Mulmig kann einem schon werden, wenn man dieser Tage als Medienvertreter eine Kundgebung besucht. Die Schlagzeilen sind bekannt: Nach einer Demonstration gegen die Hygieneverordnungen attackieren bis zu 25 vermummte Täter am 1. Mai das TV-Team der „Heute-Show“. Wenige Tage darauf: Bei einer ähnlichen Veranstaltung in Berlin, Tritte gegen einen Tonassistenten der ARD. Am 9. Mai greift ein mutmaßlich Rechtsextremer in Dortmund ein Kamerateam des WDR an.

Die Stimmung auf dem Parkplatz des Singener Hallenbads ist im Vergleich dann doch angenehm entspannt. Keine Skinheads. Kein krakeelender Mob. Stattdessen etwa 35 Frauen und Männer – die meisten zwischen 45 und 75 Jahre alt –, die sich gegenseitig freundlich begrüßen. „Denkt dran: Abstände einhalten“, erinnert Klaus Fehrle die Teilnehmer, bevor sich der Zug in Richtung Innenstadt aufmacht.

Die Teilnehmer sind aus der ganzen Umgebung angereist.
Die Teilnehmer sind aus der ganzen Umgebung angereist. | Bild: Tesche, Sabine

Fehrle ist einer von einer handvoll Organisatoren, die Sicherheitswesten tragen. Aber auch, wenn er vorne weg marschiert, verstehen sich die Menschen, die an diesem Abend während eines Spaziergangs gegen die Corona-Verordnungen demonstrieren, als Gleichberechtigte.

Über das Internet organisiert

„Wir haben uns im vergangenen Monat über E-Mails und in einer Whatsapp-Gruppe ausgetauscht“, erklärt Jürgen Spreemann. Er trägt einen Bart, längere Haare und in der Hand ein Schild, das „Pharma-Lügen“ anprangert.

Jürgen Spreemann im Gespräch mit unserem Redakteur.
Jürgen Spreemann im Gespräch mit unserem Redakteur. | Bild: Tesche, Sabine

Scheu vorm Journalisten hat Spreemann nicht. Er nimmt sich Zeit, verlangsamt das Tempo, während er seine Sicht auf die derzeitige Situation schildert. Und auch die wirkt erstaunlich entspannt: Mehr als 105.000 mit Corona-Infizierte, die alleine in den USA gestorben sind? „Das sind ja nicht einmal 0,1 Prozent der Bevölkerung.“ Inzwischen mehr als 8500 Tote in Deutschland? „Vergleichen Sie das mal mit den Grippetoten der vergangenen Jahre.“

Wunsch nach Versammlungsfreiheit

Spreemann glaubt nicht, dass der Shut-Down wesentlich dazu beigetragen hat, Ansteckungen zu verhindern. Umso bedenklicher ist für ihn, dass die Versammlungsfreiheit weiter eingeschränkt ist. „Es war vermutlich nie so bequem zu regieren wie gerade“, mutmaßt der Rentner aus Eigeltingen.

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Rüdiger Balasus schließt in der Mitte des Zugs zu Spreemann auf. Dass Covid-19 nicht so schlimm sei wie gedacht, sei früh klar gewesen, meint auch der Apotheker aus Volkertshausen. Seine Prognose: „Jetzt, wo es immer wärmer wird, wird uns eher wieder das Norovirus zu schaffen machen.“

Einige Teilnehmer protestieren zum ersten Mal gegen die Verordnungen.
Einige Teilnehmer protestieren zum ersten Mal gegen die Verordnungen. | Bild: Tesche, Sabine

Eine Maskenpflicht hält Balasus für überzogen. Trägt man einen Mund-Nase-Schutz zu lange, könne die Maske sogar zum Nährboden für Bakterien und Viren werden, sagt er. Dann wird es auf einmal lauter.

Gegen Angela Merkel, Bill Gates, die Medien und mehr

Demonstrant Wolfgang Schneefeld hat das Wort ergriffen. Und während sich der Mann mit dem „Merkel weg“-Schild in der Hegaustraße an seine Mitstreiter wendet, wird auf einmal deutlich, dass auch die Anwesenden Ängste umtreiben. Vor einem Virus, das weltweit immer mehr Menschen das Leben kostet, fürchten sie sich zwar weniger. Stattdessen ist ein umso größeres Misstrauen gegenüber Regierungen, Konzernen und Medien zu spüren.

Eine Schutzimpfung gegen Corona? Nicht, wenn es nach Demonstrant Wolfgang Schneefeld geht.
Eine Schutzimpfung gegen Corona? Nicht, wenn es nach Demonstrant Wolfgang Schneefeld geht. | Bild: Tesche, Sabine

Schneefeld teilt gegen Ministerpräsident und „Söder-Freund“ Winfried Kretschmann aus. Die Kanzlerin bekommt ihr Fett weg, genauso Bill Gates und Dietmar Hopp.

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Noch eindringlicher wird der Mann aus Radolfzell, wenn es um das Thema Impfen geht. Eine Impfung gegen das Virus komme einer Genmanipulation gleich. Schneefeld schließt mit: „Corona ist out, es gibt kein Corona mehr.“

Der Wunsch nach unabhängiger Einschätzung

Dann spricht Pia Dieterle. Die derzeitigen Einschränkungen seien für viele nicht nur psychisch, sondern auch physisch belastend – zum Beispiel für Patienten, deren Operationen immer weiter hinausgeschoben werden. Auch die Lage beim Thema Kinderbetreuung beschreibt die Frau aus Aach als extrem.

Während des Protests – wie hier in der Hegaustraße – werden Abstände gewahrt.
Während des Protests – wie hier in der Hegaustraße – werden Abstände gewahrt. | Bild: Tesche, Sabine

Vor allem aber kritisiert Pia Dieterle, dass sich die Ziele der Regierung ständig zu ändern scheinen. Ihr Eindruck: Die Entscheidungsträger verlassen sich zu sehr auf die Meinung weniger Experten. „Man hört doch immer nur vom Robert-Koch-Institut und der Leopoldina„, findet die Fabrikarbeiterin.

Sie fordert eine unabhängige Untersuchungskommission, die die Entscheidungen der Regierung unter die Lupe nimmt. Unterstellt sie den Machthabenden bösen Willen? So drastisch möchte sich Dieterle dann doch nicht ausdrücken.

Die Verschwörungstheorie: Nur eine Erfindung der CIA?

Dieterle und den anderen Demonstranten ist es wichtig, nicht als Verschwörungstheoretiker abgestempelt zu werden. „Ich mag das Wort nicht“, sagt auch Rüdiger Balasus: „Die CIA hat den Begriff Verschwörungstheorie nach dem Kennedy-Attentat gezielt eingesetzt, um ihre Kritiker zu diskreditieren.“

Rüdiger Balasus beim Gespräch mit dem SÜDKURIER.
Rüdiger Balasus beim Gespräch mit dem SÜDKURIER. | Bild: Tesche, Sabine

Der Apotheker gibt aber zu, einen Großteil seiner Nachrichten aus dem Internet zu beziehen. Nicht nur er. Auf dem Rückweg zum Hallenbad tauschen sich einige über Texte und Videos aus, die sie in den vergangenen Tagen entdeckt haben. Auch für den SÜDKURIER-Redakteur gibt es Tipps: von der Corona-Studie des Forschers Isaac Ben-Israel bis hin zu den Beobachtungen von Kabarettist Dieter Nuhr.

Die 68er, der Mauerfall – und jetzt?

Spätestens nachdem ein vorbeifahrender Autofahrer aufmunternd hupt, ist die Stimmung gelöst. Man wolle auch in Zukunft weiter Druck ausüben, fasst Rüdiger Balasus zusammen. Ziel sei es, dass die Einschränkungen möglichst schnell zurückgefahren werden.

Bild: Tesche, Sabine

Der Apotheker ist optimistisch: „Es gab in der Geschichte immer wieder Momente, wo Menschen auf die Straßen gegangen sind und Veränderungen bewirkt haben. 1968 und 1989 zum Beispiel. Ich kann mich täuschen, aber gerade könnte wieder so ein Moment sein.“

Hygiene-Demos in Singen: Um was geht es den Teilnehmern?

Vor etwa einem Monat hat sich in der Region eine Gruppe gebildet, die nach eigenen Angaben für die Erhaltung der Grundrechte kämpft. Unter anderem geht es um die Versammlungsfreiheit – auch in Corona-Zeiten.

  • Die Ziele: In einer schriftlichen Einladung, die die Gruppe unter anderem auch an den SÜDKURIER verschickt hat, heißt es: „Die Freiheit als höchstes Gut des Menschen gilt es zu erhalten, und man setzt sich für ein friedliches und respektvolles Miteinander ein.“
  • Das Selbstverständnis: Die Gruppe wolle bei der Bevölkerung das Problembewusstsein verstärken und erreichen, dass sich möglichst viele Menschen mit der Situation in der heutigen Zeit befassen, heißt es in der Mitteilung. Und: „Die Mitglieder dieser Gruppierung kommen aus allen Teilen der Bevölkerung und sind politisch weder links, noch rechts, weder oben, noch unten einzuordnen.“
  • Die Termine: Immer mittwochs um 18 Uhr veranstaltet die Gruppe einen Fußmarsch oder einen Spaziergang durch die Singener Innenstadt mit Start und Ziel am Hallenbad. Jeweils samstags ab 14.30 Uhr führt die Gruppe zudem eine Protestveranstaltung in der Innenstadt durch. Dazu heißt es in der Pressemitteilung der Gruppe: „Es gibt Möglichkeiten der Meditation oder aber Redebeiträge zu Themen der aktuellen Situation.“

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