Neu ist das Thema Integration nicht in Singen: Integration prägt seit mehr als 100 Jahren die Industriestadt, heute haben 50 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Neu ist aber, dass Stadtverwaltung und weitere Akteure sich genau angesehen haben, wie Integration bisher funktioniert und wie sie besser werden könnte. Zwei Jahre hat der Prozess gedauert und unter anderem 32 Experten, 23 Telefoninterviews und 124 Teilnehmer einer Online-Befragung gebraucht. Jetzt hat der kommunale Integrationsbeauftragte Stefan Schlagowsky-Molkenthin das Ergebnis den Stadträten präsentiert und festgehalten: Es läuft schon Vieles gut in Singen, es sei offensichtlich viel richtig gemacht worden. Doch es ist noch Luft nach oben. Dabei mussten sich die Stadträte auch selbst an die Nase fassen, denn das bunte Singen findet sich in den Reihen der Volksvertreter nicht wieder.

Viele Ziele, aber kein Zeitplan

Zahlreiche Ziele und dafür nötige Maßnahmen finden sich in dem 44 Seiten starken Konzept. Im nächsten Schritt soll eine Koordinierungsgruppe die Ziele priorisieren, wie Schlagowsky-Molkenthin auf Frage von Regina Brütsch (SPD) erklärte. Brütsch lobte, dass nun klare Ziele formuliert seien, die besser überprüfbar sind. Sie fragte aber auch, wie das nun abgearbeitet werden soll. „Das kann man nicht alles auf einmal machen“, bremste Bürgermeisterin Ute Seifried bereits zu Beginn der Vorstellung die Erwartungshaltung. Einen Zeitplan gibt es noch nicht.

Integration? Im Gemeinderat Fehlanzeige. Doch das soll sich ändern

Selbst mitwirken können die Parteien beim Migrationsanteil in ihren Parteien, SPD und Grüne unterstrichen den Handlungsbedarf: „Da müssen wir alle zusammen dran arbeiten“, befand Isabelle Büren-Brauch (Grüne). Die Parteien sollten mehr Menschen mit Migrationshintergrund ansprechen und diese dann auf vordere Listenplätze setzen. Denn beim Bereich Interkulturelles Miteinander ist festgehalten, dass die politische Partizipation von Migranten noch begrenzt ist – ob in Parteien, Vereinen oder Verbänden.

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Fünf Bereiche für eine bessere Integration

Fünf Bereiche sind Schwerpunkt des Integrationskonzepts. Dabei bestehe beim Thema Wohnen ein überdurchschnittlich großer Handlungsbedarf.

Beim Wohnen gibt es den größten Handlungsbedarf

Die Stadt kann die Wohnraumversorgung nur geringfügig steuern, unter anderem weil eine städtische Wohnbaugesellschaft fehlt. Dabei sei die Situation vor allem für Haushalte mit niedrigem und mittlerem Einkommen immer schwieriger geworden und der Anteil von kostengünstigem Wohnraum werde ständig geringer. Dazu komme, dass manche Menschen mit Migrationshintergrund den Wohnungsmarkt und seine Strukturen nicht kennen oder Diskriminierungen ausgesetzt sind. Helfen sollen neben der bestehenden Wohnraumakquise beispielsweise ein Wohnungspaten-Projekt und ein Wohnführerschein, um Betroffene besser zu beraten und zu begleiten.

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Schlechtere Chancen zu arbeiten? Stadtverwaltung will ein Vorbild sein

Die Stadtverwaltung will mit gutem Beispiel vorangehen und Zugewanderte besser in den Arbeitsmarkt integrieren. Denn dort hätten Menschen mit Migrationshintergrund meist geringere Chancen. Arbeitgeber sollen sensibilisiert werden für die Potenziale dieser Menschen, auch Netzwerktreffen mit Handwerkern und Pflegeeinrichtungen sind angedacht. Weitere Standbeine sind die Anerkennung von Berufs- und Bildungsabschlüssen, damit Zugewanderte einfacher und besser arbeiten können, sowie Hilfen zur beruflichen Orientierung. Im Handlungsfeld Arbeit soll ein Netzwerk von Akteuren aufgebaut werden: Die sogenannte Singener Allianz soll weiter etabliert werden.

Für Sprache gibt es schon viele Angebote. Nun soll die Übersicht besser werden

Die Sprache habe eine Schlüsselfunktion für die gesellschaftliche Integration und Teilhabe. In diesem Themenfeld gebe es bereits viele Angebote. Dieses soll bedarfsgerecht optimiert werden für einzelne Gruppen wie Frauen mit Kindern, Jugend, Eltern oder Langsamlerner. Die kindliche Sprachförderung in Kitas soll beibehalten werden, auch wenn die Förderung 2022 ausläuft. Ein Ziel ist auch, einen allgemeinen Pool an Sprachmittlern einzurichten, die bei Verständigungsproblemen helfen können. Ein solches Angebot gibt es schon für den Landkreis, das werde in Singen aber kaum beansprucht.

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Kinder aus Einwandererfamilien arbeiten früher. Doch der Stellenwert von Bildung soll wachsen

Unabhängig von ihrer Herkunft und materiellen Situation sollen Kinder, Jugendliche und Erwachsene die gleichen Chancen auf Bildung haben. Das bedeutet laut Integrationskonzept zum Beispiel, niederschwellige Beratungsangebote zu schaffen, die mehr Menschen erreichen und bei diesen den Stellenwert von Bildung erhöhen sollen. Denn es gebe bei Kindern aus Einwandererfamilien die Tendenz, dass diese früh arbeiten statt noch länger die Schulbank zu drücken. Menschen mit Migrationshintergrund soll auch besser aufgezeigt werden, welche Angebote es bereits von Akteuren wie der Volkshochschule oder dem Verein InSi gibt. Dafür soll zum Beispiel leicht zugängliches und verständliches Informationsmaterial erstellt werden, auch mehrsprachig.

Für ein interkulturelles Miteinander brauche es beide Seiten

Integration ist keine Einbahnstraße, befinden die Macher des Integrationskonzepts. Die Ziele und möglichen Maßnahmen in diesem Arbeitsfeld sind vielseitig und reichen von Verwaltungsmitarbeitern, die ihre Fremdsprachenkenntnisse bei der Beratung von Bürgern nutzen könnten, bis zu Bestattungstraditionen. Eines der wesentlichen Ziele ist, dass sich mehr Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen bürgerschaftlich engagieren. Für eine Stärkung des Ehrenamts soll mit InSi beispielsweise ein Tag der Vereine mit Ausrichtung auf migrantisches Publikum organisiert werden. Bei Sportvereinen funktioniere die Integration schon ziemlich gut. Auch der interreligiöse Austausch unter den über 30 Kirchengemeinden und religiösen Gruppierungen trage etwa mit einem geplanten Tag der offenen Gotteshäuser bereits Früchte.

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Doch für ein positives Signal der Integration könne man auch die Bestattungsrituale anderer Religionen berücksichtigen, so das Konzept. Bislang stünden deutsche Bestattungs- und Hygienevorschriften nämlich im Konflikt mit muslimischen Bestattungsregeln. Um die Volksgruppen der Sinti und Roma sowie der Jenischen besser wahrzunehmen, soll weiter an einem Mahnmal für die Opfer durch nationalsozialistische Gewalt gearbeitet werden.

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Zwei Stadträte berichten aus ihrem Alltag, wie wichtig Sprache ist

CDU-Stadtrat Klaus Bach schilderte seine eigene Erfahrung mit Integration: In seinem Autohaus seien Menschen aus 15 Nationen beschäftigt. „Wenn wir diese Leute nicht hätten, könnten wir abschließen.“ Doch auch er sei bereits an Grenzen gekommen, wenn Menschen nicht gut lesen, schreiben oder Deutsch sprechen können. Das mache ihm Sorgen, weil man zunehmend Fachkräfte brauche.

Christa Bartuschek (SPD) pflichtete ihm bei: Das Klinikum habe das gleiche Problem, dass sprachliche Kompetenzen sehr eingeschränkt seien. Deshalb habe man eine Deutschlehrerin engagiert, die zweimal wöchentlich einen Unterricht für Beschäftigte anbietet. „Das hat Vorbildcharakter“, sagte Bürgermeisterin Ute Seifried.

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