„Ich liebe die Menschen“, sagt Martina Kaiser, und man nimmt es ihr auf Anhieb ab. Ihren Beruf bezeichnet sie nicht als Job, sondern als Berufung. Während wir darüber sprechen, wie alles in den 1980er-Jahren begonnen hat, klingelt mehrfach das Telefon. Sie hat auf den Anruf gewartet. Am anderen Ende ist jemand von der Heimaufsicht. Eigentlich hat Martina Kaiser Urlaub. Aber der Beruf lässt sie eben doch nicht los.

Wann immer sie gerufen wird, ist Martina Kaiser zur Stelle. Bei der Caritas ist sie heute in leitender Funktion für den Fachbereich Wohnen in der Behindertenhilfe zuständig. Den Impuls für ihr Sozialengagement erhielt sie im Singener Krankenhaus als Sonntagsmädchen. Mit dem von ihr initiierten Projekt „Zweite Hälfte inklusive“ ist sie auch wieder im Krankenhaus tätig.
Wann immer sie gerufen wird, ist Martina Kaiser zur Stelle. Bei der Caritas ist sie heute in leitender Funktion für den Fachbereich Wohnen in der Behindertenhilfe zuständig. Den Impuls für ihr Sozialengagement erhielt sie im Singener Krankenhaus als Sonntagsmädchen. Mit dem von ihr initiierten Projekt „Zweite Hälfte inklusive“ ist sie auch wieder im Krankenhaus tätig. | Bild: Gudrun Trautmann

Begonnen hat alles mit ihrem Einsatz als Sonntagshelferin. In den 1980er-Jahren war das für viele junge Frauen eine willkommene Gelegenheit, um sich ein bisschen Taschengeld zu verdienen und in den Pflegeberuf reinzuschnuppern.

Martina Kaiser hatte einen ganz profanen Grund: Sie brauchte Spritgeld für ihr Mofa. Da kam die Aufwandsentschädigung für den Sonntagsdienst im Krankenhaus ganz gelegen.

Spritgeld für das Hercules-Mofa

Der Dienst auf der Wochenstation war für die junge Helferin aber so interessant, dass hier die Weichen für ihr späteres soziales Engagement gestellt wurden. „Ich fühlte mich im Team der Ärzte und Schwestern vollkommen akzeptiert. Ich war so stolz, dass ich die Neugeborenen vom Kinderzimmer zu ihren Müttern bringen durfte“, erzählt sie. Dieses Vertrauen habe sie gestärkt und ermuntert, einen sozialen Beruf zu ergreifen.

Mit 17 half Martina Kaiser ab August 1983 an den Wochenenden als Sonntagsmädchen auf der Wochenstation im Singener Krankenhaus. Hier durfte sie Verantwortung übernehmen und fühlte sich vom Ärzte- und Pflegeteam akzeptiert. Das war der Impuls für ihr lebenslanges Sozialengagement.
Mit 17 half Martina Kaiser ab August 1983 an den Wochenenden als Sonntagsmädchen auf der Wochenstation im Singener Krankenhaus. Hier durfte sie Verantwortung übernehmen und fühlte sich vom Ärzte- und Pflegeteam akzeptiert. Das war der Impuls für ihr lebenslanges Sozialengagement. | Bild: Privat

Ähnlich erging es ihrer Schwester Ursula Amann. Vier Jahre lang hat sie als Sonntagshelferin zuerst in der Krankenhausküche, dann in der Chirurgie geholfen. Sie engagierte sich beim Roten Kreuz, wo sie noch heute Erste-Hilfe-Kurse gibt, und ließ sich zur Krankenschwester ausbilden.

Die Schwestern Martina Kaiser und Ursula Amman (geborene Seidler)haben beide als Sonntagshelferinnen im Singener Krankenhaus gearbeitet. Hier waren sie aber 1983/84 zusammen nach Genf zu ihrem Onkel gefahren.
Die Schwestern Martina Kaiser und Ursula Amman (geborene Seidler)haben beide als Sonntagshelferinnen im Singener Krankenhaus gearbeitet. Hier waren sie aber 1983/84 zusammen nach Genf zu ihrem Onkel gefahren. | Bild: Privat

„Damals hatte jede Station ein Sonntagsmädchen“, erinnern sich die beiden Schwestern. Ausgelöst wurde dieses Interesse durch die Aktion Gemeinsinn, die von 1957 bis 2015 das Ziel hatte, ehrenamtliches Engagement für gesellschaftliche Themen zu stärken und zum Wohle der Menschen zu arbeiten. Bei den Seidler-Schwestern Martina und Ursula sowie für viele andere junge Menschen war das der Auslöser für ein dauerhaftes soziales Engagement.

Martina Kaiser entschied sich zunächst für den Beruf der Erzieherin, stieg dann aber bei der Behindertenhilfe der Caritas ein, wo sie heute im Fachbereich Wohnen für rund 100 Bewohner in fünf Häusern in leitender Funktion tätig ist. Hier muss sie Einsatzpläne erstellen, Personal akquirieren und Fördergelder auftreiben.

Ein ganzes Buch voller Piktogramme hilft im Krankheitsfall bei der Verständigung von Menschen mit und ohne Behinderung. Die Zeichnungen hat Annette Kitzinger der Caritas zur Verfügung gestellt. Die Auswahl hat Martina Kaiser zusammengestellt.
Ein ganzes Buch voller Piktogramme hilft im Krankheitsfall bei der Verständigung von Menschen mit und ohne Behinderung. Die Zeichnungen hat Annette Kitzinger der Caritas zur Verfügung gestellt. Die Auswahl hat Martina Kaiser zusammengestellt. | Bild: Gudrun Trautmann

Eine besondere Herausforderung stellt die Corona-Pandemie dar. Menschen mit Behinderungen sind nicht immer in der Lage, die Abstands- und Hygienevorschriften einzuhalten. Sie brauchen Alltagsbegleiter, zum Beispiel, um Sport zu treiben oder auch nur in ein Café zu gehen.

Martina Kaiser hat mit Unterstützung von Aktion Mensch ein Projekt mit der Bezeichnung „Assistenz und Begleitung zu Zeiten von Corona im Hegau“ gestartet, in dem Ehrenamtliche solche Wünsche erfüllen.

Voller Stolz präsentierte diese Singener Gruppe 2019 beim Hamburger Ärztekongress das Caritas-Konzept „Händel mein Handicap – Inklusives Krankenhaus“ und erhielt dafür jede Menge Beifall.
Voller Stolz präsentierte diese Singener Gruppe 2019 beim Hamburger Ärztekongress das Caritas-Konzept „Händel mein Handicap – Inklusives Krankenhaus“ und erhielt dafür jede Menge Beifall. | Bild: Privat

Besonders stolz ist Martina Kaiser auf ihre jüngstes Projekt „Zweite Hilfe inklusive“. „Das verbindet mich wieder mit dem Krankenhaus“, erklärt sie. Auf Zuruf gehen Zweierteams in die Kliniken in Singen, Radolfzell, Konstanz oder Stockach, wenn ein Mensch mit Behinderung oder auch das Ärzteteam Unterstützung bei der Verständigung benötigen.

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Dieses Projekt hat Vorzeigecharakter. Deshalb wurde Martina Kaiser 2019 zusammen mit 18 weiteren Singenern mit und ohne Behinderung von der Berufsgenossenschaft Wohlfahrtspflege zum Ärztekongress nach Hamburg eingeladen, um zu erzählen, wie die Verständigung im Krankheitsfall funktioniert.

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