Die Nachfrage nach Grundstücken für Einfamilienhäuser in den Städten und Gemeinden des Hegaus ist riesig. Sie übersteigt um ein Vielfaches die Angebote, wie sämtliche Rathäuser bestätigen. Nun kommt den Vergabe-Kriterien eine entscheidende Bedeutung zu. Die Hegauer Kommunen haben überwiegend Punktesysteme festgelegt, die über die Verteilung der Bauplätze entscheiden sollen.

Nach EU-Vorgaben und richterlichen Urteilen dürfen aber nicht nur einheimische Bauinteressenten zum Zug kommen. Auch Auswärtige sollen die Chance erhalten, Bauplätze zu erhalten. Deshalb dürfen ortsbezogene Kriterien, wie bisherige Dauer der Ortsansässigkeit oder Vereinszugehörigkeit, nicht mehr als die Hälfte gewichtet werden. Die anderen 50 Prozent müssen andere Kriterien enthalten, wie soziale Aspekte. Das stößt auch auf Kritik. „Es nimmt uns Handlungsspielraum und schwächt das kommunale Selbstverwaltungsrecht“, erklärt beispielsweise der Steißlinger Bürgermeister Benjamin Mors.

Kritik an den Vorgaben

„Bei der Vergabe der Bauplätze haben wir immer versucht, möglichst gerecht zu handeln und die verschiedensten Aspekte zu berücksichtigen. Ich bezweifle sehr, ob die neuen Vorgaben allgemein bei den Bauinteressenten für mehr Zufriedenheit sorgen. Es könnte juristisch kompliziert werden“, betont Mors. Er sehe die Gefahr, dass die Vergabe einzelner Bauplätze teils eingeklagt wird und deshalb andere, die regulär ein Grundstück erhalten haben, mit ihren Bauten womöglich erst nach einer langen Verzögerung beginnen können.

Auf dem früheren Sportplatz im Schnaidholz im Singener Süden entsteht nun ein Neubaugebiet. Dort sollen Häuser der verschiedenen Gattungen entstehen.
Auf dem früheren Sportplatz im Schnaidholz im Singener Süden entsteht nun ein Neubaugebiet. Dort sollen Häuser der verschiedenen Gattungen entstehen. | Bild: Bittlingmaier, Albert

Es gibt nicht nur einen großen Bedarf nach privaten Bauplätzen. Auch der Mehrgeschoss-Bau mit besonderem Schwerpunkt auf bezahlbarem Wohnraum gewinnt bei Entscheidungen der Gemeinderäte ein immer größeres Gewicht. Das lässt sich auch am Beispiel der Stadt Singen und der Gemeinde Hilzingen ableiten.

Neue Baugebiete in den Stadtteilen

„Wir haben im vergangenen Jahr sowohl in Bohlingen mit Hinterhof III als auch dem Schnaidholz über 50 Einfamilienhausplätze auf den Markt bringen können. Als nächste Baumöglichkeiten stehen die Stadtteile Schlatt unter Krähen und Friedingen zur Vergabe an“, erklärt der Singener Oberbürgermeister Bernd Häusler. Die Kriterien für die Vergabe der Bauplätze seien vom Gemeinderat festgelegt.

„Die Grundstückspreise beschließt der Ausschuss für Stadtplanung, Bauen und Umwelt. Erst danach sind Bewerbungen möglich“, so Häusler. Weitere Baugebiete seien in der Planung für Beuren an der Aach, Schlatt unter Krähen und in der Singener Südstadt im Bereich Bühl/Tiefenreuthe.

Bestandsbauten sollen genutzt werden

„Die Schaffung von Wohnraum steht in Singen auf mehreren Säulen. Hierzu zählt die Reaktivierung von Bestandsbauten – Wohnraum, der bereits vorhanden war und zum Teil nicht genutzt wurde, sogenannter Miet-Leerstand. Es mussten keine neuen Flächen verbraucht und verbaut werden“, betont Häusler. „Dadurch ist es uns gelungen, vielen Menschen zu Wohnraum zu verhelfen, darunter Familien und Einzelpersonen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, sowie Personen am Rande der Gesellschaft.“

Stadt Singen übt Vorverkaufsrecht aus

Gleichzeitig nehme die Stadt Singen das Vorkaufsrecht bei Verkäufen von Wohnimmobilien in Anspruch. So sei der Bestand an „städtischen“ Wohnungen von faktisch 0 wieder auf 56 Mietwohnungen erhöht worden. Sie sollen sehr günstig an Menschen vermietet werden, die auf dem freien Wohnungsmarkt zum Teil kaum eine Chance hätten. „Beim Geschoss-Wohnungsbau sind die Baugenossenschaften für uns ein wichtiger Partner, genauso wie private Investoren. In den vergangenen sechs Jahren wurden über 1400 neue Wohneinheiten genehmigt, darunter sozial geförderter Wohnraum und viele preisgünstigere Wohnungen durch Baugenossenschaften“, schildert der Oberbürgermeister. „Weitere Geschossbauten sind durch unsere Baugenossenschaften kurz vor der Umsetzung.“

Baugebiete sollen Druck vermindern

Auch in Hilzingen gibt es derzeit ein rege Bautätigkeit. Im vergangenen Jahr seien die letzten Plätze im Neubaugebiet „Beim Steppbachwiesle“ in Hilzingen sowie „Im Engelweg II“ in Binningen vergeben worden, berichtet der Hilzinger Bürgermeister Holger Mayer. „Um dem großen Druck nach Wohnraum nachzukommen, planen wir auch in naher Zukunft weitere Baugebiete, wie in Weiterdingen. In Schlatt am Randen sind wir auf der Zielgeraden. Auch in Riedheim und Duchtlingen werden Neubaugebiete entstehen.“ Wenn diese Projekte abgeschlossen seien, sollte aber etwas das Tempo gedrosselt werden. „Mir ist der maßvolle und nachhaltige Umgang mit unseren Flächen sehr wichtig“, betont der Bürgermeister.

„Wir müssen die kommunale Wohnbaupolitik neu denken.“Holger Mayer, Hilzinger Bürgermeister
„Wir müssen die kommunale Wohnbaupolitik neu denken.“Holger Mayer, Hilzinger Bürgermeister | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Wir sind gerade dabei, unsere Richtlinien zur Vergabe gemeindeeigener Wohnbauplätze zu überarbeiten. Bewerber können nach einem festgelegten System Punkte für Sozial- und Ortsbezugskritierien sammeln. Auch ehrenamtliches Engagement gibt Punkte“ erklärt Mayer. Die finale Beratung im Gemeinderat stehe noch aus. „Wie die zukünftigen Grundstückspreise aussehen, kann aktuell noch nicht festgesetzt werden. Die Plätze im Steppbachwiesle in Hilzingen lagen bei 245 Euro pro Quadratmeter Bauland. Bei diesem Baugebiet als Beispiel haben auch Auswärtige dort Bauplätze erhalten. Unsere Vergabe-Kriterien schließen sie nicht per se aus. Das dürfen wir nach richterlichen Urteilen auch nicht“, betont Mayer.

„Die Nachfrage nach Bauplätzen ist auch in Tengen sehr groß.“Marian Schreier, Tengener Bürgermeister
„Die Nachfrage nach Bauplätzen ist auch in Tengen sehr groß.“Marian Schreier, Tengener Bürgermeister | Bild: ansgar

„Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit. Deshalb müssen wir auch im ländlichen Raum die Wohnungspolitik neu denken“, sagt Mayer. Ein Paradebeispiel in Hilzingen sei das Areal rund um das Alte Rathaus. „Hier werden insgesamt über 50 Wohnungen entstehen. In der Roseneggstraße wird ein Wohnpark mit zwölf Einheiten für ein bezahlbares Zuhause gebaut. Auch in den Ortsteilen sollen neue Mehrfamilien-Wohnhäuser Wohnraum schaffen. Wir sind hier auf einem guten Weg“, sagt Mayer. Wir werden die Themen noch für die weiteren Hegaugemeinden beleuchten.

Tengen schafft wegen der großen Nachfrage drei Neubaugebiete

Marian Schreier, Tengens Bürgermeister, verrät im kleinen Interview, wie sich seine Stadt samt den acht Ortsteilen in Sachen Neubaugebiete und günstiger Wohnraum aufstellt.

Herr Schreier, wo gibt es in Tengen und den Stadtteilen aktuelle oder zeitnah geplante Neubaugebiete?

2020 wurde das Neubaugebiet Ob den Häusern in der Kernstadt Tengen mit acht Bauplätzen erschlossen. Diese sind alle verkauft beziehungsweise reserviert. Die ersten Häuser werden momentan gebaut.

Für das Jahr 2021 haben wir die Erschließung des Neubaugebiets Amtsgarten in der Kernstadt Tengen geplant. Hier sollen 13 Bauplätze entstehen. Ferner planen wir Bauplätze in Watterdingen und Büßlingen. Hier befinden wir uns in der Phase des Grunderwerbs.

Welche Kriterien greifen bei der Vergabe, wie groß ist die Nachfrage und können auch in Tengen Auswärtige zum Zug kommen?

Die Bauplätze werden nach Richtlinien für die Bauplatzvergabe vergeben. Sie sind auf unserer Homepage unter www.tengen.de zu finden. Es können auch Auswärtige zum Zug kommen, wenn diese ausreichend Punkte erzielen. Die Nachfrage nach Bauplätzen in der Stadt Tengen ist in den letzten Jahren hoch gewesen.

Sind in der Stadt Tengen Mehrgeschosswohnungen, auch im Hinblick auf bezahlbaren Wohnraum, geplant?

Wir schaffen auch die Voraussetzungen für Geschosswohnungsbau. So wird zum Beispiel hinter der Marktstraße in der Kernstadt Tengen, wo aktuell eine Arztpraxis untergebracht ist, ein Geschosswohnungsbau mit 14 Wohneinheiten entstehen.