Singen – Integrationsmanagerin Helena Baldina erinnert sich gern an den Moment, als für eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie eine Wohnung gefunden war und sie aus den beengten Verhältnissen eines Zimmers ausziehen konnte. „Wir haben viel in die Wege geleitet und sogar Oberbürgermeister Häusler wurde in die Suche einbezogen, aber es hat geklappt“, berichtet Baldina. Ein Beispiel dessen, was die Migrationsdienste der Caritas Singen-Hegau seit 60 Jahren leisten. Sie helfen Einwanderern, in Singen und im Hegau anzukommen und einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Die Caritas feiert dieses Jubiläum Corona-bedingt mit einer kleinen Feierstunde am 12. November und einem Video, das auf der Internetseite für alle zugänglich sein wird. In ihm soll über Interviews mit Mitarbeiterinnen, Betroffenen und Weggefährten die Geschichte lebendig werden.

Esspakete für italienische Gastarbeiter am Bahnhof in Singen. Bild: Stadtarchiv Singen/Fotonachlass Fauth
Esspakete für italienische Gastarbeiter am Bahnhof in Singen. Bild: Stadtarchiv Singen/Fotonachlass Fauth | Bild: StA Singen, 353 Fotonachlass Fauth

Mit der „Neapel-Schleuse-Singen“ hat alles begonnen, wie Margot Leder von der Stabsstelle Kommunikation in ihrer Zusammenstellung der Geschichte zum Jubiläum beschreibt. Der erste Sonderzug mit Gastarbeitern aus Neapel traf am 6. Mai 1960 in Singen ein. Die Arbeiter wurden von Singen aus verteilt, wer hier blieb, wurde von den Arbeitgebern und Betreuern der Caritas in Empfang genommen. Die Beratung richtete sich an die Arbeiter aus Italien, Portugal, Spanien und Kroatien. Wer als Berater eingestellt werden wollte, musste neben Deutsch auch die Herkunftssprache der Gastarbeiter beherrschen. Jede Nation hatte eine eigene Betreuungsstelle, die der Italiener war zum Beispiel in der Schaffhauserstraße. Die Berater halfen beim Kontakt mit den Behörden, der Freizeitgestaltung, der Wohnungssuche, der Sprachvermittlung und beim Umgang mit dem Sozial- und Gesundheitswesen. Die großen Arbeitgeber waren Maggi, Georg-Fischer, Alu-Singen und in Konstanz das Textilunternehmen Stromeyer. 18.000 ausländische Arbeitnehmer gab es 1972 im Arbeitsmarktbezirk Konstanz.

Ausländische Vereine helfen beim Einleben

Die ausländischen Vereine leisteten und leisten einen großen Beitrag zur Integration. Sie bilden einerseits die Brücke zur Heimat und helfen andererseits dabei, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden und zum Beispiel bei Festen, wie dem Hohentwielfest, ihre Kultur zu präsentierten und in Kontakt mit Einheimischen zu treten. Der Verein „Polisportiva Italiana Singen„, 1965 von Mariano Nasca gegründet, war einer der ersten italienischen Vereine im Südwesten. Nasca war von 1965 bis 2007 Migrationsberater bei der Caritas. Es folgten die Migrantenvereine Centro Portugues und Casa de Espana, C. F. E. Independiente 1970 und HSK Croatia 1971.

Hilfe für Helferkreise

Im Zuge der Flüchtlingswelle 2014 wollten sich viele Menschen ehrenamtlich engagieren. Die Caritas Singen-Hegau unterstützte und schulte die Ehrenamtlichen und hat als erster Wohlfahrtsverband in der Region eine hauptamtliche Stelle zur Begleitung der Helfer eingerichtet. Dadurch konnten viele Helferkreise ins Leben gerufen und vernetzt werden. Seit 2019 heißt das Projekt „Werkstatt Integration“ und unterstützt Ehrenamtliche und Geflüchtete intensiv. Die Caritas engagiert sich außerdem in der Flüchtlingssozialarbeit in Singen, Stockach und sechs weiteren Gemeinden im Hegau. Seit 2018 begleiten sieben Integrationsmanager geflüchtete Menschen in Singen und im Hegau. Der Caritasverband Singen-Hegau ist außerdem Gründungsmitglied des Integrationsvereins InSi. Seit Sommer 2020 ist Mitarbeiterin Miglena Abrasheva die stellvertretende Vorsitzende des Vereins.

Von der Fürsorge zur Selbstständigkeit

Die Arbeit der Migrationsdienste hat sich im Laufe der Zeit verändert. „In den 60er-Jahren stand der Fürsorgegedanke im Vordergrund. Heute geht es darum, den Migranten ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen“, erklärt Brigitte Ossege-Eckert, Fachbereichsleiterin der Beratungsangebote. Konkret habe das in den 60ern bedeutet, dass die Caritas Picknickpäckchen an die Gastarbeiterzüge gebracht habe. Heute würden die Menschen in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen durch Beratung so unterstützt, dass sie für sich selbst sorgen könnten. „Früher kamen die Menschen aus dem europäischen Ausland, heute kommen sie aus aller Welt“, nennt die Fachbereichsleiterin einen weiteren Unterschied. Deshalb sind bei den Integrationsmanagern in erster Linie interkulturelle Kompetenzen gefragt. „Wir haben viele Berater, die selbst Migrationshintergrund haben“, erklärt Wolfgang Heintschel vom Vorstand des Caritasverbandes. Sie teilten die Erfahrungen der Migranten und wüssten, wie schwer es sei, sich in einem neuen Land einzuleben. Zwölf Mitarbeiter sind bei der Caritas Singen-Hegau in den Migrationsdiensten beschäftigt. Die Caritas gibt für dieses Angebot jährlich 300.000 Euro aus.

Wegen Corona: Beratung am Fenster

In den ersten Beratungsgesprächen für Flüchtlinge gehe es zum Beispiel darum, einen Platz in einem Deutschkurs zu bekommen, um finanzielle Fragen und um die Arbeitssuche, berichten die Integrationsmanagerinnen Helena Baldina und Lena Wenzel. „Man lernt sehr viel über die Menschen und darüber, wie Deutschland funktioniert“, erklärt Baldina. Die Corona-Pandemie hat auch die Beratungsarbeit verändert. „Wir haben viel über Telefon und teilweise auch am Fenster beraten“, erzählt Isabelle Martin vom Caritas-Sozialdienst. Die Beratungen finden nur noch nach Terminvereinbarung, nicht mehr als offene Sprechstunden statt. Außerdem hat die Caritas jetzt eine Online-Beratung eingerichtet.

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