Frau Kaiser, zum 1. Januar 2022 haben Sie die Geschäftsleitung von „Kinderchancen Singen e.V.“ übernommen und damit die Nachfolge von Bettina Fehrenbach angetreten. Was ist Ihnen bei dieser Aufgabe wichtig?

Der Verein Kinderchancen hat vor über zehn Jahren mit Kinderarmut ein zentrales Thema in unserer Gesellschaft aufgegriffen. Jedes fünfte Kind lebt in Singen an der Armutsgrenze – oft mit fatalen Folgen.

Wir aber wollen allen Kindern, unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern, gute Chancen für ihre Zukunft geben. Meine Vorgängerin Bettina Fehrenbach und der gesamte Verein Kinderchancen haben wichtige Impulse gesetzt und viele Projekte aufgebaut. Diese Arbeit möchte ich gerne stabilisieren und weiterentwickeln. Ich freue mich sehr auf die Herausforderung und das erweiterte soziale Arbeitsfeld.

Was sind die Kernprojekte?

Unsere wichtigste Aufgabe ist der Aufbau eines Präventionsnetzwerkes gegen Kinderarmut in Singen, denn die Bekämpfung der Kinderarmut gelingt uns nur gemeinsam. Wir verstehen uns dabei als breites Netzwerk und Lobby für Kinder aus armen Familien.

Neben diesen konzeptionellen Arbeiten engagieren wir uns in vielen ganz konkreten Projekten, zum Beispiel beim gesunden Frühstück an einigen Singener Schulen und Kitas, in der „Frühen Hilfen“ für Jenische und Sinti oder im Projekt „KiJu-Karte“ und „Netzwerk Singener Wegweiser*innen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Schwerpunkt ist gerade das Landesprojekt „Starke Kinder im Singener Süden“. Aber auch unsere vielfältigen Angebote für Kinder im Südstadttreff und im Siedlerheim. Diese reichen vom Schulranzen-Projekt für Erstklässler bis hin zu Angeboten wie Lernhilfen, kreatives Tanzen, dem „Lese Club“ oder Elterncafés.

Mit welchen Kooperationspartnern arbeiten Sie zusammen?

Zentraler Partner ist die Stadt Singen, mit der wir gemeinsam den „Runden Tisch Kinderchancen“ organisieren. Hier arbeiten wir mit den Wohlfahrtsverbänden, Kitas und Schulen, Kirchengemeinden, Kinder- und Jugendeinrichtungen und vielen weiteren Initiativen und Vereinen in Singen zusammen. Auch mit dem Kreisjugendamt und dem Jobcenter besteht eine enge Kooperation.

Nicht zuletzt sind wir auch für die Unterstützung des Landes Baden-Württemberg sehr dankbar. Das fördert uns mit dem Programm „Starke Kinder chancenreich“. Eine wichtige Verbindung besteht zudem mit Ehrenamtlichen aus Singen. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund und selbst nur ein geringes Einkommen. Mit ihrer Hilfe finden wir oft einen guten Zugang zu den Kindern und ihren Familien.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von teilnehmenden Kindern und Eltern?

Überaus gute, da die Inhalte der Angebote gerne angenommen werden, sehr vielfältig und überwiegend kostenlos sind. Unsere Kurse sind meist ausgebucht und es gibt oft mehr Interessierte, als Plätze zur Verfügung stehen.

Die Kontaktbeschränkungen wegen Corona sind für uns leider sehr schwierig. Viele schauen regelmäßig in unserem Südstadttreff in der Berlinerstraße 8 in Singen vorbei, um einfach „Hallo“ zu sagen oder mit uns zu reden. Der Standort des Südstadttreffs in Singen hat sich bewährt.

Bekommen Sie auch Feedback von Schulen und Kindergärten?

Ja, sehr viele sogar. Wir arbeiten ja mit den Schulen und Kitas ganz eng zusammen. Das „Gesunde Frühstück“ ist für viele Kinder seit Corona noch wichtiger geworden, da die Lebensmittelpreise für gesunde Ernährung gestiegen sind.

Die Familienberater der Kitas und die Schulsozialarbeiter an den Schulen sind froh über die Angebote und die Zusammenarbeit mit Kinderchancen und sehen dies als Bereicherung für ihre eigene Arbeit an. Sehr positive Rückmeldungen gibt es auch zum Einsatz unserer Schulguides als Vermittler von Sprache und Kultur und der Arbeit der Elternlotsen.

Jahrzehntelang waren Sie operativ in der Behindertenhilfe tätig, unter anderem für den Caritasverband mit dem Projekt „Zweite Hilfe inklusive“. Worum geht es da?

Seit 1985 arbeite ich in den Wohneinrichtungen mit Menschen mit Behinderung. Mit einer Halbtagesstelle bleibe ich in der Caritas Singen-Hegau weiterhin engagiert. Hier bin ich für verschiedene Projekte zuständig, wie zum Beispiel das Projekt „Zweite Hilfe inklusive“. In diesem Ehrenamtsprojekt begleiten wir Menschen mit Behinderung, die ins Krankenhaus müssen.

Wir entlasten und unterstützen damit die Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus und bieten eine Brücke, damit der Aufenthalt für beide Seiten gut verläuft. Die Idee dazu entstand bereits im Jahr 2017 in dem Projekt „Inklusives Krankenhaus“, das in Zusammenarbeit mit dem Hegau-Bodensee-Klinikum Singen durchgeführt wurde.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Krankenhausaufenthalt ist für jeden Menschen zunächst mit Ungewissheit verbunden, mit Aufregung und Ängsten. Für Menschen mit Handicap bedeutet ein Krankenhausaufenthalt eine nochmal größere Herausforderung. Nicht nur für sie selbst, sondern ebenso für ihr Umfeld. Sie tun sich oftmals noch schwerer mit der neuen Situation, in der sie sich befinden, und die fernab ihres gewohnten Alltags ist.

Wie unterstützen Sie diese Menschen konkret?

Wir arbeiten in Tandem-Teams, bestehend aus Menschen mit und ohne Behinderung, die die Patienten mit Handicap begleiten und versuchen, auf deren Wünsche einzugehen. Das können manchmal ganz banale Sachen sein, wie ein Besuch in der Cafeteria, einfach am Bett sitzen und zuhören, gemeinsam spielen oder auch ein gemeinsamer Spaziergang. Das Ziel ist es, den Patienten dabei Sicherheit zu geben und ihnen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind.

Um noch einmal auf den Verein Kinderchancen zurück zu kommen. Ohne Ehrenamt und Sponsoren geht wahrscheinlich nichts. Was brauchen Sie momentan konkret an Hilfe, was wünschen Sie sich für die Arbeit?

Ich persönlich wünsche mir, dass der Verein Kinderchancen weiterhin verlässlich über kommunale und staatliche Mittel finanziert wird und ich mit meinen Kolleginnen unsere Projekte verwirklichen und weiterentwickeln kann.

Unsere Arbeit ist notwendiger denn je! Und natürlich hoffe ich weiterhin auf die Großzügigkeit unserer Spender sowie auf ehrenamtliche Unterstützung. Ohne sie könnten wir bei Kinderchancen vieles nicht umzusetzen.

Fragen: Nicola M. Westphal