Was soll ich tun, wenn ich vergesslich werde oder wenn meinen Angehörigen extreme Vergesslichkeit auffällt ?

Das gelegentliche Vergessen von Inhalten ist nicht besorgniserregend. Auffällig ist jedoch, wenn sich ein Betroffener an ganze Episoden, wie Urlaube oder Besuche von Bekannten, die nur Tage oder Wochen zurückliegen, nicht mehr erinnern kann. Auch ist das ständige Verlegen von Gegenständen, die sich an ungewöhnlichen Orten wiederfinden, ein möglicher Hinweis für eine dementielle Entwicklung.

Professor Dr. Christof Klötzsch (Jahrgang 1964) leitet seit 2002 die Klinik für Neurologie im Hegau-Bodensee Klinikum in Singen. Seit 2019 ist er ausschließlich in Singen tätig, zuvor hat er außerdem die Akutabteilung der Kliniken Schmieder in Allensbach geleitet. Die neurologische Abteilung in Singen, in der das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen behandelt wird, belegt durchschnittlich 38 Betten im Klinikum. Pro Jahr werden hier über 2.100 Patienten stationär behandelt.
Professor Dr. Christof Klötzsch (Jahrgang 1964) leitet seit 2002 die Klinik für Neurologie im Hegau-Bodensee Klinikum in Singen. Seit 2019 ist er ausschließlich in Singen tätig, zuvor hat er außerdem die Akutabteilung der Kliniken Schmieder in Allensbach geleitet. Die neurologische Abteilung in Singen, in der das gesamte Spektrum neurologischer Erkrankungen behandelt wird, belegt durchschnittlich 38 Betten im Klinikum. Pro Jahr werden hier über 2.100 Patienten stationär behandelt. | Bild: Hegau-Bodensee-Klinikum Singen

Um solche Einschränkungen genauer zu untersuchen werden entsprechende Hirnleistungstest von Neurologen angewendet. Sind diese auffällig, ist weitere Diagnostik mit einer Schädel-Kernspintomographie, Laboruntersuchungen und gegebenenfalls auch eine Nervenwasseruntersuchung erforderlich.

Demenz ist nur ein Überbegriff, welches sind die häufigsten Formen?

Den meisten Menschen ist die Alzheimer-Demenz geläufig, die sich jedoch in der Mehrzahl der Fälle erst im fortgeschrittenen Lebensalter, das heißt mit mehr als 75 Jahren bemerkbar macht. Etwa ein Drittel aller 90-jährigen Menschen leidet an einer Alzheimer-Demenz. Früher kann jedoch schon eine vaskuläre Demenz auftreten. Diese entwickelt sich auf dem Boden einer Schädigung kleiner Blutgefäße im Gehirn durch Bluthochdruck und/oder Diabetes mellitus. Durch für den Patienten unbemerkt auftretende kleine Schlaganfälle kommt es zu einer chronischen Schädigung des Gehirns mit einem Hirnabbauprozess und im weiteren Verlauf einer Gangstörung und Blasenschwäche. Eine vaskuläre Demenz kann sich dabei schon um das 60. Lebensjahr herum bemerkbar machen.

Kann es hilfreich sein, bei einem Verdacht auf eine dementielle Erkrankung frühzeitig zu einem Arzt zu gehen?

Ja, insbesondere bei den vaskulären Demenzen kann man in der Frühphase durch eine Beeinflussung der Gefäßrisikofaktoren Bluthochdruck und Diabetes ein rasches Fortschreiten der Demenz bremsen. Darüber hinaus gibt es weitere Demenzformen, wie den Normaldruckhydrocephalus, auch Altershirndruck genannt, der – wenn er rechtzeitig erkannt wird – durch einen kleinen neurochirurgischen Eingriff, behoben werden kann. Gerade bei Menschen unter 60 Jahren, die eine dementielle Entwicklung aufweisen, können Stoffwechselerkrankungen oder auch autoimmun vermittelte Erkrankungen die Ursache sein, die alle relativ gut behandelbar sind.

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Inwieweit spielt medikamentöse Therapie eine Rolle bei Demenzpatienten ?

Die Wirkung von Medikamenten auf die geistigen Fähigkeiten von Alzheimer-Patienten wird deutlich überschätzt. Allenfalls ein Drittel der Patienten spricht auf die Wirkung hirn-leistungssteigernder Medikamente an. Im weiteren Krankheitsverlauf müssen bei der Alzheimer-Demenz gelegentlich Medikamente eingesetzt werden, um bei den Patienten Aggression oder Unruhe zu lindern.

Was würden Sie den SÜDKURIER-Lesern zum Thema Demenz sonst noch mit auf den Weg geben ?

Es gibt aus vielen Studien Hinweise, dass ein gesundes Leben mit regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung und einer kontinuierlichen geistigen Beanspruchung eine dementielle Entwicklung bremsen beziehungsweise hinauszögern kann. Wir empfehlen Demenz-Patienten und ihren Angehörigen neben regelmäßiger körperlicher Aktivität auch Sozialkontakte und die Beschäftigung mit Dingen, die ihnen lieb sind. Hingegen hat es keinen Sinn, sich mit Gehirnjogging zu beschäftigen und dabei beispielsweise anzufangen Kreuzworträtsel zu lösen, obwohl man die sein Leben lang gehasst hat.

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