Die großen roten CDU-Buchstaben auf der Bühne sind schon etwas in die Jahre gekommen. An den Rändern ist die Farbe abgeblättert. Vielleicht nicht nur an dem Symbol. Die Stimmung auf dem CDU-Bezirkstag hält sich an diesem verregneten Vormittag in der Engener Stadthalle in Grenzen. Landesministerin Susanne Eisenmann versucht sich zwar in Rage zu reden über die Unverfrorenheit der Junglehrer, die lieber eine befristete Stelle in Karlsruhe haben wollen als eine verbeamtete in Lörrach.

Interviews? Fehlanzeige

Doch so richtig mitreißen kann sie die Delegierten an diesem Tag nicht. Sie sind schlecht gelaunt, weil man ihnen das Wlan-Passwort nicht verrät. Doch dann kommt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Er wartet im Foyer, während drinnen Stuhlkreise über Themen wie Wahlkampf auf Social Media („Tun Sie nichts, womit Sie sich nicht wohlfühlen“) oder den Niedergang des Einzelhandels („Diebstahl ist ein Problem“) diskutieren.

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Der Minister gibt sich betont entspannt so kurz vor der Hessenwahl, lächelt und guckt freundlich in jede Kamera, die sich auf ihn richtet. Wenn Frauen Selfies mit ihm machen, bückt er sich ein wenig, damit er auf derselben Höhe ist wie die Damen. Interviews will er keine geben: „Das hat mir mein Pressesprecher verboten“, sagt er und lacht. Nur nichts riskieren so kurz vor der Wahl.

Bild: Moll, Mirjam

„Engen, Tengen, Blumenfeld sind die schönsten Städt‘ der Welt.“

Der Minister wird auf die Bühne gebeten, aber er muss sich noch immer gedulden, weil der Bezirkstag noch einige Abstimmungen hinter sich bringen muss. Er isst eine Brezel, schaut in die Gesichter da unten vor der Bühne, bemüht sich, interessiert zu wirken.

Dann endlich kommt sein Auftritt. Er schnappt sich ein Mikrofon mit langem Kabel, das Rednerpult lässt er links liegen, stattdessen tritt er nach vorne, an den Rand der Bühne, geht ein wenig hin und her – wie einer dieser Motivationsgurus, die ihrem Publikum Nähe suggerieren wollen.

Erstmal die Stimmung lockern, scheint er sich zu denken. „Nach fünf Tagen in Hessen, wo ich so viel Wurst geschenkt bekommen habe, freue ich mich nun auf ein paar Brezeln in Südbaden“, sagt der Minister dann, gefolgt von dem Spruch: „Engen, Tengen, Blumenfeld sind die schönsten Städt‘ der Welt.“

Spahn spricht auf dem CDU-Bezirkstag in Engen

Spahn hat eine Rede vorgenommen, die er aus dem Stehgreif beherrscht. „Unserem Land geht es wirtschaftlich so gut wie noch nie. Gleichzeitig ist die Unsicherheit so groß wie selten“, beginnt er. Das verlorengegangene Vertrauen gilt es zurückzugewinnen, sagt der energische Mann auf der Bühne. Es geht ihm um die Debatte – aber bitte richtig.

Wenn er im Radio höre, seine Reform zur Organspende gleiche einem „Aufstand“ oder einer „Revolution“, ja wenn überhaupt eine andere Meinung dem gleichgesetzt werde, „dann kann man nicht gut diskutieren“. Spahn wirbt für seine Sache – es war zu erwarten. Eine „Organabgabepflicht“ sieht er in seiner geplanten Widerspruchslösung nicht: Wer nach seinem Tod seine Organe nicht spenden wolle, könne dies vorher schriftlich so verfügen. „Wer begründungsfrei Nein sagen kann, wird zu nichts verpflichtet“, stellt er klar.

Forderung nach mehr Dynamik

„Aber er hat die Pflicht, sich damit auseinanderzusetzen.“ Es ist ihm wichtig, dieses Thema. Genauso wie die Pflege. Der Beruf müsse wieder attraktiv gemacht werden, fordert er. Er will zusätzliche Stellen finanzieren, ein Anfang sei bereits gemacht. Und dann wäre da noch der schuldenfreie Haushalt, den ein Südbadener – Wolfgang Schäuble – nach 45 Jahren des Schuldenanhäufens eingeführt hat. „Wir haben es endlich geschafft, nicht mehr auf Kosten nachfolgender Generationen zu leben“, ruft er.

Und dann: „Wenn wir nicht über Erfolge reden, merkt es auch keiner.“ Er erntet donnernden Applaus. Aber Baustellen gibt es genug. Spahn wirbt für Berufsausbildungen und duale Bildungswege. „Der Mensch fängt nicht erst mit dem Abitur an“, sagt er dann. Fachkräfte braucht das Land, fordert er. Genauso wie den Ausbau der Infrastruktur. „Das Geld ist da“, ruft er den Delegierten zu. „Aber nichts ist baureif. Weil jeder mögliche Nistplatz eines Molches dafür sorgt, dass es nochmal zehn Jahre länger dauert.“ So einfach ist das. Mehr Dynamik muss her, verlangt der Bundespolitiker von den Delegierten.

Video: Moll, Mirjam

„Wir müssen Ideen erzählen“, pocht Spahn, „konkret werden“. Er gibt sich optimistisch, die CDU könne wieder zulegen. „Ich bin nicht zufrieden mit 27 oder 29 Prozent“, sagt er. „Ich will, dass die CDU wieder 38, 40 oder 45 Prozent erreicht“, fordert er. Dafür brauche es Diskussionen. „Das D in CDU steht für Demokratie“ – und das bedeute nun einmal Debatten führen. So richtig kommt an diesem Mittag in der Stadthalle aber keine Debatte zustande. Spahn hat keine Zeit mehr, er muss gleich weiter zum nächsten Termin. Nach Tengen zum Schätzelemarkt.

Auf dem Weg zum Tengener Schätzelemarkt

Der Bundesminister verschwindet in seiner Limousine mit verdunkelten Scheiben, es geht nach Tengen – selbstverständlich über Blumenfeld, um dem Eingangsspruch Genüge zu leisten. Im Festzelt sind die Biertische voll besetzt. Es ist stickig, trotz Verbots wird geraucht. Die Bezirksjugendkapelle spielt das Lied von „Heidi“, als Spahn an einem der vorderen Tische Platz nimmt. Er hat sich umgezogen, das Jacket seines Anzugs gegen eine Trachtenjacke getauscht. Sie beißt sich mit seiner blauen Anzughose, aber im Dunst des Zelts fällt es nicht auf.

Spahn setzt sich neben den jungen SPD-Bürgermeister Marian Schreier. Man unterhält sich, es gibt Brezeln und Bier. Spahn tippt rhythmisch auf den Tisch, während die Kapelle spielt. Dann muss er auch schon wieder selbst auf die Bühne. Schreier kündigt ihn an als den einzigen CDU-Spitzenpolitiker, der offene Kritik an Bundeskanzlerin Merkel „bislang unbeschadet überlebt“ habe und zitiert aus der vor kurzem erschienenen Biografie Spahns: „Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden.“

Bild: Moll, Mirjam

Eine Rede darf auch auf dem Schätzelemarkt nicht fehlen

Spahn nimmt es gelassen und karzt herzlich zurück, er habe einfach nach Tengen kommen müssen, weil dort der „vermutlich letzte gut gelaunte Sozialdemokrat“ Bürgermeister sei. Und dann beginnt er wieder mit seiner Rede. Für das Festzelt hat er sie ein wenig zugespitzt. Er spricht eine Spur lauter, ein wenig energischer, vielleicht auch aggressiver – diesmal auch hinter dem Rednerpult. Der Vergleich mit den Molchen erntet zustimmendes Johlen im Saal. Spahn würzt die Rede noch mit der Forderung, den Solizuschlag abzuschaffen und die Bürger zu entlasten.

Bild: Moll, Mirjam

Der Geräuschpegel im Festzelt nimmt unterdessen zu, im hinteren Teil widmen sich die Gäste langsam wieder ihrem Bier und ihren eigenen Gesprächen. Aber Spahn gibt nicht auf. Er wird noch ein wenig lauter auf seiner Bühne. Preist die Vorteile der EU an, die die Bürger inzwischen als selbstverständlich sehen. Und pocht auf Werte, die es zu verteidigen gelte „gegen rechte Dumpfbacken“. Schließlich erwähnt er noch anderen Kulturen, die es zu integrieren gelte. Dass es nicht darum gehe, wo eine Moschee errichtet werde. Aber dass die Moschee nicht von Erdogan, sondern vom Bundespräsidenten eröffnet werden soll. Das kam schon bei den Delegierten im Bezirkstag gut an.

Im Festzelt werden die Leute wieder wach, klatschen und johlen mit Begeisterung: „Genauso so ist es“, ruft einer. Zum Schluss zitiert Spahn noch einmal den Spruch über Engen, Tengen und Blumenfeld. Als Geschenk bekommt er vom Bürgermeister eine Flasche Eierlikör. „Das erinnert mich immer an meine Oma“, gesteht der Politiker ganz volksnah auf der Bühne.

Video: Moll, Mirjam

Zurück in die Hauptstadt

Der Minister muss eigentlich zum Flughafen nach Zürich, um zurück nach Berlin zu fliegen. Schließlich war er nach der Hessentour und dem Abstecher nach Südbaden schon lange genug weg. Aber er will noch die Unternehmen mit ihren Ständen draußen besuchen. Spricht mit ihnen über Landmaschinen und den Rückgang der Milchbauern, spielt dreidimensionales „Vier gewinnt“ mit einem Holzverarbeitungsbetrieb, der Steine aus großen Holzwürfeln an seinem Stand liegen hat.

Er schüttelt jedem die Hand, spricht mit jedem, will wissen, wie es läuft. Dann drängt aber doch die Zeit. Er eilt Richtung Auto. Die Limousine wartet draußen im Regen. Noch einmal winkt er, der Minister, dann steigt er ein und fährt davon. Zurück nach Berlin, zur CDU-Zentrale, wo die Farbe noch intakt sein sollte.