Nächste Etappe im Streit um das neue Gewächshaus, das das Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf im Stockacher Ortsteil Wahlwies plant (siehe Text unten): Eine Gruppe von Einwohnern, die dem Projekt kritisch gegenübersteht, hat sich zu Wort gemeldet und ihre Kritik erneuert. Sie wehren sich gegen den geplanten Standort im Tal der Stockacher Aach. Damit gerät eine überregional bekannte Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe in die Kritik. Die Verantwortlichen beim Kinderdorf verteidigen das Projekt und haben Informationsveranstaltungen angekündigt (siehe Text unten). Ein Überblick zum Streit über das Zusammenspiel von gemeinnütziger Einrichtung und Dorfgemeinschaft:

Die Kritiker und ihre Argumente

Schon kurz nachdem die Pläne des Kinderdorfs öffentlich wurden, äußerten mehrere Wahlwieser Einwohner ihre Kritik in Leserbriefen im SÜDKURIER. Drei von ihnen sind nun entschlossen, weiter gegen die Standortwahl vorzugehen. Denn sie seien nicht dagegen, dass das Kinderdorf ein neues Gewächshaus baue, sagen Helmut Spaeter, Wolfram Renner und Ulrich Hedtstück. Im Gespräch betonen sie mehrfach, dass sie das Kinderdorf grundsätzlich positiv und unterstützenswert finden. Sie wehren sich aber dagegen, dass das neue Glashaus im Flusstal entstehen soll.

Dabei argumentieren sie hauptsächlich mit dem Naturschutz und dem Fahrzeugverkehr, der nach ihrer Einschätzung hinzukomme. Denn die Stockacher Aach mit ihrem Auenwald ist laut einem Umweltgutachten zum Projekt nach dem Bundesnaturschutzgesetz als Biotop geschützt. Hedtstück weist auf die vielen Vögel hin, die am Fluss leben und unter Glas keine Nahrung mehr finden dürften. Es gebe nur wenige solcher Flusstäler, das Bauvorhaben würde dieses zerschneiden. Und Spaeter macht auf die Dimensionen aufmerksam.

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Das Gewächshaus selbst soll 16.000 Quadratmeter Ackerland unter Glas setzen. Und daneben soll eine Hackschnitzelheizung mit einem zwölf Meter hohen Wärmespeicher entstehen, wie ebenfalls im Umweltgutachten steht. All das müsse ver- und entsorgt werden – zusätzlicher Lasterverkehr in der Wohnstraße Am Maisenbühl, in der auch die Waldorfschule liegt, ist in der Augen der Kritiker vorprogrammiert.

Doch es wird noch ein Punkt deutlich: Bei Spaeter, Renner und Hedtstück herrscht das Gefühl vor, das Kinderdorf habe die Dorfgemeinschaft mit den Glashausplänen überfahren. Jedenfalls war schon im Februar, als die Pläne konkret und öffentlich bekannt wurden, Ablehnung im Wahlwieser Ortschaftsrat und im Planungsausschuss des Stockacher Gemeinderats deutlich geworden. Die beiden Gremien haben zwar nicht mitzuentscheiden, weil der Gewächshausbau ein landwirtschaftlich privilegiertes Vorhaben ist. Wolfram Renner, der selbst einen Obstbaubetrieb führt, formuliert den Eindruck aber so: „Wenn einem daran gelegen ist, dass das Dorf mitspricht, kann man es auch früher öffentlich machen.“

Den Unmut im Ort empfinden alle drei Männer jedenfalls als groß. Sie berichten, dass es nach ihren Leserbriefen einigen Zuspruch aus dem Ort und darüber hinaus gegeben habe. Nun wollen sie auf den Projektpartner Edeka zugehen, sagt Spaeter.

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Wie sich das Kinderdorf verteidigt

Der Widerstand im Ort gebe ihnen durchaus zu denken, sagt der Geschäftsführer des Kinderdorfs, Bernd Löhle. Und Gärtnerei-Leiter Christian Richter ergänzt, dass der Streit nicht spurlos an ihm vorbeigehe. Er habe Verständnis, dass man das Projekt von allen Seiten sehen kann, das Kinderdorf wolle aber nur etwas Gutes erreichen.

So sieht es im bestehenden Gewächshaus des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfs aus. Die Tomatenpflanzen wachsen in Erde statt im ansonsten auch häufig verwendeten Granulat, ein Computer steuert die Bewässerung. Die Gärtnereimannschaft (von links): Andrea Mühlbauer, Fred Schauenburg (beide Gesellen), Ellen Schauenburg (Meisterin), Christian Richter (Gärtnerei-Leiter), Birger Richter (Geschäftsführer der Pestalozzi Gärtnerei gGmbH) und Andreas Reine (Ressortleitung Betriebe des Kinderdorfs).
So sieht es im bestehenden Gewächshaus des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfs aus. Die Tomatenpflanzen wachsen in Erde statt im ansonsten auch häufig verwendeten Granulat, ein Computer steuert die Bewässerung. Die Gärtnereimannschaft (von links): Andrea Mühlbauer, Fred Schauenburg (beide Gesellen), Ellen Schauenburg (Meisterin), Christian Richter (Gärtnerei-Leiter), Birger Richter (Geschäftsführer der Pestalozzi Gärtnerei gGmbH) und Andreas Reine (Ressortleitung Betriebe des Kinderdorfs). | Bild: Freißmann, Stephan

Die Verantwortlichen beim Kinderdorf verteidigen den Plan für das Gewächshaus an dieser Stelle jedenfalls und lassen durchblicken, dass sie die Standortfrage nicht noch einmal erörtern werden. „Die Genehmigung steht für den Standort unten am Fluss“, sagt dazu Karl-Hermann Rist, der im Vorstand des Kinderdorf-Trägervereins sitzt und die Landwirtschaft der Einrichtung auf dem Erlenhof leitet. Den Standort jetzt zu ändern wäre sehr gewagt, so Rist. Weitere Jahre würden ins Land gehen.

Die Verantwortlichen betonen aber auch, dass sie aus Fehlern lernen wollen. Das Glashaus solle mit Bäumen von allen Seiten besser gestaltet werden, sagt etwa Geschäftsführer Löhle. Von der bestehenden Erde werde nichts abgefahren, nur Unebenheiten würden ausgeglichen, sagt Birger Richter von der Gärtnerei, der auch Geschäftsführer der für das neue Glashaus gegründeten gemeinnützigen GmbH ist.

Laut dem Umweltgutachten kommen dadurch zur Höhe des Glashauses von sieben Metern stellenweise 2,50 Aufschüttung hinzu. Von allen Seiten her gebe es außerdem Abstand zu den Wegen, sagt Birger Richter. Auf der Seite der Aach bleibe das Gebäude 16 Meter vom Weg entfernt, sagt Christian Richter.

Den im Ort weit verbreiteten Eindruck, dass das Kinderdorf sehr viel Land besitze und jeden Preis für Grundstücke zahlen könne, weist Rist zurück. Alle drei landwirtschaftlichen Betriebe – Gärtnerei, Landwirtschaft und Obstbau – bewirtschafteten zusammen etwa 218 Hektar, davon etwa 70 Hektar im Eigentum. Der Kauf von Land sei dabei eine Überlebensstrategie. Denn gepachtetes Land könne man verlieren.

Ein schlechtes Gewissen habe man bei dem Bauplan jedenfalls nicht, sagt Gärtnerei-Chef Christian Richter. Es gehe schließlich nicht um Dimensionen des Glashausbaus wie in der konventionellen Landwirtschaft, wo man gleich zehn Hektar unter Glas bringen würde. Und er gibt zu bedenken, dass nur ein Drittel des Gemüses, das in Deutschland verkauft wird, auch in Deutschland erzeugt werde. Der Rest komme aus anderen Ländern, in denen man die Gewächshäuser nicht sehe.

Projekt und Infotermine

  • Das Projekt: In dem Gewächshaus mit etwa 16.000 Quadratmetern Fläche unter Glas soll Gemüse in Partnerschaft mit Edeka und dem Gemüsering nach Demeter-Richtlinien angebaut werden. Im November 2018 hatte sich die Mitgliederversammlung des Trägervereins aus verschiedenen Gründen für den Standort am Fluss ausgesprochen. Das Abstimmungsergebnis sei deutlich ausgefallen, so Kinderdorf-Geschäftsführer Bernd Löhle. Er betont auch, dass man für das Projekt keine Genehmigung bekommen hätte, wenn die Fachbehörde ein Problem mit dem Naturschutz festgestellt hätte. In dem neuen Gewächshaus sollen auch Arbeitsplätze für Menschen mit Förderbedarf entstehen. Gärtnerei-Leiter Christian Richter sagt, dass derzeit acht der 35 Gärtnerei-Beschäftigten einen Förderbedarf hätten. Löhle verweist auf gute Vemittlungsquoten in den ersten Arbeitsmarkt.
  • Die Termine: Informationsveranstaltungen zum Glashaus-Neubau finden statt am Mittwoch, 1. Juli, um 18 Uhr, am Samstag, 4. Juli, um 10 Uhr, am Freitag 10. Juli, um 17 Uhr und am Samstag, 11. Juli, um 10 Uhr. Zum Schutz vor der Corona-Pandemie dürfen höchstens 15 Personen teilnehmen. Das Kinderdorf bittet um Anmeldung bis Donnerstag vor der Veranstaltung per E-Mail an s.freiheit@pestalozzi-kinderdorf.de oder unter Tel. (07771) 8003-124.