Berlin ringt um die Macht und Deutschland schaut zu. Das bühnenreife Stück hält mehrere Hauptrollen vor – eine davon gehört dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der mit 38 Jahren, einer erfrischenden Rhetorik und enormer öffentlichen Präsenz als aussichtsreicher Nachfolger von Angela Merkel gilt. Wohin aber neigt das Volk? Beim Schätzelemarkt in Tengen gab es einen klaren Gewinner: Es ist Marian Schreier.

Der Bürgermeister der Zwergstadt im tiefsten Hegau benutzt einen Kniff, um die Bühne des imaginären Zweikampfs zwischen der Kanzlerin und dem Minister als lachender Dritter zu verlassen. Das quälende Gezerre um Jamaika, der absurde Streit um den geschassten Chef des Verfassungsschutzes, das neurotisch anmutende Gerangel um Machtpositionen – Marian Schreier vergleicht die Szenerie in der Hauptstadt mit den spätpubertären Verhaltensauffälligkeiten einer Schulklasse vor dem Abschlussball und spricht damit den gut und gerne 2000 Besuchern im Festzelt am Samstagnachmittag aus dem Herzen.

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"Wer in Lande den Laden am Laufen hält"

Dabei wäre vieles doch so einfach, würde sich die Berliner Blase am Wurzelwerk der Demokratie orientieren. Der Tengener Bürgermeister dankt den vielen tausend Wasserträgern im Land, die "dafür Sorge tragen, dass der Laden läuft". Und gerade recht kommt ihm da die Aktualität des Rückzugs von drei langjährigen Kommunalpolitikern im Landkreis Konstanz, die laut Marian Schreier ein Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang mit der Macht geben. Landrat Frank Hämmerle und die beiden Bürgermeister Peter Kessler aus Moos und Alfred Mutter aus Volkertshausen seien beispielhaft für ein selbstbestimmtes Ende der politischen Karriere.

Gekonnt spielt Marian Schreier auch bei den inhaltlichen Problemen im Lande die Bundes- gegen die Kommunalpolitik aus. Berlin produziert sich nach seiner Darstellung meisterhaft, wenn es um die Überhöhung von Belanglosigkeiten geht, dagegen schrumpft das Wichtige zur Bedeutungslosigkeit. Man diskutiere über die Burka, wo es um Integration gehe, und statt für Abhilfe bei der Wohnungsnot zu sorgen, debattiere man im Zweifel über Fahrradständer. Wie sich's für ein Festzelt gehört, überzieht der Tengener Bürgermeister, aber seine Botschaft an den Mann aus Berlin ist doch klar: Kommunalpolitiker können sich qua Nähe zu den Alltagsproblemen der Menschen keine Raumschiffpolitik wie in Berlin erlauben und davon sollte man sich in der Hauptstadt eine Scheibe abschneiden.

Zwei der drei Bewerber um den Parteivorsitz der CDU waren in diesem Jahr bei öffentlichen Auftritten im Kreis Konstanz zu erleben: Jens Spahn als Festzeltredner beim Schätzelemarkt in Tengen und Annegret Kramp-Karrenbauer bei einer Veranstaltung im Konstanzer Konzilgebäude.
Zwei der drei Bewerber um den Parteivorsitz der CDU waren in diesem Jahr bei öffentlichen Auftritten im Kreis Konstanz zu erleben: Jens Spahn als Festzeltredner beim Schätzelemarkt in Tengen und Annegret Kramp-Karrenbauer bei einer Veranstaltung im Konstanzer Konzilgebäude. | Bild: Tesche, Sabine

Mit dieser Vorrede ist die Messlatte für Jens Spahn hoch gesetzt – und er nimmt sie nur punktuell. Auch der Bundesminister versucht es dabei mit einem Kniff: Seine Rede basiert auf dem Fundament, dass die Zeit so gut wie nie zuvor ist. Etwa bei der Lebenserwartung: Im historischen Vergleich könne ein Mensch hierzulande etwa sechs Stunde am Ende eines Tages als zusätzliche Lebenszeit addieren. Oder bei den Finanzen: Nach knapp 50 Jahren sei seinem Parteikollegen Wolfgang Schäuble erstmals wieder ein Etat ohne Schuldenmacherei gelungen. Jens Spahn stört sich offensichtlich an der deutschen Miesepetrichkeit und fordert zur Abwechslung mal eine Runde Freude.

Dafür gibt's im Zelt durchaus Beifall. Man schätzt das Plädoyer für ein starkes Europa und für eine offene Debattenkultur (zum Beispiel bei der von Jens Spahn angeregten Diskussion um die Organspende-Praxis). Es gibt keinen Widerspruch beim Bekenntnis des Ministers zum System der dualen Ausbildung und dass "die Menschwerdung nicht erst mit dem Abitur oder dem Bachelor-Abschluss beginnt". Und wer teilt nicht die Empörung über die Notwendigkeit von Sicherheitspersonal in Notaufnahmen, wo Ärzte, Pfleger und Helfer sich zunehmend tätlichen Aggressionen ausgesetzt sehen?

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Kurzer Akt im großen Schauspiel

Die Rede ist in ihrer Grundsätzlichkeit damit eines Bundespräsidenten würdig, im politischen Alltagsgeschäft aber gibt es andere Erwartungen. Immerhin, mit gänzlich leeren Händen ist Jens Spahn nicht nach Tengen gekommen. Er erwähnt das Baukindergeld, fordert den Wegfall des Solis zwecks Steuerentlastung und die ersten Schritte zur Verbesserung der Personalsituation im Pflegebereich beispielsweise zeigen nach Ansicht des Gesundheitsministers, dass Berlin nicht nur Luftnummern produziert. Ob das für die fundamentalen Umbrüche in der Gesellschaft reicht? Der Zweifel bleibt, dass Tengen nur einen kurzen Akt im großen Schauspiel um die Macht erlebt.

Und hier können Sie den Bericht über Boris Palmer beim Tengener Schätzelemarkt im vergangenen Jahr nachlesen:

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