diszipliniert zurückhalten. „Um ehrlich zu sein, ich freue mich schon, bis es wieder vorbei ist“, schrieb Sophie nach ihrem Dienstantritt im Spätsommer aus Bad Dürrheim. Als Kindergärtnerin wurde sie von den kleinen Kurgästen mit Tante angeredet. Weitere Anlaufschwierigkeiten verursachten ihr schwäbischer Dialekt, der von den Kindern nicht verstanden wurde, und ihre Zimmergenossin schnarchte.

Das ehemalige Jugenderholungsheim Kohlermann am Ende der Waldstraße. Es wurde 1902 im Jugendstil errichtet und 2003 abgerissen. Nur noch der Pavillon rechts ist als Erinnerung erhalten. Hier absolvierte Sophie Scholl 1940 ein Praktikum als Kindergärtnerin. Bilder: Archiv Jürgen Kauth
Das ehemalige Jugenderholungsheim Kohlermann am Ende der Waldstraße. Es wurde 1902 im Jugendstil errichtet und 2003 abgerissen. Nur noch der Pavillon rechts ist als Erinnerung erhalten. Hier absolvierte Sophie Scholl 1940 ein Praktikum als Kindergärtnerin. Bilder: Archiv Jürgen Kauth | Bild: Jürgen Kauth

Scholl musste Solbäder für die jungen Kurgäste richten, Kinder waschen, mit Essen versorgen, bei Spaziergängen begleiten oder vom Bahnhof abholen.

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Gleich nach ihrer Ankunft am 9. August 1940 im Hause Kohlermann beschreibt Sophie ihre Hemmungen gegenüber den hochdeutsch-sprechenden Menschen und das Eingewöhnungsproblem in Bad Dürrheim: dass sie bei Norddeutschen immer unsicher sei, “wie man sich zu benehmen habe“. Als besonders lästig empfand sie es, dass es im Hause kein fließendes Wasser gab. Ihr Arbeitstag begann morgens um 7 Uhr, abends um halb zehn war sie fertig. Zweimal in der Woche hatte sie einen Nachmittag frei.

Leider seien die Wälder in der Umgegend schon ganz „zivilisiert“, es gebe kein Plätzchen, zu dem nicht ein Weg für jedermann führen würde. So war es ihren Briefen zu entnehmen. Trotzdem habe sie sich über die vielen Eichhörnchen gefreut. In vielen weiteren Briefen schrieb sie: „Hier sind nur sogenannte bessere Kinder, da das Heim ziemlich teuer ist. Es gibt aber kaum eines, das mir besonders gefallen würde. Ich bin im Gegenteil erstaunt, wie eingebildet und verdorben die Kinder hier zum Teil schon sind.“ Laut Hausprospekt war der Aufenthalt „Nur für bessere Stände“ vorgesehen. Weiter beschrieb sie, dass sie den Bauern hier zugeschaut habe, und meinte, dass diese Leute ganz anders seien als daheim. Sie redeten mit dem Vieh und gingen sorgsam mit der Natur um. In Dürrheim sei das Ganze noch „in seiner primitivsten Form, unverdorben von städtischem Einfluss“, und dies würde ihr gut tun.

Eine Freundin von Sophie beschrieb sie als junges Mädchen: „Sie war wie ein feuriger wilder Junge, trug die dunkelbraunen glatten Haare im Herrenschnitt und hatte mit Vorliebe eine blaue Fischerbluse oder eine Winterbluse ihres Bruders an. Sie war lebhaft, keck, mit heller klarer Stimme, kühn in unseren wilden Spielen und von einer göttlichen Schlamperei.“ All das konnte sie bei ihrem Praktikum in Bad Dürrheim natürlich nicht ausleben. Trotzdem empfand sie rückblickend, nach weiteren Reichsarbeitsdiensten in Krauchenwies und als Kindergärtnerin in Blumberg, ihre Dürrheimer Zeit als recht angenehm und lehrreich.

Mit ihrem Gehalt von 50 Reichsmark, das ihr Frau Major zum Abschied gab, war sie sehr zufrieden. Das entsprach damals einem Handwerkerlohn für einen Monat. „Mein erstes selbst verdientes Geld“, schrieb sie stolz nach Hause.

In Bad Dürrheim erinnert ein vom Geschichts- und Heimatverein angebrachtes Schild beim ehemaligen Kinderheim Kohlermann an der Ecke Wald-/Sonnenstraße an ihren Aufenthalt. Immer an Sophie Scholls Geburts- und Hinrichtungstag legt der Geschichts- und Heimatverein dort eine weiße Rose nieder. Vielleicht gesellt sich ja noch die eine oder andere Blume aus der Bevölkerung dazu.