Jetzt ist das Maß voll: Erstmals wird es in Singen zu einer Gegendemonstration gegen die sogenannten „Montagsspaziergänge“ kommen. Zwar nur online, aber Initiator und SPD-Landtagsabgeordneter Hans-Peter Storz will das Feld nicht gänzlich den Corona-kritischen Teilnehmern des abendlichen Protestzuges überlassen.

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Im Gespräch mit dem SÜDKURIER macht er deutlich: „Nur gemeinsam sind wir stark gegen Corona. Wir wollen ein Zeichen für mehr Solidarität und Miteinander in Singen und im Hegau setzen. Deswegen rufen wir zu einer Online-Demonstration auf.“ Zahlreiche Politiker wie etwa Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler, sowie die Bundestagsabgeordneten Andreas Jung (CDU), Lina Seitzl (SPD) oder Ann-Veruschka Jurisch (FDP) haben sich der Aktion bereits angeschlossen. Auch Pfarrerin Andrea Fink und Dekan Matthias Zimmermann sowie Bürgermeisterin Ute Seifried und Dorothea Wehinger, Landtagsabgeordnete der Grünen, zählen zu den Unterstützern.

Am Montag hatten sich zwischen 500 und 600 Teilnehmer erneut zu einem Protestzug durch die Singener Innenstadt aufgemacht.
Am Montag hatten sich zwischen 500 und 600 Teilnehmer erneut zu einem Protestzug durch die Singener Innenstadt aufgemacht. | Bild: Tesche, Sabine

Für Hans-Peter Storz sei nun ein Punkt erreicht, an dem man reagieren müsse. „Wir sind zunehmend erschrocken, welche Dimensionen die Spaziergänge bei uns in Singen aber auch in ganz Deutschland angenommen haben“, sagt er. Damit spielte der SPD-Landtagsabgeordnete auch auf den vergangenen Montag an: Dort nahmen laut Polizeiangaben zwischen 500 bis 600 an dem Protestzug durch die Singener Innenstadt teil. Bei der ersten Aktion kurz vor Weihnachten lag die Zahl der Teilnehmer in Singen noch bei etwa 200 Personen.

Storz: „Diese Versammlungen sind illegal.“

Und Storz macht deutlich: „Diese Versammlungen sind illegal. Die Menschen, die daran teilnehmen, verstoßen gegen das Versammlungsgesetz.“ Er habe zwar Verständnis für eine kritische Diskussion über die einzelnen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus. „Aber wir haben absolut kein Verständnis dafür, wenn unter dem verharmlosenden Etikett der Spaziergänge demokratische Spielregeln vorsätzlich missachtet werden“, so Storz weiter.

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Auch Oberbürgermeister Bernd Häusler findet deutliche Worte: „Die Online-Demo soll ein Gegenpol zu den Protestzügen darstellen. Die Öffentlichkeit soll nicht meinen, dass die Spaziergänger die Mehrheit verkörpern.“ Denn die Mehrheit der Gesellschaft würde die ergriffenen Corona-Maßnahmen befürworten. „Das Thema Impfen etwa wird von einem Großteil der Bevölkerung getragen“, so Häusler weiter. Vielmehr appellierte er an die Teilnehmer der Protestzüge: „Die Menschen, die dort mitlaufen, sollten wissen, für wen sie sich instrumentalisieren lassen.“ Auch Hans-Peter Storz verweist darauf, dass viele Spaziergänger nicht wüssten, hinter wem sie herlaufen.

In engeren Straßenbereichen war das Gedränge am vergangenen Montag zum Teil groß. Abstand und Masken suchte man bei den Teilnehmern meist vergebens.
In engeren Straßenbereichen war das Gedränge am vergangenen Montag zum Teil groß. Abstand und Masken suchte man bei den Teilnehmern meist vergebens. | Bild: Tesche, Sabine

Bei den Teilnehmern würde es sich laut Storz um eine bunte Mischung an Menschen handeln. „Viele Teilnehmer machen sich einfach Sorgen, aber es befinden sich auch Menschen darunter, die auf Kanälen etwa der AfD mobilisiert werden, und Menschen, die die Veranstaltung nutzen, um einfach nur ihre Aggressivität auszuleben“, sagt Storz.

Aggressionspotenzial nimmt zu

Er habe festgestellt, dass die Übergriffe auf Gegendemonstranten, Polizisten und Journalisten zugenommen haben – obgleich er auch betont, dass es in Singen bisher zu keinen Vorfällen gekommen sei. OB Bernd Häusler ergänzt: „Die Menschen, die etwa im Messengerdienst Telegram zum Mitlaufen aufrufen, wollen ein funktionierendes System destabilisieren.“ Zu diesen Gruppen zähle er etwa Reichsbürger oder Querdenker. „Das müssen die Teilnehmer wissen.“

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Warum sich Initiator Hans-Peter Storz und seine Mitstreiter für eine Online-Aktion entschieden haben, begründet er mit dem vermehrten Einsatz der Polizei. „Wir haben von einer Gegen-Demonstration abgesehen, da dies unsere Polizeikräfte zusätzlich belastet würden“, betont Storz. Zudem wolle man keinen zusätzlichen Konfliktraum schaffen. „Wer mitmachen will, kann sich in eine Liste eintragen und so deutlich zu machen, dass wir eine große Mehrheit sind und das Feld nicht den ‚Spaziergängern‘ überlassen möchten“, so Storz.

Auch in Konstanz gab es eine Gegen-Demo

  • 600 Protestierende in Singen: Am vergangenen Montag nahmen laut Polizeiangaben zwischen 500 und 600 Menschen bei den sogenannten „Montagsspaziergängen“ in Singen teil. Wie Polizeisprecher Uwe Vincon berichtete, lief die Veranstaltung friedlich ab und es sei zu keinerlei Vorfällen gekommen. Auch in anderen Gemeinden im Hegau gingen die Menschen auf die Straße, um gegen die aktuellen Corona-Regeln zu protestieren. Laut Polizei waren es in Engen etwa 130 und in Steißlingen 50 Personen.
  • Erstmalige Gegen-Demo in Konstanz: Am vergangenen Montag rief die Konstanzerin Petra Rietzler zum Gegenprotest gegen die sogenannten „Spaziergänger“ auf. Ihrem Aufruf, sich an einer entsprechenden Gegendemonstration zu beteiligen folgten nach Polizeiangaben mehr als 450 Menschen. Initiatorin Rietzler rief auch hier zu mehr Solidarität inmitten der Pandemie auf. Zeitgleich nahmen am Corona-kritischen sogenannten Spaziergang in Konstanz am vergangenen Montag laut Polizeiangaben mehr als 200 Menschen teil. Die Polizei zeigte über den gesamten Abend hin im Konstanzer Stadtgebiet eine verstärkte Präsenz.
  • Hier geht es zur Online-Demo: Seit Dienstagabend ist die Seite online, die zum Gegenprotest gegen die Spaziergänger in Singen aufruft. Wer sich daran beteiligen will, kann sich eintragen unter www.singen-solidarisch.de